Ein Gedenkjahr, das nicht stattfand?

#revisiting 1945 – Impulse zur digitalen Erinnerung

Die Corona-Pandemie hat in 2020 auch die Pläne für das Gedenken an den 75. Jahrestag des Kriegsendes durcheinandergebracht. Die Themenvielfalt digitaler Erinnerungsaktivitäten zum 2. Weltkrieg und die Chancen digitaler Formate erläutert Gabriele Woidelko anhand der Arbeit der Körber-Stiftung.

Der große Staatsakt in Berlin, die traditionelle Militärparade auf dem Roten Platz, auch die symbolische Kranzniederlegung unter dem Pariser Triumphbogen – vieles, was zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa auf politischer Ebene für Anfang Mai von langer Hand geplant war, konnte entweder gar nicht oder nur in stark veränderter Form stattfinden. Das Corona-Virus hat nicht nur Alltag, Politik und Wirtschaft weltweit durcheinandergewirbelt, es hat auch sämtliche Pläne für das wichtige Gedenkjahr 2020 über den Haufen geworfen, das nun zu Ende geht. 

Aber neben dem großen und berechtigten Bedauern über all die Veranstaltungen, die abgesagt werden mussten, über all die Begegnungen mit den letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die nicht stattfinden konnten, über all die notwendigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die nur scheinbar nicht geführt wurden, zeigt sich bei genauerem Hinsehen, wie vielfältig, vielstimmig und innovativ die Erinnerung an den 75. Jahrestag der Befreiung Europas von der NS-Gewaltherrschaft an anderer Stelle, nämlich im digitalen Raum, umgesetzt wurde. 

In Ihren Programmen zu Geschichtspolitik, Erinnerungskultur und Geschichtsvermittlung nutzt die Körber-Stiftung bereits seit Jahren ganz selbstverständlich auch digitale Instrumente und Plattformen für Austausch, Projektarbeit und Verständigung. Im Gedenkjahr 2020 sind unter Corona-Bedingungen Digitalformate entstanden, die Impulse für neue Formen des Erinnerns und eine andere Art der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs geben. Im Dezember fasst die Stiftung eine Auswahl unter dem Hashtag #revisiting1945 zusammen. Einige Einblicke in das, was dort zu sehen sein wird, gibt es nun hier. 

Den Ausgangspunkt bildet eine virtuelle Reise in die Stadt Lviv/Lwow/Lemberg mit ihrer habsburgisch-jüdisch-polnisch-ukrainischen Geschichte und Gegenwart. Sie ist ein Ort, an dem sich anhand von Biografien und historischen Ereignissen wie unter einem Brennglas die großen Fragen des 20. Jahrhunderts inklusive seiner Gewaltgeschichte und der Entstehung des Völkerrechts diskutieren lassen. 

Wie viele Fragen auch 75 Jahre nach Kriegsende noch offenbleiben, welche Themen trotz intensiver Forschung weiterhin »weiße Flecken« sind und wie umstritten die Interpretation der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in manch politischer Arena heute wieder ist – auch das stand im digitalen Erinnerungsjahr 2020 auf der Tagesordnung. Es fing an mit dem Streit über die von Russlands Präsident Vladimir Putin zum Jahreswechsel vorgelegte Neuinterpretation des Hitler-Stalin-Pakts, mit der er Polen unrechtmäßig eine Mitschuld am Ausbruch des Krieges zuwies. Die Protestbewegung, die sich nach den Präsidentschaftswahlen in Belarus im August formierte und die bis heute anhält, wirft auch für Deutschland unangenehme Fragen auf, die mit den NS-Verbrechen auf den »killing fields« des Ostens zu tun haben. Und dass die Erfahrungen, die weit über 200 Millionen Menschen in Europa unter deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkriegs machen mussten, bis heute nicht ins Zentrum der bundesdeutschen Debatte vorgedrungen sind, zeigt das lange Ringen um angemessene Formen und Orte der Erinnerung an die Besatzungsherrschaft, das sich aus zwei Bundestagsbeschlüssen im Herbst 2020 ablesen lässt.

Von der »Zukunft der Erinnerung« ist insbesondere immer dann die Rede, wenn es um Erinnerungs- und Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht. Wie produktiv es sein kann, wenn junge Europäerinnen und Europäer den digitalen Raum für eigene Erinnerungsinitiativen nutzen, zeigt unter dem Titel »Silent Stories 1945« ein europäisches Instagram-Museum, das seine Pforten im Mai 2020 öffnete. Die dort ausgestellten Geschichten dokumentieren die Bruchlinien und Grauzonen zwischen Opfern und Tätern, Siegern und Besiegten, Erinnern und Vergessen anhand einzelner Lebensläufe. 

War das Gedenkjahr 2020 somit eines, das nicht stattfand? Vieles verlief anders als geplant, aber das Corona-Virus hat auch für ordentlich frischen Wind bei der digitalen Auseinandersetzung mit dem historischen, politischen und gesellschaftlichen Erbe des Zweiten Weltkriegs gesorgt. Die Bedeutung authentischer Orte und authentischer Begegnung für die Auseinandersetzung mit diesem Thema wird durch digitale Erinnerungsformate nicht ersetzt werden können. Im Idealfall kann innovatives digitales Erinnern aber bei zukünftigen Gedenkanlässen durch die Lernkurve des Jahres 2020 noch klüger mit analogen Formaten verzahnt werden. Vor allem mit Blick auf grenzübergreifende Initiativen und Projekte, die sich in einem hoch politisierten Umfeld bewegen, bietet eine Verschränkung von digitaler Innovation und der persönlichen Auseinandersetzung mit schwierigen Aspekten der gemeinsamen europäischen Geschichte große Chancen.

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