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Der Kampf gegen Falschinformationen

Mit der Corona-Krise wächst in der EU die Sorge über die gezielte Verbreitung von Falschinformationen und Propaganda. Misstrauen in den Bevölkerungen und bei den Nachbarstaaten gegenüber der EU und ihren demokratischen Werten könnten die Einheit und Stabilität Europas gefährden. Alice Echtermann vom Recherchezentrum Correctiv weiß, wie sich Falschinformationen über Landesgrenzen hinweg verbreiten und wie man dagegen vorgeht.

Machen Falschinformationen an nationalen Grenzen Halt?

Nein, Desinformation springt auch über Ländergrenzen, das sehen wir in der Kooperation mit internationalen Faktencheckern, die teilweise dieselben Gerüchte oder Informationen wie wir checken. Daran sieht man aber nicht, dass Desinformation koordiniert wäre. So kann es zum Beispiel sein, dass eine zweisprachige Person eine Falschinformation aus Italien aufschnappt, sie auf Deutsch übersetzt und dann in den deutschen Sprachraum weitergibt.

Fake News sind keine neue Erscheinung. Aber was macht sie so anders und gefährlicher in der Corona-Krise?

Die Aufmerksamkeit ist jetzt viel größer. Wir sprechen aber lieber von Falschinformationen oder Desinformationen, weil Fake News auch ein politisch instrumentalisierter Begriff ist. Desinformation gibt es immer, sie folgt auch meist den Wellen der aktuellen Nachrichtenlage: Je mehr Aufmerksamkeit ein Thema bekommt, desto mehr Desinformation taucht darüber auf. Die aktuelle Nachrichtenlage über das Coronavirus ist gigantisch, dementsprechend groß ist die Welle der Desinformation. Untypisch ist, dass diese Welle so lange anhält!

Wer hat denn Interesse daran, Falschnachrichten über Corona zu verbreiten?

In den allermeisten Fällen kennen wir die Verbreiter nicht. Ein großer Anteil der Falschinformationen scheint uns aber nicht mit böswilliger Absicht verbreitet worden zu sein. Dahinter stecken eher Unsicherheit und Unwissenheit der Menschen. Nehmen Sie zum Beispiel die Verbreitung von Informationen über angebliche Heilmethoden: Die meisten, die das verbreiten, meinen es gut und wissen gar nicht, dass sie falsche Handlungsweisen weitergeben, die gefährlich werden könnten.

Häufig werden diese falschen Ratschläge über die privaten Kommunikationskanäle auf Diensten wie Whatsapp verbreitet. Wie können sie das überprüfen und dagegen vorgehen?

In die private Kommunikation haben wir natürlich keinen Einblick. Allerdings haben wir den Eindruck, dass auf privaten Kanälen mehr und mehr Desinformation betrieben wird. Schon zu Beginn der Corona-Krise haben wir dazu viele Hinweise von Menschen bekommen. Daher haben wir den neuen Crowd-Newsroom ins Leben gerufen: Ein Portal, wo man auffällige Informationen melden kann, die einem zugeschickt wurden. Dabei kann man auch angeben, wo man diese Desinformation zum ersten Mal gesehen hat, sei es Twitter, Facebook oder Whatsapp.

Wie sieht ihre europäische Zusammenarbeit gegen Desinformation aus?

Das IFCN, das International Fact Checking Network, hat eine Faktencheckallianz geschaffen, die sich speziell wegen des Coronavirus formiert hat. Durch diese Allianz gibt es jetzt eine Webseite mit einer durchsuchbaren Datenbank, wo sämtliche Faktenchecks zum Thema Corona gelistet sind – weltweit, nicht nur europäisch. Dort sieht man, dass viele Themen zu Corona immer wieder auftauchen, überall auf der Welt. Zum Beispiel Gerüchte über Vitamine, die man schlucken soll oder über Helikopter, die angeblich ganze Landstriche von oben besprühen – diese Nachricht ist kurioserweise in einem Dutzend Länder aufgetaucht. Diese Datenbank hilft uns, den Überblick zu behalten. Und wir unterstützen uns gegenseitig.

Spielt die Europäische Union bei diesem gemeinsamen Vorgehen eine Rolle?

Nein.

Welche Rolle kommt den sozialen Medien im Zusammenhang mit Faktenchecks über Corona zu?

Es gibt eine Kooperation von Facebook mit Faktencheck-Partnern aus verschiedenen Ländern, aus Deutschland gehören wir dazu und die dpa. Diese Kooperation sieht vor, dass wir unsere Faktenchecks verknüpfen können mit Originalinhalten auf Facebook. Wenn wir einen Facebook-Post checken, der sich als Falschinformation herausstellt, veröffentlichen wir den Check auf unserer Seite und verknüpfen ihn mit dem Originalpost auf Facebook. Wer dann auf Facebook diesen Post weiterverbreiten möchte, bekommt einen Warnhinweis, dass es sich um eine falsche Information handelt. Unser Faktencheck hat nicht die Konsequenz, dass Inhalte gelöscht werden. Dass Facebook jetzt schädliche Informationen zum Coronavirus löscht, basiert auf den Grundlagen ihrer eigenen Community-Regeln: Sie entfernen Inhalte, die Schaden für die Gesundheit anrichten – diese Regeln sind nicht neu, treten aber jetzt beim Coronavirus besonders zu Tage. Das alles ist unabhängig von unseren Faktenchecks. Wir legen dar, ob und warum etwas falsch ist - Facebook entscheidet, ob es den Inhalt als schädlich einstuft.

Das Interview führte die Journalistin Bianca Kriel.

Alice Echtermann (28) hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Bremen studiert und ist seit Mai 2019 bei Correctiv. Correctiv ist ein unabhängiges Recherchezentrum mit Sitz in Berlin und Essen. Neben Faktenchecks recherchiert Correctiv investigativ zu gesellschaftlichen Missständen und bietet Kurse an zu Medienkompetenz- und Bildung. 2018 hat Correctiv nach langjähriger Recherche mit verschiedenen Medien aus zwölf Ländern den Cum-Ex-Steuerbetrug publik gemacht.

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