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Schüles neue Seiten (10)

Kapitel 10: Angst vor Zukunft. Kleine Betrachtung über das gute Leben aus dem Geist der Kunst zur Selbstverfügung

Manchmal kommt man beim stringenten Verfassen eines Buchs auf gewinnbringende Abwege. Eine Studie, eine Nachricht, eine Erinnerung, und die gewohnte Disziplin stockt, weil man spürt, dass einen etwas ablenkt. Meist sind es Petitessen und Seitenaspekte, nicht so aber in jenem Fall, der mich kürzlich ereilte. Ich schrieb an einer Passage über neue Arbeitszeitmodelle, als mir eine Studie über Angst in die Hände fiel. Angst, dachte ich, immer ein gutes Thema. Deutschland soll ja bekanntlich ein Land der Ängste sein, die Deutschen, sagt man, seien näher an der Angst gebaut als andere Bevölkerungen.

Angst macht krank

Was haben Ängste mit Überlegungen zur Lebensarbeitszeit zu tun? Eine ganze Menge. Angst wirkt sich auf die Lebensqualität aus, und wenn Angst durch die Umstände des Lebens entstehen, ist das ein veritables Problem, denn es ist trotz Robotik, Maschinisierung und digitalem Warenvertrieb der noch immer wichtigste Faktor des Erwerbsleistungen betroffen: der Mensch. Sagen wir es: Die Angst, die eigene Zukunft nicht mehr im Griff zu haben, steht stellvertretend für alle Ängste, die in den vergangenen Jahrzehnten durch systemische Parameter in der Arbeitswelt ausgelöst wurden. Die Kosten des Mantras von stets steigendem Wachstum, dem wir mehr oder weniger unterworfen sind, die Imperative von Optimierung und Effizienz korrelieren mit gesundheitsökonomischen Fakten, die man als Gegenteil von Wohlbefinden verstehen darf: negativer Stress, Burn-outs, Depressionen, Panikattacken, Herzinfarkte. Die von Glück weit entfernte Gleichung der ökonomischen Rationalität – je größer der Wohlstand, desto höher sein durch psychische und physische Defekte ausgezeichneter Preis – wird durch immer neue Erhebungen bestätigt. Medizinsoziologische Studien der vergangenen Jahre in Deutschland, Frankreich und Finnland kommen allesamt zum gleichen Ergebnis: verschärfte Arbeitsbelastungen, insbesondere dauerhafte Arbeitsplatzunsicherheit, rufen schon nach einem Jahr ausgeprägte Angstzustände hervor. Arbeitnehmer, die der permanenten Angst vor Personalabbau ausgesetzt sind, weisen viermal so häufig depressive Störungen auf wie Arbeitnehmer, die dieser Angst nicht ausgesetzt sind. Die permanente Angst vor dem »Downsizing«, dem Personalabbau, von Zeitnot und Verlust von Eigenzeit sowie der Fähigkeit, das eigene Leben selbststeuernd bewältigen zu können, schmälert das Wohlbefinden. Unter Federführung von Europas führenden Medizinsoziologen Johannes Siegrist von der Universität Düsseldorf sind vor einigen Jahren Daten veröffentlicht worden, die den Zusammenhang zwischen bedrohlichen Veränderungen im Erwerbsleben, Angst und körperlichen Beschwerden empirisch erhärten. Das Ergebnis war eindeutig: Bei initial gesunden Beschäftigten, die von sich verschärfenden Arbeitsbelastungen und insbesondere Arbeitsplatzunsicherheit betroffen waren, waren bereits nach einem Jahr dreimal so häufig ausgeprägte Angstzustände wie bei von solchen Veränderungen verschonten Arbeitnehmern festzustellen. In einer Untersuchung an über 20.000 deutschen Erwerbstätigen zeigte sich, dass das Zusammentreffen von Arbeitsdruck und erlebtem Personalabbau im Betrieb mit mehrfach erhöhten gesundheitlichen Beschwerden einhergeht. Die Auswirkungen waren bei Frauen stärker als bei Männern, wie überhaupt Frauen häufiger unter Angststörungen leiden als Männer, weshalb jedes Nachdenken über Lebensarbeitszeit in verstärktem Maße die Situation von Frauen zu reflektieren hat.

Auch japanische Untersuchungen bestätigten kürzlich deutsche Befunde, wonach Arbeitnehmer viermal so häufig depressive Störungen aufweisen wie Arbeitnehmer, die der Angst vor Personalabbau nicht ausgesetzt sind. Herzfrequenz und systolischer Blutdruck seien während des gesamten Arbeitstages, teilweise auch während der Nacht und am Wochenende, signifikant erhöht, und in hohem Maße werde das Stresshormon Kortisol ausgeschieden, was auf permanente Gefahrenbewältigung hinweist – eine existenzielle Erschütterung und Verunsicherung, die zur Angst wird, zur Angst vor der Angst, schließlich zur Angststörung, der Angst vor dem sofortigen Sterben.

Die akademischen Erhebungen erhärten die Vermutung, dass Angst im Verbund mit Depression zur vierthäufigsten Todesursache in westlichen Industriestaaten gehört und laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2020 nach den kardiovaskulären Ursachen zur zweithäufigsten aufsteigen wird. 70 Prozent der weltweiten Frühsterblichkeit wird dann durch chronisch-degenerative Störungsbilder bedingt sein, deren häufigste die Panik- und die Angstattacke ist. Schon 1999 hat im Übrigen eine repräsentative Erhebung des Bundesinstituts für Arbeitsmarktforschung den Nachweis erbrachte, dass 45 Prozent der deutschen Erwerbstätigen über den Anstieg des Arbeitsdrucks klagten und 22 Prozent unter Arbeitsplatzunsicherheit litten. Neu ist, dass es nun vermehrt auch die höher Qualifizierten trifft. Offenbar werden immer mehr Angstambulanzen und Kliniken von arbeitslosen oder wegrationalisierten Akademikern bereits in den Dreißigern und früher Vierzigern bevölkert. Die Empiriker gehen von einer Zunahme der Angst seit den 50er-Jahren um mindestens 1,2 Standardabweichungen aus, was statistisch betrachtet eine beunruhigende Steigerung ist. Die signifikante Zunahme von Angst, ließe sich das medizinsoziologische Fazit ziehen, ist eine Folge des gestiegenen Drucks durch Rationalisierung, Controlling und Arbeitsplatzunsicherheit.

 

Den Lebenslauf atmen lassen

Das Modell der sogenannten Gratifikationskrise beschreibt das Ungleichgewicht zwischen Verausgabung und Belohnung eines Arbeitnehmers. Die Leistungsbereitschaft des Einzelnen steigt, wenn es entsprechende Belohnung, als angemessen empfundenen Lohn sowohl wie, noch wichtiger, Aufstiegsmöglichkeiten, Arbeitsplatzsicherheit und Wertschätzung des Arbeitgebers gibt. Je größer jedoch die Diskrepanz zwischen erbrachter Verausgabung bei der Arbeit und erfahrenen Gratifikationen wird, desto stärker wird das Stresserleben und längerfristig das Erkrankungsrisiko.
Angst hängt mit Glück beziehungsweise dessen Abwesenheit zusammen, und wer ein glückliches Leben führen will – darum geht es uns ja schließlich allen – muss sich auch mit seinen Ängsten auseinandersetzen. Es ist also keineswegs abwegig, sich beim Verfassen eines Paradigmenwechsels in der Lebensarbeitszeit-Gestaltung mit Ängsten zu beschäftigen. Im Gegenteil: Wer seine eigene Angst – zumindest die schreiberische vor dem Versagen – in den Griff bekommt, ist sensibler für die äußeren, die ökonomische, sozialen, kulturellen Faktoren, die einen direkten Einfluss auf unser Glück haben, als da wären: neue Gratifikationseinheiten, die den Lebenslauf atmen lassen: Selbstverfügungs-Zeit, für kranke Eltern etwa, für Kinder in problematischen Phasen, für die eigene Weiterbildung oder schlicht für eine große Reise. Der Arbeitgeber, der auf gut ausgebildete, atmende und angstfreie Arbeitskräfte angewiesen ist, muss wissen, dass er sie nur mit dem Versprechen auf Selbstbestimmung gewinnen und halten kann. Es geht ja heute nicht mehr um materiellen Wohlstand allein, es geht immer stärker um den Wohlstand des Sozial- und Mentalkapitals – um Zeit und soziale Beziehungen, um Freundschaft und Gemeinschaft. Darauf wird der Paradigmenwechsel hinauslaufen, den das Buch beschreiben will. Und seien wir ehrlich: Geld macht ohnehin nicht glücklich, oder?

Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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