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»Europa ist unsere gemeinsame Heimat«

Die Körber-Stiftung traf die ehemalige lettische Staatspräsidentin Vaira Vīķe-Freiberga in Berlin am Rande der Veranstaltung »Der Wert Europas. 30 Jahre nach dem Mauerfall«. Im Interview spricht sie über den Populismus in Europa, ihre Auffassungen von Identität und Heimat, den EU-Beitritt Lettlands und die Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Wie würden Sie ihren Enkeln den Wert Europas erklären?

Europa ist unsere gemeinsame Heimat. Eine Heimat für viele verschiedene Länder mit verschieden Sprachen und Kulturen, die alle trotzdem sehr viel gemeinsam haben. Ich weiß nicht, ab wann Kinder das Konzept »Regierung« verstehen, deswegen müsste man wohl so anfangen: Europa ist die Art und Weise, wie wir miteinander leben; es stellt die Regeln, wie wir miteinander umgehen wollen. Und dann gibt es noch Dinge wie Volkslieder, Trachten, Sprache und Literatur, die zwar alle ziemlich unterschiedlich sind, die aber den Teppich bereichern, der die Völker über den ganzen Kontinent zusammenhält.

Inwiefern hat sich Ihre Wahrnehmung von Europa gewandelt im Laufe ihres Lebens?

Als Kind habe ich ein Europa in Ruinen gesehen. Genauer gesagt, ein Deutschland in Ruinen. Meine Eltern sind aus Lettland hierher geflüchtet, nachdem die Rote Armee in Lettland eingefallen ist. Es gab also nichts besonders Freudvolles an Europa. Aber neulich hat mich jemand gefragt, ob ich denn schlechte Erinnerungen hätte an meine Jahre in Flüchtlingslagern in Lübeck und Umgebung. Aber ich habe keine schlechten Erinnerungen an das Ende des Krieges und auch nicht an die Monate danach, die für meine Familie besonders hart waren. Wir schliefen zwar wie die Sardinen in zwei-Etagen-Kojen, in einem ehemaligen Kriegsgefangenengefängnis; aber ich denke, Kinder finden ganz einfach Wege, sich trotzdem zu amüsieren. Wir hatten kein Papier und keine Stifte zum Zeichnen, also zeichneten wir nach dem Regen einfach in den feuchten Schlamm, solche Dinge eben. Ich fühlte mich in dem Sinn nicht benachteiligt. Die lettische Gemeinschaft fing auch bald an, im Exil lettische Literatur neu herauszugeben und zu verbreiten. Bücher, die den kommunistischen Standards nicht entsprachen, waren in Lettland verbrannt worden. Das gab den Schriftstellern, die in den Westen flüchten mussten, umso mehr Antrieb, lettische Literatur im Exil zu verbreiten.

Sie sind als Kind aus Lettland nach Deutschland geflüchtet, dann nach Französisch-Marokko. Danach lebten sie 44 Jahre in Kanada, bis sie 1998 mit sechzig Jahren wieder nach Lettland zurückkehrten. Was bedeutet Heimat für Sie?

Das ist eine gute Frage. Viele Letten erlebten nach der Unabhängigkeit (am 4. Mai 1990) große finanzielle und soziale Umbrüche in ihrem Alltag; viele sagten: Ich liebe zwar dieses Land, aber nicht diesen Staat. Viele hatten das Gefühl, der Staat tue nicht genug, um Komfort und Wohlstand zu sichern. Diese Idee war mir komplett fremd. Für mich war die Idee Lettlands in erster Linie die Idee eines freien Lettlands. Das war auch die fast fanatische Idee meiner Eltern, die sie an mich weitergegeben haben. Wir waren überzeugt davon, dass wir das Recht hätten, frei zu sein und dass wir eines Tages wieder frei sein würden. Dass uns die Freiheit für so lange Zeit genommen wurde, war für uns eine absolut böse Wendung der Geschichte.

Als 1989 der Eiserne Vorhang und die Mauer fielen, wollten viele Mittel- und Osteuropäer aus ihrem Exil zurückkehren in ihre Heimatländer. Heute sehen viele Ost- und Mitteleuropäer Europa nicht als ihre Heimat an. Was glauben Sie, ist da passiert?

Meiner Meinung nach ist es für die Letten nicht Europa, was sie nicht mehr als ihr Zuhause sehen, sondern ihr eigenes Land. Weil Lettland ihnen nicht genug Komfort und Einkommen bietet. Vor allem durch die Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 und auch bis heute. Viele Leute hatten Kredite aufgenommen, um sich ein eigenes Zuhause zu finanzieren. Doch wie die Banken dann in der Krise mit diesen Leuten umgegangen sind, hat mich zugegebenermaßen geschockt: Die Banken forderten die Rücknahme der Immobilien, gleichzeitig sollten die Leute den Kredit für eben diese Immobilien abbezahlen! Die Leute waren geschockt. Sie zogen in andere Länder, wo sie mehr verdienten, um ihre Schulden zuhause abzubezahlen. Diese Krise 2008, 2009 war katastrophal und sie hat bis heute einen sehr negativen Effekt auf unsere Demografie.

Aus der Sicht einer Psychologieprofessorin: Wie wichtig ist das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Nation für die eigene Identität?

Aufgrund meiner Erfahrungen und meines Berufs als Psychologieprofessorin habe ich Identitätsprobleme ein Leben lang reflektieren können. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es verschiedene Arten von Identität gibt: Die ältere Generation, die ins Exil flüchten musste, hatte eine automatische Identität, die sich aus ihrem Aufwachsen in ihrem Geburtsland ergeben hatte. Das ist eine sehr solide, klare Identität, man braucht sich darüber keine Gedanken machen, sie ist einfach da. Meine Generation hingegen, die als Kinder oder Jugendliche ihr Land verlassen mussten, entwickelte eine reaktionäre Identität.

In anderen Worten: Wenn man mit dem Finger auf mich zeigte und mich eine verfluchte Ausländerin schimpfte, oder wenn man mich direkt fragte, woher ich käme, sobald ich meinen Mund öffnete, nur, weil man meinen Akzent hörte – sowas verletzte mich ehrlich gesagt sehr. Ich erinnere mich, dass ich dachte: Um Gottes Willen, lernt mich doch erstmal kennen, dann erzähle ich euch vielleicht, woher ich komme! In Kanada sah man mich als »Neu-Kanadierin«, was in mir die Reaktion auslöste, dass ich wohl keine richtige Kanadierin sein könnte. So wurde mir meine lettische Herkunft viel bewusster. Dein Name, dein Akzent kennzeichnet dich als Ausländer. Viele Immigranten haben ihre Namen geändert, sobald sie ihre neue Staatsbürgerschaft bekamen, vor allem in den Vereinigten Staaten, wo sie sich dann plötzlich »John Smith« nannten.

Auch Ihr Sohn benannte sich in Kanada um zu »Bob«. Wenn jemand bei Ihnen Zuhause anrief und nach einem Bob fragte, sagten Sie: »Hier lebt kein Bob!«.

Ja, er ging auch mal durch diese Phase, die hat aber nicht lange gedauert.

Sie sprachen vom Fremdsein. Populistische Strömungen in Europa stützen ihre Identität gern auf ihre eigene Nation und schließen das Fremde aus. Was könnte die Europäische Union tun, um eine gemeinsame, europäische Identität zu stärken - im Gegenzug zum Erstarken von nationalen Identitäten?

Ich würde eine nationale Identität nicht verunglimpfen. Es war ehrlich gesagt das Einzige, was mich zusammenhielt, als man mit dem Finger auf mich zeigte. Es gibt nämlich noch eine dritte Kategorie in meiner Identitätstheorie: Die konstruierte Identität. Die versuchte ich vor allem jungen Exil-Letten weiterzugeben, die nie in dem Land waren, aus dem ihre Eltern und Großeltern geflüchtet waren. Eine konstruierte Identität ist wie eine Zwiebel mit verschiedenen Schichten. Eine Schicht ist die Familie oder die Gemeinschaft, der man sich zugehörig fühlt, die aber eng mit der eigenen ethnischen Identität zusammenhängt. Gleichzeitig gibt es aber noch eine weitere Identitätsschicht, diese ist stark in der neuen Heimat verankert und dermaßen integriert, dass man nicht unterscheiden könnte, ob man denn nun von hier oder von dort käme. Meine Lektion ist: Man gewinnt etwas, wenn man seine kulturelle und sprachliche Herkunft beibehält und weitere Schichten zulässt.

Aber blicken wir mal auf die jüngsten Parlamentswahlen in Polen: Der erneute Erfolg der Regierungspartei PiS baut stark auf der Identitätsschicht »Nation« auf, die das Andere, das Fremde ausschließt. Kann die Europäische Union wirklich eine europäische Identität stärken, ohne dabei die nationalen Identitäten auszuschließen?

Ich bin der Meinung, dass beides gleichzeitig gestärkt werden kann; ich würde nie das eine gegen das andere ausspielen. Ich denke, die Polen sorgen sich um ihre Identität und um ihre nationale Kultur, weil über die Jahrhunderte verschiedene Mächte Polen entweder annektieren, zerteilen oder vernichten wollten. Jetzt sind sie frei und unabhängig, ihre Wirtschaft läuft gut. Als man in den neunziger Jahren die große EU-Erweiterung plante, galt Polen noch als schwacher Kandidat, als der kranke Mann Europas mit einer schwachen Wirtschaft. Und dann stellte sich heraus, dass Polen einen Riesenmarkt hat, der viele ausländische Investoren anzieht. Im Vergleich zu anderen Teilen Europas geht es Polen heute wirtschaftlich gut. Und doch scheinen sie sich unsicher zu fühlen. Meine Nachricht an Polen wäre: sie müssen sich nicht bedroht fühlen. Und je stärker Polen ist, desto grösser kann sein Beitrag an Europa sein – das eine schließt das andere nicht aus!

Lettland ist seit dem 1. Mai 2004 Mitglied der Europäischen Union. Sie haben für den EU-Beitritt des Landes gekämpft. Was war daran die größte Herausforderung?

Vīķe-Freiberga: Während meiner Präsidentschaft von 1999 bis 2004 hatten wir unzählige Regierungswechsel; ich habe vergessen, wie viele es waren. Aber wir hatten immer eine klare Priorität: Der NATO- und EU-Beitritt. Das bedeutet nun mal, unbeliebte Reformen durchzukriegen. Die Parteien und die Koalition mussten die Verantwortung übernehmen, unbeliebte, aber notwendige Reformen durchzusetzen. Am Anfang präsentiert sich ja jede Partei gern als die neue Hoffnung, doch dann kommt sie an die Macht, muss sich unbeliebt machen; und dann sind die Bürgerinnen und Bürger unzufrieden, weil sie feststellen, dass die Löhne immer noch nicht hoch genug sind. 


Das Interview führte Bianca Kriel



Vaira Vīķe-Freiberga, von 1999 bis 2007 Präsidentin von Lettland, gegenwärtig Vorsitzende des World Leadership Alliance/Club de Madrid und Co-Vorsitzende des Nizami Ganjavi International Center. Sie setzte sich intensiv dafür ein, für ihr Land die Mitgliedschaft in der Europäischen Union und in der Nato zu erreichen. 2005 wurde sie zur Sondergesandten für die Reform der Vereinten Nationen ernannt und kandidierte 2006 offiziell für die Position des Generalsekretärs. Sie war stellvertretende Vorsitzende der Reflexionsgruppe zur langfristigen Entwicklung Europas und in den Jahren 2011 und 2012 Vorsitzende der Hochrangigen Gruppe zur Freiheit und Vielfalt der Medien; weiterhin 2015 Mitglied von zwei Hochrangigen Gruppen zur europäischen Sicherheit und Verteidigung sowie im Jahr 2016 Mitglied des hochrangigen Beraterteams des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen (ECOSOC) zur Entwicklung der Vereinten Nationen.
Nach einer herausragenden Laufbahn als Professorin der Psychologie und als interdisziplinäre Forscherin an der Universität Montreal kehrte sie 1998 in ihr Geburtsland zurück. Vīķe-Freiberga ist Mitglied, Vorstandsmitglied oder Schirmherrin von 26 internationalen Organisationen und fünf Akademien sowie Ehrenmitglied des Wolfson College der University of Oxford. Neben ihrer umfangreichen Vortragstätigkeit hat sie 16 Bücher und zahllose Artikel veröffentlicht. Sie erhielt eine Vielzahl von Auszeichnungen, Verdienstorden und Ehrendoktorwürden.

 

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