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Europa braucht ein gemeinsames Verständnis kollektiver Geschichte

Das erste Treffen der Körber History Reflection Group brachte vom 6. bis 8. Dezember 2018 insgesamt 21 Historiker, Politiker und Diplomaten sowie Vertreter der Zivilgesellschaft und Medien in der belarussischen Hauptstadt Minsk zusammen. Im Mittelpunkt der zweitägigen Beratungen stand die Auseinandersetzung mit dem Erbe der beiden Weltkriege in Ost- und Mitteleuropa. Die Publizistin Natalie Nougayrede spricht im Interview über die Bedrohungen für das europäische Projekt und die Instrumentalisierung von Geschichte.

Das Gespräch führte die Journalistin Gemma Pörzgen   

Sie haben in einem Ihrer Artikel geschrieben, dass die Geschichte nach Europa zurückgekehrt sei. Nach 1990 haben viele gedacht, es gebe ein Ende der Geschichte, aber offenbar ist es ganz anders gekommen?

Die Geschichte ist auf einen Schlag zurück in Europa und für das europäische Projekt geht es dabei um existentielle Themen. Wir sprechen zwar viel über Wirtschaft oder Migration, vernachlässigen aber die Debatte darüber, dass  wir ein gemeinsames Verständnis unserer kollektiven Geschichte brauchen. Von vielen Seiten wird dies gerade infrage gestellt – dabei sollten wir ein stärkeres Bewusstsein für das Mosaik nationaler Erinnerungen, familiärer Erinnerungen und regionaler Erinnerungen in Europa entwickeln.

Wie können wir uns dessen stärker bewusst werden?

Europa ist ein Mosaik und eine konzentrierte Vielfalt mit verschiedenen Sprachen und historischen Erfahrungen. Wer dachte, wir könnten gemeinsam in eine schöne Zukunft fliegen und ein einziger harmonisierter Raum werden, war zu naiv. Meiner Ansicht nach sollten wir nicht nach einer einheitlichen Version der europäischen Geschichte streben. Das entspricht nicht den Gefühlen der Menschen. Aber es gibt ein paar Fakten, die identifiziert werden müssen und akzeptiert sein sollten. 

Bei der Vermittlung von Geschichte und historischer Debatten spielen Medien eine zentrale Rolle. Wie nehmen Journalisten diese Aufgabe wahr?

Ich finde, Geschichte und Geschichtskenntnisse sollten im Journalismus einen größeren Stellenwert einnehmen. Wir haben in den Medien viele Probleme, sei es mit Geschäftsmodellen,  technologischen Neuerungen oder mit drängender Aktualität. Ich würde heute jedem Journalisten empfehlen, dass er sich möglichst viel mit Geschichte beschäftigt. Wenn ein Kollege für einen Artikel nach Katalonien oder nach Warschau fährt, sollte er die Landes- und Regionalgeschichte kennen. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Leser dafür interessieren.

Wir haben lange gedacht, dass das europäische Projekt uns alle stärker zusammenbringt. Aber nun wirkt es oft so, als treibe die EU ihre Bürger immer mehr auseinander. Wie kommt das?

Das europäische Projekt ist in den vergangenen zehn Jahren von einer Krise in die nächste geraten. Außerdem gibt es eine gezielte Desinformation, die in Brüssel und anderen Hauptstädten erst in jüngster Zeit erkannt wurde und nun bekämpft werden soll. Die Gefahr ist, dass künstliche Intelligenz noch stärker dazu beitragen wird, Informationen zu manipulieren. Stellen wir uns das mit Blick auf die Geschichte vor. Da gibt es dann möglicherweise gefälschte Dokumente, gefakte Videos oder Bücher. Das halte ich für eine echte Bedrohung und für eine gemeinsame Herausforderung. Geschichte ist mit Erinnerungen verwoben und mit Emotionen. Deshalb ist es so wichtig, dass die journalistische Beschäftigung mit Geschichte auch diese Gefühle und Erinnerungen ausreichend berücksichtigt.

2019 wird mit dem Brexit im März und den Europawahlen im Mai für Europa ein sehr entscheidendes Jahr. Was erwarten Sie in den nächsten Monaten?

Auf der politischen Ebene werden wir erleben, wie Geschichte noch stärker instrumentalisiert wird. Da gibt es widersprechende Narrative, die Spannungen zwischen einzelnen Ländern verstärken, aber auch innerhalb unserer Gesellschaften wirksam sind und polarisieren. Wir werden viel Desinformation erleben. In Brüssel hat man diese Gefahr erkannt und deshalb Maßnahmen gegen »Fake News« ergriffen. Gerade bei den Europawahlen steht man da vor einer strategischen Herausforderung. Das gilt auch für die Desinformation zu Geschichtsthemen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein gutes Beispiel ist der gerade jetzt wieder aktuelle Namensstreit um Mazedonien. Er schien eigentlich fast gelöst zu sein, aber zwischen Griechenland und Mazedonien kochten dann die Leidenschaften wieder hoch. Ein anderes Beispiel ist der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine mit den   unterschiedlichen Interpretationen der Geschichte, die in den heutigen Konflikt sehr stark hineinspielen. Wenn Sie also ein russisches Narrativ haben, das besagt, dass der Konflikt mit der Ukraine ein Kampf gegen den Faschismus ist, bleibt eine Lösung schwierig. Die Deutung der Geschichte wird häufig auf gegenwärtige Ereignisse projiziert und das ist gefährlich. Es gibt viel Revisionismus, auch in Westeuropa.

Bei den Feierlichkeiten zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren hat Präsident Macron den späteren Nazi-Kollaborateur Philippe Pétain als »großen Soldaten« gewürdigt. Wie beurteilen Sie diese Deutung der Geschichte?

Macron hat in seiner Rede auf eine Historikerdebatte Bezug genommen und über die Rolle von Pétain gesprochen. Er hat etwas sehr problematisches gesagt und ist damit in eine Falle geraten. Historiker sind für die Geschichte zuständig und Politiker sollten bei der Deutung sehr vorsichtig sein. Ich arbeite in London und erlebe derzeit hautnah mit, wie die Brexit-Debatte mit seltsamen Geschichtsdeutungen angefüttert wird. So wird beispielsweise das europäische Projekt als „Imperium“ diskreditiert. Ein Historiker kann analysieren und definieren, was ein Imperium eigentlich ist. Aber wenn ein Politiker dieses Wort benutzt, um die EU zu beschreiben, wissen wir, dass dies eine sehr feindselige Äußerung ist. Es ist gefährlich und manipulativ.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Erinnerung an den Mauerfall 1989, dessen wir nach 30 Jahren in diesem Jahr besonders gedenken werden?

Wenn wir uns mit Geschichte beschäftigen, sollten wir uns nicht nur ihren dunklen Kapiteln widmen. Wir sollten uns auch auf die guten Dinge besinnen, die wir gemeinsam haben und teilen können. Freiheit, Bürgerrechte und Rechtsstaat waren 1989 die Hoffnung vieler Menschen. Es ist besonders interessant, sich mit diesen Übergangsphasen zur Demokratie zu beschäftigen und Parallelen zu entdecken zu ähnlichen Prozessen in Griechenland, Spanien oder Portugal. Da gibt es viel Gemeinsames. Wir müssen uns nicht nur um unsere dunklen Geister in Europa sorgen, sondern auch die guten Elemente in unserer europäischen Geschichte erkennen.

Mit ihrem Fokusthema »Der Wert Europas« leistet die Körber –Stiftung einen Beitrag zur Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des europäischen Projekts. In unterschiedlichen Aktivitäten mit politischen Entscheidungsträgern und gesellschaftlichen Vordenkern benennen wir unterschiedliche Sichtweisen und Wertvorstellungen und identifizieren Gemeinsamkeiten.

Die französische Journalistin Natalie Nougayrède ist Mitglied der Chefredaktion und Kolumnistin bei der britischen Zeitung »The Guardian«, Davor arbeitete sie als Chefredakteurin bei der französischen Tageszeitung »Le Monde« sowie als Auslandskorrespondentin und Leiterin des Büros in Moskau. Für ihre Berichterstattung über Russland und den Tschetschenienkrieg wurde die Publizistin in Frankreich mit Auszeichnungen geehrt. Nougayrède schreibt über internationale Politik, Sicherheitspolitik und Menschenrechte.

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