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Schüles neue Seiten

Kapitel 12: Die Leit-Werte der nächsten Generation

Man hört ja immer wieder, wie angepasst, spießig und rückwärtsgewandt die nächste Generation sei. Ich halte das für Unfug und habe das in Kapitel 7 ja schon einmal kurz angedeutet. Meines Erachtens sind die Mitglieder der Kohorte jener sogenannten »Millennials« (der ab 1980 Geborenen) weitaus klüger als wir glauben – und vielleicht weitaus klüger als wir selbst, weil sie etwas Wesentliches verstanden und daraus die Konsequenz gezogen haben: Lebensgestaltung heißt Entzerrung des Lebenslaufs. Zeitgewinn ist Luxus, nicht Geld-Akkumulation. Natürlich, die Jungen haben den demografischen Faktor der weltweit niedrigsten Geburtenrate und der daraus folgenden Verknappung von Fachkräften (und überhaupt Arbeitnehmern) auf ihrer Seite. Will heißen: Wer sie, die gut Qualifizierten, haben will, muss sich um sie bemühen, so hört man das immer wieder aus den HR-Abteilungen von Agenturen. In meinen Augen haben die Mitglieder dieser Kohorte zum ersten Mal begriffen, dass sie sich nicht mehr als unternehmerisches Selbst, nicht mehr als Arbeitskraftunternehmer verstehen wollen. Mich beschäftigt seit Wochen die Figur des selbst-steuernden, sich selbst verantwortenden, selbst-ökonomisierenden Arbeitnehmers in der Verbetrieblichung seiner Lebensführung, weil seine Lebensführung der soziologische Dreh- und Angelpunkt eines neuen Lebensarbeitszeitmodells (und also unseres Buchs) ist.

 

Ambivalenz moderner Wertevorstellungen?

Wie also ticken die Jungen? Als Ergebnis der alle vier Jahre durchgeführten, allerdings nicht-repräsentativen Umfrage des Sinus-Instituts über Wertvorstellungen der Jugend lässt sich zusammenfassen: Anpassungs- und Leistungsbereitschaft stehen weit oben im Werte-Ranking, gefolgt von stabilen Beziehungen, Halt und Orientierung in der Gemeinschaft. Das ergibt ein klar konturiertes Profil. Auch die letzten Shell-Studien haben festgestellt, dass die herkömmlichen Werte unter den Jugendlichen eine Renaissance erleben, all jene Überzeugungen also, die sich an gesellschaftliche Stabilität und Ordnung richten: Legalität, Loyalität, Anständigkeit.
Und dennoch lauert ein Widerspruch im Wertekanon, als Beispiel für die typische Ambivalenz der Epoche des unternehmerischen Selbst: Leistungsbereitschaft und stabile soziale Beziehungen rangieren gleichermaßen als Leitwerte. Schließt sich das nicht aus? Und ist nicht genau dies das Dilemma des spätmodernen Digital-Individualisten? Wer sich der beschleunigten, dezentralisierten, auf höchste Flexibilität ausgerichteten Arbeitswelt anpasst und geforderte Leistungseffizienz zu erbringen wünscht – kann der zugleich stabile soziale Beziehungsstrukturen aufbauen?

Auf dem Weg zu einer neuen Unternehmenskultur?

Schon hier sei gesagt, dass dieses Spannungsverhältnis zweier Leitwerte des Pudels Kern eines neuen Lebensarbeitszeit-Modus ist. Die Arbeitswelt, die die Millennials heute vorfinden, ist freilich lange nicht mehr jene der Babyboomer, der Generationen X und Y. Schätzungen zufolge hat sich für 60 Prozent der ab 1980 Geborenen der Arbeitsmarkt von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt entwickelt. Will heißen: In vielen (nicht allen) Berufen können Berufsanfänger und –tätige die Bedingungen ihrer Arbeit heute selbst bestimmen und selbstbewusst gestalten. So bewertet Jutta Rump, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Ludwigshafen und Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen, den Wandel innerhalb des vergangenen Jahrzehnts. Ein gutes Gehalt ist den Millennials offenbar genauso wichtig wie Flexibilität, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine gute Perspektive im Unternehmen; diese Generation, hat Rump beobachtet, verzeiht schlechte Führung weniger als die Generation der Babyboomer vor ihr. Könnte gute Führung nicht bedeuten, dass die Vorstände und CEOs genau das erkannt haben? Und könnte so eine neue Unternehmenskultur entstehen? Ja, zumindest theoretisch, denn die Jungen wachsen gerade in die Führungsstrukturen der Unternehmen hinein und implementieren ihre Sicht auf Leben, Arbeit und Zeit.

 

Die Jugend von heute – Revolutionäre statt Rebellen

Mich beeindruckt, dass diese Generation gelernt zu haben scheint, im Burn-out die Zivilisations- und Kapitalismuskrankheit schlechthin zu erkennen. Sie haben verstanden, wie und wodurch die Erschöpfung zustande kommt und wissen, wie dramatisch die medizinsoziologischen Zahlen sind. Es scheint mir, als wären die Jungen klug genug, nicht in dieses System reinzugehen und lieber eine »Status-Inkonsistenz« in Kauf zu nehmen, der zufolge ein bildungsmäßig hoher Status einem ökonomisch mittleren bis unteren Status entspricht. Anders gesagt: Gebildet, aber arm und dafür freie Zeit für die Familie – und das freiwillig. Prima facie würde man das für konservativen Mainstream halten und der Jugend vorhalten, sie rebelliere nicht, kämpfe nicht und richte sich in einem »Neo-Konventionalismus« ein. Wer hart arbeiten, den Lebenspartner finden und mit spätestens Mitte 30 eine Familie gründen will, ist kein Rebell, natürlich, aber wozu auch? Er ist Revolutionär, weil er das System von innen aushöhlt, umkrempelt und normativ neu justiert, ohne es gewaltsam abzuschaffen.
Die Entkopplung von Bildung, Status und Lebenszufriedenheit ist das signifikanteste Kennzeichen einer neuen Lebensführung, und die Generation Millennials rechtfertigt die große Hoffnung auf eine kleine Utopie in puncto conditio humana. Nach mehr freier Zeit zu fragen, heißt nicht allein, nach mehr Freizeit zu fragen. Es heißt vor allem, Sensibilität für verantwortungsvolle Tätigkeit auszuprägen. Ein Millennial möchte kein Arzt sein, der auf Dauer 16-Stunden-Schichten hat und operieren muss, obwohl ihm die Hände zittern. Wir Patienten möchten das ja auch nicht.

Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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