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»Tschechen-Krieg« – Widerstandskämpfer oder Terroristen?

Der tschechisch-amerikanische Schriftsteller Jan Novák hat zusammen mit dem Zeichner Jaromír Svejdík die Graphic Novel »Tschechen-Krieg« veröffentlicht. Es geht um eine Geschichte, die in Tschechien bis heute umstritten ist – waren die Mašín-Brüder Widerstandskämpfer oder gewalttätige Verbrecher? »Tschechen-Krieg« ist die wahre Geschichte der Brüder Josef und Ctirad Mašín, die Anfang der 1950er Jahre gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei kämpften. Die Brüder verübten Sabotageakte, Sprengstoffanschläge und Überfälle auf Polizeistationen und Geldtransporter; Morde nahmen sie dabei in Kauf. Um der Hinrichtung zu entgehen, beschlossen sie, in den Westen zu fliehen und sich dort der US-Army anzuschließen. Die dann beginnende spektakuläre Großfahndung »Uckro«, in der DDR  als »Tschechen-Krieg« bekannt,  gilt als die größte Verfolgungsjagd in der Geschichte der Deutschen Volkspolizei der DDR. Zur Leipziger Buchmesse, deren Schwerpunktland in diesem Jahr Tschechien ist, stellt Novák jetzt das in deutscher Übersetzung erschienene Comicbuch vor.

Das Gespräch mit Jan Novák führte die Journalistin Gemma Pörzgen.

Die Geschichte liest sich wie ein Thriller. Ich stamme aus Westdeutschland und hatte von den Ereignissen noch nie gehört. Sind diese in der früheren DDR bekannt?

Ja, vor allem ältere Leute in Ostdeutschland erinnern sich noch daran. Denn anders als in der Tschechoslowakei, wo sie lange nicht publik wurde, ließ sich diese Verfolgungsjagd, die viele Todesopfer forderte, in der DDR nicht verschweigen – allein schon wegen der Beerdigungen für die getöteten Volkspolizisten.

Was ist in Tschechien über die realen Geschehnisse bekannt, die Sie in Ihrer Graphic Novel verarbeiten?

Diese Geschichte der Gebrüder Josef und Ctirad Mašín ist in Tschechien schon lange bekannt, aber mit lauter abwegigen Vorstellungen verbunden. Die Ereignisse in den frühen 1950er Jahren hatten einst eine Folge einer bekannten tschechischen Krimiserie inspiriert. Aber das war ein reiner Propagandafilm, der mit den reellen Geschehnissen wenig zu tun hatte. Daran war eigentlich alles falsch. Millionen von Fernsehzuschauern haben die Serie gesehen und das führt bis heute zu Missverständnissen.

Was hat Sie an der Story fasziniert?

Zum ersten Mal habe ich über die Geschichte von dem Filmregisseur Miloš Forman gehört, dessen Autobiographie ich geschrieben habe. Die Mašín-Brüder gehörten zu seinen Schulkameraden. Sie waren Söhne des antifaschistischen Widerstandskämpfers Josef Mašín und späteren Gründers einer antikommunistischen Widerstandsgruppe. Ich habe ihn dann gebeten, mir den Kontakt zu einem der Brüder herzustellen. Denn je mehr ich über die  Geschichte erfuhr, umso faszinierter war ich. Für mich spiegelt diese Story die ganze Geschichte der Tschechoslowakei wider. Als mein Buch über Forman erschien, habe ich es Mašín zugeschickt. Er mochte es, hat mir danach viele Informationen zur Verfügung gestellt und mich unterstützt.

Gab es nach dem Erscheinen der Graphic Novel in Tschechien eine  Debatte über die geschichtlichen Ereignisse?

Es gibt bis heute eine andauernde Debatte darüber, ob die Brüder Mašín eigentlich Helden oder Terroristen waren.
 
Und was sagen Sie – Helden oder Terroristen?
 
Der Kalte Krieg war in der Tschechoslawakei nicht besonders kalt. Die Regierung hat nach 1945 rund 300 Menschen hingerichtet und Hunderttausende inhaftiert, die in Arbeitslager geschickt wurden. Auch die Widerstandsgruppen haben damals etwa 300 Leute getötet, darunter Leibwächter und Polizisten. Es gab sehr viel Gewalt. Die Brüder Mašín waren ein Teil dieser Zeit und folgten dem Beispiel ihres Vaters, der Widerstandskämpfer in der NS-Zeit war. Ich finde, die Brüder Mašín waren Widerstandskämpfer wie ihr Vater und keine Terroristen.

Glauben Sie, dass Graphic Novels bei der Vermittlung von Geschichte eine wichtige Rolle spielen können?

Ja, davon bin ich überzeugt. Gerade weil visuelle Inhalte immer wichtiger werden, erreicht man damit viele Menschen. Außerdem kann man in einem Comic gleich zur Sache kommen. Da ist keine Zeit für lange Vorspiele. Die Leute haben heute weniger Geduld. Die Geschichte der Brüder Mašín ist sehr dynamisch und deshalb ideal, um die nötige Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Was erwarten Sie von der Buchmesse in Leipzig?

Meine Hoffnug ist, dass sich die Leute – auch in Deutschland -  mehr für Tschechien interessieren werden. Und in meiner Graphic Novel kommen die Deutschen eigentlich sehr gut weg, denn sie haben den Brüdern Mašín das Leben gerettet.

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Der tschechisch-amerikanische Schriftsteller, Drehbuch- und Theaterautor Jan Novák (geboren 1953)  emigrierte 1969 mit den Eltern in die USA. Er studierte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der University of Chicago. Novák schrieb Interviewbücher unter anderem über den Regisseur Miloš Forman, drehte Dokumentarfilme (über Vaclav Havel) und verfasste mehrere Prosawerke. Sein bekanntester Roman ist »Zatim dobry« (So weit so gut). 2016 erschien seine erste Graphic Novel »Zatopek« in deutscher Übersetzung.

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