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Die Geschichte hilft beim Blick auf die Gegenwart

Das erste Treffen der Körber History Reflection Group brachte vom 6. bis 8. Dezember 2018 insgesamt 22 Historiker, Politiker und Diplomaten sowie Vertreter der Zivilgesellschaft und Medien in der belarussischen Hauptstadt zusammen. Im Mittelpunkt der zweitägigen Beratungen stand die Auseinandersetzung mit dem Erbe der beiden Weltkriege in Ost- und Mitteleuropa. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard erläutert im Interview, welchen Stellenwert der Erste Weltkrieg in der europäischen Erinnerungskultur einnimmt.  

Das Gespräch führte die Journalistin Gemma Pörzgen

In der historischen Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges wird der  Friedensschluss von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten unter Führung Deutschlands gerne vernachlässigt. Was bedeutet dieses historische Datum für die europäische Erinnerungskultur?

Ich glaube, dass Brest-Litowsk in der europäischen Erinnerungskultur im Vergleich zum Versailler Vertrag in der Tat ein Schattendasein fristet. Das finde ich in vieler Hinsicht nicht gerecht, weil dieser Vertrag der erste Friedensschluss in diesem Weltkrieg war. Er war außerdem zu Beginn ein Friedensschluss nach progressiven Prinzipien. Der Begriff der Selbstbestimmung taucht bei den Bolschewiki unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917 auf und in den ersten Phasen dieser Friedensverhandlungen wollten Deutsche und Russen eigentlich einen Frieden nach progressiven Maßstäben, nicht zuletzt, um die anderen Kriegsmächte unter Druck zu setzen.

Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter progressiv?

Progressiv heißt, dass es bei diesem Frieden eben keine Rückkehr zur Geheimdiplomatie mehr geben sollte. Während der ersten Verhandlungen wurden Protokolle angefertigt, die dann veröffentlicht werden sollten. Dieses Vorgehen veränderte sich im Laufe der Verhandlungen, und am Ende kam jener von der deutschen Militärführung gewünschte Diktatfrieden heraus, an den wir uns heute vor allem erinnern. Aber ganz am Anfang waren andere Akzente erkennbar. Zu den progressiven Elementen gehört vor allem das Motiv der nationalen  Selbstbestimmung. Das war deutlich vor dem 14-Punkte-Plan von US-Präsident Woodrow Wilson der universelle Schlüsselbegriff, den wir mit dieser Phase von 1917 bis 1923 identifizieren und der bis heute weiter gilt. Wenn man eine Geschichte über die globale Wirkung des Selbstbestimmungsprinzips schreiben will, dann kommt man um Brest-Litowsk nicht herum.

Gibt es noch mehr Punkte, die dieses Datum so bedeutsam machen?

Brest-Litowsk wurde zu einer Voraussetzung dafür, dass sich die Bolschewiki im Bürgerkrieg durchsetzen konnten. Es war so etwas wie eine außenpolitische Atempause zu einem sehr hohen Preis. Schließlich kamen in Brest-Litowsk sehr viele russische und deutsche Diplomaten zusammen, die sich im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder treffen würden, so etwa in Rapallo, wo sich das Deutsche Reich und Sowjetrussland 1922 über die Normalisierung ihrer Beziehungen einigen sollten, um ihre internationale Isolation zu überwinden. Einige der beteiligten deutschen Diplomaten wurden später auf sehr wichtige Botschafterposten versetzt - nach Moskau, Ankara oder Teheran. Deshalb ist Brest-Litowsk auch für die Weiterentwicklung der deutschen Mitteleuropa-Idee durch eine Mittelasienkonzeption und für die Entwicklung eines Imaginationsraums Osteuropa ein sehr wichtiges Datum. Auch wenn Brest-Litowsk vom Versailler-Friedensvertrag abgelöst wurde, sollte man sich stärker mit seinen Wirkungen auseinandersetzen. 

In der deutschen Erinnerungskultur gilt allerdings gerade der Versailler Vertrag als entscheidend für das Ende des Krieges. Bei Ihnen klingt es aber so, als sollten wir diese Zeit anders denken und uns von alten Mustern der Geschichtsinterpretation lösen. Wie kann so ein historisches Umdenken überhaupt bewerkstelligt werden?

Das ist zunächst schwierig, weil der Erste Weltkrieg in den Schulbüchern und im kollektiven Bewusstsein mit bestimmten Stereotypen behaftet ist. Das beginnt schon bei den häufig zitierten chronologischen Eckdaten: 1914 bis 1918. Wenn wir nach Südosteuropa blicken, umfasst er viel eher die Jahre zwischen 1908 bis 1923, und in Osteuropa käme man noch einmal auf andere Chronologien zu sprechen. Meine Erfahrung ist, dass sich bestimmte Muster der Geschichtsbetrachtung leichter auflösen lassen, wenn man auf gegenwärtige Konfliktkonstellationen blickt, beispielsweise in der Ukraine, in Südosteuropa, im Nahen Osten oder in Nordafrika. Eigentlich gilt das sogar für den ganzen afrikanischen Kontinent und für asiatische Gesellschaften. Dort lässt sich überall sehr gut zeigen, wie wichtig der  Zeitraum zwischen 1916 und 1923 für das bessere Verständnis moderner Konflikte ist. Ich kann den Nahen Osten nicht verstehen ohne die Aufteilung des Osmanischen Reichs, die Geschichte des Panarabismus und die Hoffnungen der Araber auf einen eigenen Staat. Über die Beschäftigung mit diesen aktuellen Konflikten lassen sich solche historischen Stereotype häufig leicht aufbrechen. Der Erste Weltkrieg war jedenfalls weit mehr als ein westeuropäischer Krieg mit ein paar Schauplätzen außerhalb Europas.

Die Beschäftigung mit der Gegenwart hilft also dem besseren Verständnis der Geschichte?

Man kann sich jedenfalls vielen Gegenwartsproblemen mit historischen Analogien nähern.  Wenn man das Publikum dafür gewonnen hat, lassen sich die Grenzen der Analogien besser aufzeigen: Wo unterscheiden sich historische Konstellation und gegenwärtiger Konflikt? Wenn man das schafft, tritt meist der Effekt einer gewissen produktiven Verfremdung ein. Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber die Beschäftigung mit der Vergangenheit lässt uns in der Gegenwart so viel mehr erkennen. Man kann politische Entscheidungen in der Jetztzeit nicht an die Geschichte delegieren, aber man kann solche Entscheidungen durch die Kenntnis der Geschichte viel besser vorbereiten, zumal im Blick auf alternative Verlaufsmuster und mögliche Konsequenzen. Man entgeht der Gefahr, bestimmte politische Entscheidungen als »alternativlos« zu deklarieren.

Sie haben bereits erwähnt, dass die Kriege mit dem Jahr 1918 im Osten Europas keineswegs beendet waren. Am 11. November 2018 entstand aber durch die sehr aufwändige Jubiläumsfeier in Paris ein ganz anderes Bild. Während für uns das Jahr 1918 vor allem durch die Erinnerung an die Kriegsopfer und die Katastrophe geprägt ist, steht dieses Datum für viele Länder vor allem für den  Aufbruch in die Unabhängigkeit neuer Staaten. Wie gehen wir mit dieser geteilten Erinnerung um?

Genau das haben wir am 11. November erlebt, denn die Polen nahmen nur mit einer sehr kleinen Delegation an den Feierlichkeiten in Paris teil, ebenso wie die Briten den Tag vor allem in London begingen. Vielen Europäern fiel auf, dass es in Warschau ein Meer aus weiß-roten Fahnen gab und dieses Datum in ganz Polen als Erinnerung an den Auftakt einer  wiedererworbenen Nationalstaatlichkeit gefeiert wurde. Unsere sehr unterschiedlichen historischen Erinnerungen lassen sich also nicht ohne weiteres in ein einheitliches Narrativ zwängen. Wenn wir diese Unterschiede einebnen, verstärkt das gerade in Ostmittel- und Südosteuropa das Gefühl, es werde ein Narrativ vorgegeben, dass westeuropäisch geprägt ist und die eigenen Erfahrungen seit dem Ersten Weltkrieg nicht richtig widerspiegelt. Deshalb würde ich immer dafür plädieren, diese Unterschiede sehr ernst zu nehmen und sie historisch zu erklären. Der November 1918 ist dafür ein besonders gutes Beispiel, weil wir dazu neigen, die Erinnerung daran immer sehr stark auf Westeuropa zu fokussieren. Der 11. November ist ein westeuropäisch gedachtes Datum, während die Gewalt in vielen Gegenden Osteuropas, aber auch in Asien und weiten Gegenden des Mittleren und Nahen Ostens weiterging.

Wenn wir vom Ersten Weltkrieg sprechen, bedeutet das ja auch, den Zweiten Weltkrieg bereits mitzudenken.

Wir Deutschen sprechen nicht vom »Großen Krieg«, wie beispielsweise die Franzosen oder die Briten, sondern wir denken sehr stark vom Zweiten Weltkrieg zurück. Dabei hat Ende  1918 natürlich kein Mensch vom Ersten Weltkrieg gesprochen, denn kaum ein Mensch konnte sich angesichts der Millionen Opfer eine Wiederholung oder gar eine Steigerung der Gewalt vorstellen. Das sind sehr gute Beispiele für das, was ich die rückwärtige Logik von Geschichte nenne. Sie zeigt, wie stark unsere Geschichtsbilder von den Erfahrungen des weiteren Verlaufs des 20. Jahrhunderts geprägt sind.

Was bedeutet das für unsere heutige Geschichtsschreibung? Es kann offenbar kein homogenes Geschichtsbild geben, sondern nur ein Mosaik an Geschichtsbildern. Aber was bedeutet das für die Praxis, beispielsweise in den Schulen?

Der richtige Weg ist sicher nicht, die Lösung in immer umfangreicheren Sammelbänden zu sehen, in denen abgegrenztes Spezialwissen zu vielen Einzelfragen oder einzelnen Staaten gesammelt wird, weil das eben nur Mosaiksteine bleiben. Wir brauchen zwar solche Kollaborationsprojekte, aber das bedient häufig nur eine überschaubare kleine Gemeinschaft von Wissenschaftlern und Experten. Aber in der breiten Öffentlichkeit gibt es ein großes Bedürfnis nach Monographien, nach dem Buch aus einem Guss, das eine gute Erzählung mit einer differenzierten Analyse verknüpft. Darüber kann sich ein interessiertes Publikum auseinandersetzen. Zu einer solchen Darstellung gehört in jedem Fall, den Blick über Westeuropa hinaus zu erweitern, den Weltkrieg also auch in der Analyse global zu verstehen. Die Veteranen in Indien oder im Senegal sind nicht weniger aufschlussreich als die in der Ukraine oder in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie.

Das heißt, dass wir eigentlich noch mehr leisten müssen als eine europäische Geschichtserzählung, es muss um globale Geschichte gehen?

In Paris kommen 1919 Akteure aus der ganzen Welt zusammen. Es entwickelt sich ein Globalismus von persönlichen Beziehungen, Netzwerken und politischer Kommunikation – gerade jenseits der offiziellen Kabinette der Diplomaten. So trifft der spätere vietnamesische Revolutionär Ho Chi Minh als junger Mann auf Vertreter Polens, Koreas, Algeriens oder Ägyptens. Nicht alle haben einen offiziellen Platz an den Konferenztischen, aber es gibt einen globalen Moment, der die Perspektive aus einer Gesellschaft plötzlich in den Horizont anderer Erfahrungen einordnet. Es gibt so etwas wie einen Globalismus als Vergleichskommunikation 1919, die etwas anderes ist als die retroperspektive Logik der Historiker. Viele dieser jungen Männer, die 1919 auf Paris blicken, werden das 20. Jahrhundert weiter prägen. Oder denken sie an den Kongress der Völker des Ostens von Baku 1920, an dem auch Ho Chi Minh und der junge indische Politiker Jawaharlal Nehru teilnahmen, die später Regierungschefs ihrer Länder werden. Sie sind von den Ergebnissen der Pariser Friedenskonferenz enttäuscht und auf der Suche nach  neuen Modellen. Das Mittel ihrer Kritik ist der Vergleich. So verschiebt sich der Fokus von der Neuordnung in Irland, Polen oder in der Tschechoslowakei auf die Zukunft der europäischen Kolonialgesellschaften in Asien und Afrika.

Ein solcher  globaler Blick auf die Geschichte ist doch genau das Gegenteil von dem, was wir gerade erleben. Viele Staaten instrumentalisieren heute die Geschichte, in dem sie das nationalpatriotische Element betonen. Das ist doch eine völlig gegenläufige Entwicklung?

Genau diese Spannung kennzeichnet unsere Gegenwart. Wir erleben einerseits eine zunehmende Verflechtung von globalen Wissensbeständen, eine Suche nach weltweiter Kooperation, nach Formen kollektiver Sicherheit. Aber gleichzeitig gibt es wie in einer dialektischen Reaktion darauf eine Form der emotionalen und politischen Renationalisierung. Etwas Vergleichbares entwickelte sich auch nach dem Ersten Weltkrieg. Der Völkerbund stand damals für einen neuen Internationalismus, aber gleichzeitig glaubten die Experten in Genf auch daran, das Problem der Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches am besten dadurch zu lösen, indem man ethnisch homogene Nationalstaaten schafft – etwa durch das Mittel des in der Praxis häufig repressiven und gewaltsamen Bevölkerungsaustauschs zwischen Griechenland und der Türkei nach 1922/23. Es gab das Vertrauen in die pazifizierende Kraft eines souveränen Nationalstaats und gleichzeitig Elemente transnationaler Kooperation, denken Sie nur an die Internationalisierung der Minderheitenfrage, der Flüchtlingsproblematik, der Schulden der untergegangenen Imperien – alles Probleme, die nicht an den Grenzen der neu geschaffenen Staaten aufhörten.

Mit ihrem Fokusthema »Der Wert Europas« leistet die Körber –Stiftung einen Beitrag zur Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des europäischen Projekts. In unterschiedlichen Aktivitäten mit politischen Entscheidungsträgern und gesellschaftlichen Vordenkern benennen wir unterschiedliche Sichtweisen und Wertvorstellungen und identifizieren Gemeinsamkeiten.

Jörn Leonhard ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas am Historischen Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 2014 erschien sein Buch »Die Büchse der Pandora«, eine Darstellung des Ersten Weltkriegs aus gesamteuropäischer und weltweiter Perspektive. Im Oktober 2018 folgte eine umfängliche globalgeschichtliche Untersuchung des Kriegsendes und seiner Folgen: »Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918 - 1923«.

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