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Meldung

Wie kann Europas Geschichte entwaffnet werden?

In der Körber History Reflection Group diskutierten ab dem 6. Dezember in Minsk erstmals 20 hochrangige Experten zwei Tage lang über geschichtspolitische Themen. Die vertraulichen Gespräche gingen der Frage nach, wie die Gräben zwischen divergierenden Geschichtsbildern in den ehemaligen »Bloodlands« von Europa überwunden werden können.

Ob in Russland, in den baltischen Staaten, in Polen, Ungarn, Weißrussland oder in der Ukraine: In den Ländern Ost- und Mittelosteuropas hat die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. In Zeiten wachsender politischer, nationaler und religiöser Spaltungen fällt es derzeit in Europa insgesamt immer schwerer, historische Diskurse von ihrer politischen Bedeutung zu trennen. Bei Fragen nationaler Einheit und Identität, aber auch bei Werthaltungen und aktuellen politischen Kontroversen ist ein tieferes Verständnis historischer Zusammenhänge und Herleitungen unverzichtbar, um der Instrumentalisierung der Vergangenheit etwas entgegensetzen zu können.

Nach den Umbrüchen in den Jahren 1989 bis 1991 bildeten in den Staaten des früheren Ostblocks zunächst der Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit und die Aufarbeitung des Stalinismus eine zentrale Herausforderung. Ergänzt wurde dies durch die vertiefte Auseinandersetzung mit bis dahin unterdrückten oder unbekannten Aspekten nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Debatten um die jeweiligen nationalen Erinnerungskulturen und deren Bedeutung für die europäische Geschichte und Gegenwart wurden in den Gesellschaften Mittel- und Osteuropas lebhaft geführt.

In den letzten Jahren nahmen bilaterale Konflikte und Spannungen zu, die unter anderem mit nationalen bzw. nationalistischen Geschichtsnarrativen begründet oder mit der Richtigstellung eines historischen Unrechts gerechtfertigt wurden. Die Annexion der Krim und die Kriegshandlungen in der Ostukraine sind Beispiele für diese Entwicklung. Aber auch die polnisch-ukrainischen Streitfragen zum Massaker in Wolhynien und Ostgalizien, die schwierigen Beziehungen zwischen Russland und den baltischen Staaten aufgrund der sowjetischen Besatzungszeit, Ungarns Umgang mit dem »Trauma von Trianon« und die Selbstverortung von Belarus zwischen seinen Nachbarn im Westen und Osten zeigen, wie allgegenwärtig strittige Geschichtsinterpretation in dieser Region sind. Gleichzeitig fehlt in den westeuropäischen Ländern nur zu oft das Bewusstsein dafür, wie sehr divergierende Geschichtsinterpretationen zu Spaltungen in Europa beitragen können.

In den kommenden zwei Jahren werden in der Körber History Reflection Group Experten aus Wissenschaft, Politik, Diplomatie, Zivilgesellschaft und den Medien im kleinen Kreis und an Orten, die maßgeblich für Europas umstrittene Vergangenheit stehen, diskutieren, ob und wie sich die Gräben zwischen unterschiedlichen Geschichtsbildern in den ehemaligen »Bloodlands« überwinden lassen. Beim ersten Treffen in Minsk stehen neben den intensiven geschichtspolitischen Debatten auch Besuche des belarussischen Staatsmuseums für den Großen Vaterländischen Krieg sowie der beiden Gedenkstätten Maly Trostenets und Khatyn auf dem Programm.

Die Körber History Reflection Group ergänzt durch die Möglichkeit eines tiefgehenden Austausches das Körber History Forum in seinem Ziel, die Debatten zu politischen Konflikten um ihre historische Dimension zu erweitern und zu verhindern, dass Geschichte als Waffe eingesetzt werden kann.

 


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