X

Schüles neue Seiten (13)

Kapitel 13: Utopia und der Luxuskommunismus

Immer stärker gerate ich in einen Dialog mit mir selbst. Finde ich selbst gut, worüber ich schreibe? Könnte ich selbst das vertreten, was andere denken? Klar ist, dass es – alle Entwicklungen in die Zukunft projiziert – bei der künftigen Lebensarbeitszeit nicht mehr um eine simple Work-Life-Balance geht, weil es nicht um ein neues Verhältnis von Arbeit und Lebens geht, sondern um eine paradigmatische Strukturveränderung, die das kapitalistische System von innen heraus modifiziert. Arbeit und Leben sind nicht mehr strikt voneinander getrennt, sondern dynamisch aufeinander bezogen. Sie durchdringen sich und verlangen einen neuen Begriff von Arbeit, und das ist nicht im marxistisch-materialistischen Sinn gemeint, sondern zielt auf etwas ganz anderes ab: die soziale Sorge um sich, die eine Sorge um Gesellschaft ist und nicht entlohnte Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege und Ehrenamt genauso als Arbeit mit einbezieht wie entlohnte Erwerbsarbeit. Die Kritik an den Verführungen des Kapitalismus durch Massenproduktion von Gütern, die Bedürfnisse erst künstlich stimulieren statt vorhandene befriedigen, sind Grundsätze der in den 1950er vom deutschen Sozialphilosophen Frithjof Bergman entwickelten »New Work«-Vision. »New Work« ist weit mehr als eine neue Organisationsentwicklung auf alten Fundamenten. Grob gesagt soll Arbeit aus drei Dritteln bestehen: Erwerbsarbeit, Selbstversorgung und Arbeit, die, wie Muße, kein Ziel hat. Durch Automatisierungsprozesse wird für jedermann gekürzte Erwerbsarbeit möglich, um sich, so Bergman, von der Knechtschaft der Lohnarbeit zu befreien. Um Profit zu erzielen und erfolgreich zu sein muss man heute nicht mehr im klassischen Sinne Lohnarbeit betreiben. Ob wissentlich oder nicht liegen die Ideen von Bergmans »New Work« auch einer Bewegung zugrunde, deren Vision sich in den vergangenen Jahren in immer mehr Köpfen ausgebreitet hat.

 

 

Auf dem Weg in den Luxus-Kommunismus?

Eine Spielart ist der Fully automated Luxury Communism (FALC), auf deutsch: Luxus-Kommunismus. Zunehmende, gar völlige Automatisierung der Produktionsprozesse durch Roboter, Algorithmen und Smart-Screens ermöglicht den bald als körperliche Arbeitskraft nicht mehr verwendbaren Menschen mehr und mehr Freiräume für ein anderes Leben: für Sorge, Muße, Freizeit. Luxuskommunisten sehen in der Enthumanisierung durch Robotik eine große Chance und feiern sie als Voraussetzung einer »Post-Arbeits-Gesellschaft«. Der Mensch als solcher müsse im »Second Maschine Age« womöglich nur noch in der Qualitätskontrolle arbeiten. Die US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee prophezeien in ihrem gleichnamigen Buch einen Quantensprung des technischen Fortschritts durch das exponentielle Wachstum der Computer-Power. In einem Zeitungsinterview bemerkte Brynjolfsson kürzlich, dass all jene die digitale Revolution überleben werden, die mit der Technologie eine Kooperation eingingen: »Maschinen brillieren in repetitiven Routinearbeiten, Menschen sind kreativ und fähig, persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Gemeinsam sind sie ein unschlagbares Team.«

Brynjolfsson lässt keinen Zweifel daran, dass Innovationen jemals zu stoppen wären. Die Opferschmerzen der Jobverluste sind seiner Ansicht nach die Wachstumsschmerzen des neuen Zeitalters der Maschinen, in dem es um Geist, nicht um Substanz geht, um Gehirn, nicht um Muskeln, um Ideen, nicht um Dinge. Die digitale Revolution wächst exponentiell – die Playstation eines Kindes hat offenbar mehr Power als ein Supercomputer des Militärs aus dem Jahr 1996. Geht es nach einem überaus optimistischen Kopf wie Brynjolfsson ist der Schlüssel zu künftigem Wachstum die Teamwork zwischen Mensch und Maschine.

Grundsätzlich gesprochen zielt der Kapitalismus auf Beschleunigung durch gleichzeitige Zeitverdichtung; die Produkte und Güter sollen in immer kürzeren Zeiteinheiten produziert werden, dafür immer mehr mit immer günstigeren Bedingungen, das steigert den Absatz. Eine Post-Arbeits-Gesellschaft hingegen zielt auf die Verringerung von Lohnarbeitszeit pro Person. Der Luxus-Kommunismus träumt vom Luxus, das, was Massen-Roboter produzieren, allen Menschen gleichermaßen zuzueignen und sie somit von Arbeit zu entlasten. Setzte man luxuskommunistisches Denken um, entstünde eine Gesellschaft von Individuen mit hoher Eigenzeit-Verfügung, in der es weder auf Profitmaximierung einiger Weniger (Produktionsmittel-Besitzer) ankommt noch auf das Prinzip permanenter Konkurrenz, das die Menschen letztlich krank macht.

 

Ein alter Traum: Befreiung des Lebens von der Last der Arbeit

Die Utopie-Literatur hat immer schon von der Befreiung des Menschen von der Last der Arbeit geträumt. Der seinerzeit einflussreiche US-amerikanische Science-Fiction Autor Edward Bellamy verfasste 1888 den Roman »Ein Rückblick«, in dem er aus der Perspektive des Jahres 2000 rückblickend auf das Jahr 1887 die Erfindung der Kreditkarte beschreibt. Die heute vergessenen Autoren der »Technokraten-Bewegung« Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und Kanada ersetzten Politiker durch Wissenschaftler und Ingenieure und glaubten, Wirtschaft und Wohlstand managen zu können. Es gibt Analogien zu den Sci-Fi-Visionen von Star Trek mit Replikanten und egalitärer Politik oder der Mars-Trilogie des US-amerikanischen Science-Fictions-Starautors Kim Stanley Robinson, in der auf dem schließlich Blauen Planeten den Traum einer neuen Welt errichtet: ein sozialistisches Utopia.

Die Utopien waren selten näher an der möglichen Verwirklichung als heute an der Sxchwelle zur kognitiven Epoche, in der, wie vielfach vorhergesagt, Maschinen den Menschen ersetzen, Roboter Massenproduktion schaffen und der Mensch als ‚human being’ von Arbeit und Fremdverfügung durch Arbeit über Verfügung seiner Zeit freigesetzt werden könnte. Wir haben es mit einer strukturellen Perspektivverschiebung zu tun: Automation und Robotik sollen sich künftig dem Menschen unterordnen, nicht dem Profit-Motiv. Nicht um Maximierung von Geld und Gewinn geht es also, sondern um erfüllte Bedürfnisse des Menschen. Sowohl die Robot-Ökonomie als auch die Reflektion ihres möglichen gesellschaftlichen Nutzens haben gerade erst begonnen, und obwohl mir marxistischer Materialismus seit jeher fremd ist, spüre ich trotzdem eine gewisse Sympathie für derartige Vision eines Paradigmenwechsels, ohne den sich nichts verändern wird. Und wenn sich nichts verändert, werden wir in 20 Jahren immer noch 40 oder 45 Stunden Erwerbsvollzeit pro Woche arbeiten, um irgendwann einmal – wie krank und frustriert dann auch immer – in den Genuss einer immer unsicherer werdenden garantierten Rente zu kommen. Und das gute Leben, die Muße, die Sorge um sich und den Nächsten – das alles wäre dahingerauscht Arbeits- und Leistungseifer. Soll das so bleiben?

Ich weiß es nicht. Doch ich weiß es. Aber was ich denke, spielt für die Autorenschaft eines Buchs erst einmal keine Rolle. Sie ahnen es ja ohnehin. Ich werde weiterhin mit mir verhandeln.

Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

Weitere Info und alle Kapitel

to top