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Schüles neue Seiten

Kapitel 11: Über den Arbeitskraftunternehmer

Es ist an der Zeit, den Arbeitskraftunternehmer vorzustellen. Er ist keine faszinierende Persönlichkeit, sondern ein Genre-Begriff. Der Arbeitskraftunternehmer begegnete mir kürzlich im Spiegel meines Badezimmers. Und das kam so.
Als ich für mein Buch über die Utopie einer neuen Lebensarbeitszeit die Idee des Industriesoziologen G. Günter Voss einer »Verbetrieblichung der Lebensführung« aufgriff, kam es zu einem interessanten Wiedererkennungseffekt. Um es kurz zu machen: Der spätmoderne Arbeiter (nicht im proletarischen, sondern im allgemeinen Sinn) ist mehr als ein Arbeiter. Er ist sein eigener Unternehmer – ein Arbeitskraftunternehmer, dem durch Zuschreibung größerer Verantwortung innerhalb eines Unternehmens jede Verantwortung für seine Arbeit selbst zugeschrieben wird. Aus der geschenkten, scheinbar größtmöglichen Freiheit der Selbstbestimmung und Selbstgestaltung aber resultiert Unfreiheit und Kontrollwahn. Diese Dialektik beschreibt den Geist des neuen Kapitalismus, der Ende der 1990er Jahre das Arbeitsleben, ja, die gesamte Lebensführung in westlichen Industriegesellschaften erobert hat.

Mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung – zu welchem Preis?

Der Arbeitskraftunternehmer hat ein tolles Leben. Er kann Urlaub machen, wann und wieviel er will; er kann arbeiten, wo und wieviel er will. Nur muss er »sein Projekt« erledigen und pünktlich abgeben. Was dieses Projekt im Einzelnen ist, entscheidet nicht er, sondern der Arbeitgeber. Was geschieht also? Der Arbeitskraftunternehmer fühlt sich für Ge- und Misslingen des Projekts (also der Arbeit) selbst verantwortlich. Es gibt keine Kontrollmechanismen und keine Erlösungsinstanzen mehr. Nicht das System, nicht das Unternehmen, nicht der Markt, niemand sonst. Werden die Vorgaben in vorgegebenen Zeiten nicht erfüllt, ist der Arbeiter schuld. Selbstverantwortung und Selbstbestimmung haben also den hohen Preis der Selbst-Ökonomisierung. Der Arbeiter ist sein eigener Betrieb, er ist verbetrieblicht, auch wenn er, im Finanzamt etwa oder bei einer IT-Firma oder in der Automobilbranche, fest angestellt ist. Das sind Mischformen des Arbeitskraftunternehmers, dessen Idealtypus man sehr gut im Journalismus findet.

 

Die Knechtschaft der beruflichen Selbstgestaltung

Jahrelang habe ich als freier Autor für diverse Auftraggeber gearbeitet (und tue es noch), war also Arbeitskraftunternehmer. Das heißt: Ich war mein eigener Herr. Der Auftraggeber – eine Zeitung, ein Magazin, ein Rundfunksender – lässt dem journalistischen Arbeitskraftunternehmer alle Freiheiten, sein Thema so umzusetzen, wie er möchte. Einzuhalten ist nur die Deadline und der Umfang des Textes oder Beitrags. Scheinbar. Denn auf die Erst-Recherche folgt die Verarbeitung, dann die Korrektur, dann die Zweitfassung. Gewünschte Gesprächspartner stehen nicht sofort parat, manche erst gar nicht zur Verfügung, Termine klappen nicht, Tage verstreichen, ohne etwas erreicht zu haben, und an manchen kommt nichts zu Papier. Nach der Zweitfassung werden Wünsche und Anmerkungen der Redaktion umgesetzt, manchmal gibt es Nach-Recherchen, manchmal eine Drittfassung. Das Stück ist eingeplant, also kann der Autor an nichts anderem arbeiten, um den Produktionsablauf einzuhalten. Wie groß auch immer der Auftragsumfang ist: Er arbeitet morgens, mittags, abends, manchmal nachts, fast immer am Wochenende. Urlaub kann er sich nicht leisten, er könnte das entstehende Loch nie mehr auffüllen. Für einen Text über ein bestimmtes Thema erhält der freie Autor dann ein Honorar von, sagen wir, im Schnitt 1200 Euro brutto, was gut gerechnet ist. Abzüglich der Steuern, der Vorauszahlungen, der Fixkosten und steigenden Inflation hat er Vollzeit und ohne Unterlass drei bis vier Wochen lang für etwa 700 Euro netto gearbeitet. Wird der Text dann aus plötzlich anderen Erwägungen innerhalb einer Redaktion oder welthistorischen Umstürzen nicht veröffentlicht, erhält der journalistische Arbeitskraftunternehmer ein Ausfallhonorar in Höhe der Hälfte des vereinbarten Betrags, also 600 Euro brutto, was ebenfalls gut gerechnet ist. Manchmal liegt der Text als Schiebemasse auf Halde und wird erst Monate später veröffentlicht, gewöhnlich erhält ein Autor sein Honorar erst dann, wenn die Arbeit erschienen ist. Frage: An wie vielen Texten gleichzeitig müsste ein journalistischer Arbeitskraftunternehmer arbeiten, um ein gutes Leben führen zu können?

Entgrenzung der Arbeit – Einschränkung der Freizeit?

Machen wir uns nichts vor: Die Freiheit der Selbstgestaltung und die Entgrenzung der Arbeit bedeutet, sich nicht mehr auf Absicherung, Schutz und Solidarität verlassen zu können, sondern sich selbst helfen, schützen und absichern zu müssen. Das trifft auf alle Branchen zu, selbst in staatlicher Verwaltung im funktionalem Verbund einer Private-Public-Partnership.
Die neuen Formen der selbstverantworteten Arbeit bringen neue Formen der Unsicherheit hervor, die wir heute unter dem Begriff »prekär« subsumieren. ‚Du musst ja kein freier Autor sein’, hören wir Kritiker dem freien Autor entgegenhalten, ‚so zu arbeiten ist ja deine Wahl gewesen.’ Richtig. Aber abgesehen von einem Festgehalt arbeiten angestellte Redakteure zunehmend auf ähnliche Weise. Neue Produkte zum Wohle des Arbeitgebers werden von der selben Zahl der Redakteure hergestellt, wie zusätzliche Beilagen oder Sondereditionen. Für den Mehraufwand erhält der einzelne Redakteur aber kein zusätzliches Einkommen; es wird als selbstverständlich und im Stillen sicherlich als Loyalitätsbeweis gegenüber dem Arbeitgeber angesehen. Zur gewohnten Arbeitszeit hinzu kommen jetzt noch Texte für Online-Formate der Verlage und Rundfunkhäuser. Es gibt ja die neue App, die bespielt und mit Content gefüllt werden muss. Und lesen sollte man schließlich auch noch und sich in Fakten und Zusammenhänge neuer, immer komplexer werdender Themenbereiche einarbeiten. Dienstschluss gibt es kaum, das Wochenende ist fast nie zu völlig freier Verfügung, meist macht der Arbeitskraftunternehmer im Urlaub »noch schnell was fertig«, das sich dann zwei von drei Wochen hinzieht. Die Grenze zwischen Arbeitsleben und Freizeit ist gefallen, und die Entgrenzung der Arbeit ist eine Form der Abhängigkeit.
Wer all das nicht will, soll sich einen anderen Beruf suchen, ja, auch richtig. Aber wenn man dies festgestellt hat, ist es zu spät. Das ist die Dialektik des Arbeitskraftunternehmers: Er hat alle Freiheit der Welt und ist der am meisten unfreie Sklave dieser Freiheit.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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