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Kurzberichte aus Europa

»Wir wissen nicht mehr, wie wir uns verhalten sollen«

Patricia Morosan, Athen (10.05.2020)

Wie nimmst Du in Deinem sozialen Umfeld und auf den Straßen die Stimmung gegenüber der EU wahr? Wird Deutschland in der EU als solidarisch während der Krise wahrgenommen?

Die Realität in Athen sieht anders aus als derzeit in Deutschland. Die schnelle Einführung der strengen Maßnahmen und die von der Bevölkerung sehr solidarisch befolgte Ausgangssperre haben dazu beigetragen, dass sowohl die Zahl der Infizierten als auch die Todeszahlen in Griechenland niedrig geblieben sind. Natürlich beschäftigt die Athener vor allem die unsichere und sorgenvolle Zukunft. Nach der Finanzkrise fingen sie gerade wieder an, ein bisschen Hoffnung auf Stabilität zu hegen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Griechinnen sich in dieser neu aufkommenden Krise auf Deutschland oder die EU verlassen möchten oder können. Insbesondere nach der als enttäuschend wahrgenommenen Unterstützung in den Jahren der Finanzkrise ab 2007, oder der ausbleibenden Solidarität im Umgang mit Geflüchteten und den überfüllten Lagern an der europäischen Außengrenze. Es scheint mir, dass gerade jedes Land für sich ein »Rette sich wer kann«-Prinzip verfolgt. Und ich befürchte, dass gerade wieder ein historischer Moment verpasst wird, dass sich Europa enger verbindet, gemeinsam und solidarisch handelt und endlich gemeinsam (re)agiert.

Welche alltäglichen Orte der Begegnung und des Austauschs (vor allem mit Fremden) vermisst du in der Corona-Krise?

Ich vermisse vor allem die Einfachheit, mit der wir, vor der sozialen Distanzierung, eine kurze Verbindung zu anderen hergestellt haben. Unsere Körper verändern sich im sozialen Raum gerade. Sie lernen eine neue Körpersprache, mit der Nähe und Distanz choreographiert werden kann. In dieser ersten Phase der Sozialalphabetisierung treffen sich nicht einmal mehr Blicke zwischen fremden Menschen. Wir wissen nicht mehr, wie wir uns verhalten sollen.

Sind stattdessen neue Orte der Begegnung und des Austauschs entstanden?

Ich bin einige Tage vor dem Lockdown nach Athen gekommen, mein Rückflug nach Berlin wurde gestrichen. Aus persönlichen Gründen entschied ich hier zu bleiben, bis die Situation klarer werden sollte. Griechenland hat sehr schnell Maßnahmen gegen die Pandemie und eine strikte
Ausgangssperre eingeführt. Ich bin seit fünf Wochen isoliert und gehe nur samstags auf dem Wochenmarkt einkaufen. Das ist der einzige Ort, wo ich kurz mit anderen Menschen »in Berührung« komme. Austausch findet für mich nur noch im virtuellen Raum statt: Instagram, Mail, Skype, Facebook, Zoom.

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Ein Test für Europa

Biljana Popovic, Montenegro (06.04.2020)

Was erwartest du in dieser Krise von Europa?

Ich erwarte, dass Europa geschlossener als je zuvor handeln wird und sich alle Europäerinnen und Europäer solidarisch und wohlwollend zeigen werden. Dies ist ein Test, den Europa hoffentlich erfolgreich bestehen wird.

Wie hat sich Dein Leben in der Corona-Krise verändert?

Im Moment ist mein Leben ziemlich chaotisch, meine Pläne für dieses Jahr haben sich grundlegend geändert. Ich habe erfahren, dass mein Auslandssemester gestrichen wurde und muss deshalb die zwei Monate, die ich an meiner Universität verpasst habe, nachholen. Abgesehen davon läuft alles viel besser, als ich es erwartet hatte. Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie und ich kann endlich Bücher lesen und Filme sehen, für die ich vorher keine Zeit hatte. Heute habe ich erfahren, dass Spaziergänge, außer zur Apotheke oder zum Supermarkt, untersagt wurden. Auch an den Wochenenden wird es eine strikte Ausgangssperre geben.

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