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Schüles neue Seiten (15)

Kapitel 15: Zeit und Sorge. Plädoyer für ein Leben in Zuwendung, Selbstbestimmung und Solidarität

Mein Buch ist auf die Zielgerade eingebogen, es bleiben noch wenige Wochen bis zur Manuskriptabgabe, und ich bin, wie durch göttliche Fügung, genau dort angekommen, wohin zu kommen ich gehofft hatte: Zum Anfang. Jetzt also geht es ums Eingemachte. Es ist Zeit, sich Gedanken über die Zeit zu machen.

Von Zeitverdichtung und Speed-Dating

Wir werden durchschnittlich so alt wie noch nie zuvor, im Jahr 2060, lauten die Schätzungen, sogar bis zu 100 Jahre pro Frau. Und was machen wir? Erfinden Speed-Dating. Nun gut. Eigentlich unfassbar, aber ein deutlicher Fingerzeig auf die allgemeine Zeitverdichtung, die zu einer psychischen Präfiguration geworden ist. Zeitgenössische Individuen sind ja angetrieben und getrieben vom Gefühl des permanenten Zeitdrucks, von Stress und Konkurrenzdenken in hochkompetitiven Ballungsräumen. Die Technologie- und Konsumgüterindustrie arbeitet systematisch an der Abschaffung von Zeit durch ihre organisierte Knappheit und stimuliert Zeiterfüllungsbedürfnisse, indem sie Trends kreiert und sie wundersamerweise zugleich mit Gütern befriedigt. Das verleitet zum intensiven Shoppen, Sonderangebote reizen zum schnellen Kauf, und irgendwann hat man das Gefühl, immer hinten dran zu sein, weil das eine Bedürfnis noch nicht erfüllt ist, ehe das nächste bereits unterwegs ist. Lautet die Grundfrage eines neuen Humanismus nicht: Wieviel Eigensinn gegen den Arbeits- und Konsummarkt ist für ein gutes Leben überhaupt möglich? Rebellion heutzutage besteht ja nicht mehr im waghalsigen Piercing oder sichtbaren Tattoo, sondern im Widerstand gegen die allgemeine Dynamisierungsspirale, in der den eigenen Rhythmus bewahren zu können zur großen Kunst des Einzelnen wird. Wir organisieren uns in Zeitfenstern, erledigen Arbeit per Zeitmessung, der Staat legt die Lebensarbeitszeit fest. Und der Einzelne? Wie steht es um seine Selbstbestimmung? Hat er überhaupt noch Zeit zu erkunden, zu erfahren, zu erspüren, wer er ist? Nur, wenn der Mensch durch Krisen aus seinen normalen Zusammenhängen gehoben wird, lehrt uns die Psychologie, entstehen Momente von Umkehr und Veränderung. Das ist jetzt, gesamtgesellschaftlich betrachtet, der Fall.

Arbeitszeit verlagern, ohne sie zu verkürzen

Man könnte die Arbeitszeit verkürzen. Man könnte die Arbeitszeit aber auch verlagern, ohne sie zu verkürzen. Eine Verlagerung über den Lebensverlauf hinweg hieße, den Lebensverlauf anders zu takten. Die Verlagerung von Arbeitszeit erfordert die Neuorganisation von Arbeit. Die klassischen Rollenmodelle lösen sich immer weiter auf: Männer wollen Zeit für Kinder und Familie und Frauen zu ihren Konditionen arbeiten. Die Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, hat deshalb den Vorschlag einer gerechten Teilzeit für Männer und Frauen unterbreitet. Statt die klassische 40 Stunden-Woche für Männer und die 0-Stunden-Woche für Frauen aufrechtzuerhalten, soll die Arbeitszeit zu gleichen Teilen über den Erwerbsverlauf hinweg zu einer 32-Stunden-Woche für jeden der beiden Partner aufgeteilt werden. Die Tage der guten alten Vollzeit scheinen somit gezählt zu sein – nach Allmendingers Ansicht ist das Arbeitsmodell der Zukunft eine familiengerechte, niedrigere Teilzeit-Regelung, wovon infolge des dann höheren Gesamtvolumens der gearbeiteten Stunden nicht nur die Wirtschaft profitiert, sondern vor allem die Frau, der dadurch weit eher als bislang eine Karriere ermöglicht wird. Gewonnene Zeit hieße, dass Väter sich bereits ihren Kinder und nicht als Rentner-Opa irgendwann nur den Enkelkindern widmen könnten. Es hieße, dass eine zweite Ausbildung möglich wäre und neue Perspektiven eröffnet. Es hieße, dass Zeit zur Erkundung der Welt und Stabilisierung sozialer Beziehungen verfügbar wäre. Eine gewisse Zeit mit Erwerbsarbeit auszusetzen darf ja kein Karrierenachteil sein – diese Erkenntnis wiederum setzt einen Bewusstseinswandel in Firmen und Unternehmen voraus. Und darum geht es, um den Kulturwandel hin zu einer sorgenden Gesellschaft in der Sorge um sich und der Sorge um den Anderen.

Für ein neues Verhältnis von Haus- und Erwerbsarbeit

Untersuchungen des Deutschen Alterssurveys belegen, dass erstens Sorge- und Ehrenamts-Arbeit an Bedeutung gewonnen haben und zweitens immer mehr Bundesbürger Sorgearbeit und Ehrenamt mit Erwerbstätigkeit vereinbaren wollen. Vor allem ältere Menschen in der zweiten Lebenshälfte übernehmen unbezahlte Sorge-Arbeit und ehrenamtliche Aufgaben und sind eine wesentliche Stütze des gesellschaftlichen Zusammenhalts und funktionierenden Gesellschaftsvertrags. Man kann das nicht hoch genug würdigen.

Wenn das politische wie moralische Ziel einer guten Gesellschaft auch (und vor allem) in der Gleichstellung der Geschlechter besteht, ist das Verhältnis von Haus- und Erwerbsarbeit neu zu verhandeln. In Deutschland verzichten Frauen zunehmend auf Kinder; das Statistische Bundesamt meldet, dass jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren kinderlos ist (was einer Zunahme um zwei Prozent innerhalb von vier Jahren entspricht). Der auf den Daten von 2012 basierende Report »Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland« fördert zwei wesentliche Erkenntnisse zutage: Die Kinderlosenquote bei Akademikerinnen in den westlichen Bundesländern ist auf einem Höchststand von 30 Prozent angekommen, das heißt: Fast jede dritte akademisch gebildete Frau in Deutschland ist keine Mutter. Und die Familiengründung setzt immer später ein; die Geburtenhäufigkeit der Frauen im jüngeren gebärfähigen Alter ist rückläufig, das erste Kind kommt im Schnitt erst nach dem 30. Lebensjahr der Mutter, was die Anzahl der zweiten und dritten Kinder schrumpfen und die Geburtenrate also fallen lässt.

Bei aller Problematik ist dennoch eine günstige »demografische Dividende« einzustreichen: Der Geburtenrückgang führt eine gewisse Zeit lang zu einer höheren Zahl an Erwerbstätigen. Warum? Weil zu gleicher Zeit die Generation der Kinder kleiner wird und die ins Erwerbsleben nachrückenden Jungen zahlreicher sind als jene, die aus dem Berufsleben ausscheiden.

Zeitkonten als Lösung für eine sorgende Gesellschaft?

Klar ist, dass das Ernährer-Modell passé ist. Setzt sich der im Buch skizzierte Paradigmenwechsel durch, werden künftig Frauen wie Männer gleichermaßen die Möglichkeit haben, ihre Erwerbsarbeitszeit je nach Bedarf zu unterbrechen oder zu reduzieren, wie es für ihr individuell spezifisches Leben gerade stimmig ist. Man könnte sich Zeit- oder Arbeitskonten vorstellen, auf die, analog zu einem Girokonto ohne Zinsen, nicht entlohnte aber gearbeitete Stunden »eingezahlt« und bereits gearbeitete später wieder abgehoben werden. Wer bereits gearbeitete Stunden abhebt, erhält trotzdem 100 Prozent Lohn.

Ziel, der auf diese Weise »löchrig« gemachten, entzerrten Lebensverläufe, ist die Entkopplung von Arbeit und Zeit. Mit der Ausprägung der Industriegesellschaft und dem Leitbild des autonomen, selbstrationalen, selbst-ökonomisierten Arbeitskraft-Subjekts ist das Wissen und die Sensibilität dafür verloren gegangen, dass wir alle existentiell abhängig und bedürftig sind – jeder Mensch braucht Zuwendung und Versorgung in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlichen Lebensphasen. Zuwendung per Dienstleistung und Robotik ist womöglich technologisch machbar, gewiss, aber ist das wirklich wünschenswert? Wenn wir soweit kommen, dass sich jeder seine Zuwendung kaufen muss, ist der Mensch als soziales Wesen am Ende. An dieser Schwelle stehen die postindustriellen Gesellschaften meiner Einschätzung nach jetzt, und genau deshalb ist es an der Zeit, sich Gedanken über Zeit und Zuwendung, über Sorge und Solidarität zu machen, um in naher Zukunft eine gute Gesellschaft gestalten zu können.

Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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