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Schüles neue Seiten (16)

Kapitel 16: Die letzte Seite

Es ist vollbracht. Vergangenen April hatte ich mit meinen Überlegungen zu einem neuen Lebensarbeitszeitmodell begonnen, die rasch zu Reflektionen über die Utopie eines neuen Humanismus wurden. Meine Güte, ist das nicht zu groß? habe ich mich immer wieder gefragt – Humanismus, ein geistesgeschichtlich so gigantischer Begriff! Nein, bei aller Bescheidenheit, denn am Ende, über fast zehn Monate später, bin ich mehr denn je überzeugt, dass wir eine humanistische Utopie brauchen, dass diese Utopie aber kein Hirngespinst im luftleeren Raum wohlfeiler und weltfremder Spekulationen sein soll, wovon sich Leser oder Bürger abschrecken lassen müssten. Es geht um ganz konkrete Vorschläge, die, auf ihre Praktikabilität hin untersucht, den Paradigmenwechsel der Lebens-, Arbeits- und Zeitstrukturen entsprechen.

Ich wollte – das hatte ich mir vorgenommen – der Zukunft ja ein wenig von ihrem Sound ablauschen, wollte eine Blaupause für den individuellen Lebensentwurf von übermorgen schreiben, eine Art Passepartout für die Biografie 4.0 in einer Welt, die sich so rasch wie radikal wandelt und in naher Zukunft noch viel grundlegender wandeln wird. Wir haben die Zeit heißt nun das aus diesen Überlegungen entstandene Buch, und es sind, wie der Untertitel sagt, »Denkanstöße für ein gutes Leben« geworden. Darum geht es ja schließlich immer: um das gute Leben. Was aber ist ‚gut’ in Zeiten totaler Beschleunigung, in denen so viele Zeitgenossen überfordert sind, erschöpft, entkräftet, ausgebrannt? Wie ist eine gelingende Gesellschaft gestaltet, in der immer weniger Junge immer mehr Ältere zu finanzieren haben, gleichwohl die Älteren in Sympathie für die Jüngeren diese Systematik durchaus kritisch sehen? Wie also könnte man einen verzerrten, den Einzelnen einzwängenden Lebenslauf künftig entzerren?

Letztlich lief bei meinen Überlegungen alles auf den Begriff einer »sorgenden Gemeinschaft« hinaus, wenn man unter Sorge eine Politik der kulturellen Reproduktion von Gesellschaft versteht – im Sinne der Reproduktion kultureller Wertschöpfung. All dessen also, was der Mensch zu seinem humanistischen Selbstverständnis braucht: Ansprache, Bildung, Sozialität, Familialität, Zuwendung, Muße, aber auch Verdienst, Geld und eine sinnvolle Aufgabe. Ziel eines künftigen Humanismus, meine ich, müsste die personalisierte Lebensarbeitszeit-Passform für jedes Individuum auf deutschem Boden sein, wodurch Arbeitszeit im eigenen Lebensverlauf jeweils subjektiv unterschiedlich gestaltet werden kann. Steigende Lebenserwartung und Längerlebigkeit, die gute Gestaltung gewonnener Lebenszeit im Alter erfordern kluge Konzepte der Pflege wie auch der Entlastung junger Menschen, die sich selbst die Frage nach der Vereinbarkeit nicht nur von Familie und Beruf, sondern auch jene ihrer eigenen Lebenserwartungsfülle und Sorge beantworten muss.

An einer Reduzierung der Arbeitszeit kommen wir nicht vorbei

Der Zwang zur Flexibilisierung im Erwerbsleben, das lehren uns die vergangenen Jahre, führt zunehmend zum totalen Verlust von Flexibilität im Leben. Was eigentlich fluid sein soll, scheint erstarrt. Wenn der Lebensverlauf also ‚löchriger’, entzerrter, entspannter werden soll, wenn es über die Biografie hinweg Räume und also Zeiten zur freien Verfügung geben soll, dann ist eine völlig andere Verzahnung von Erwerbsarbeit und Lebenszeit nötig. Jeder Versuch der Neubestimmung einer humanistischen Lebensarbeitszeit wird – nimmt man alle Entwicklungen zusammen – an einer Reduzierung von Arbeitszeit vermutlich nicht vorbei kommen; ohne Verkürzung der Arbeitszeit ist der Kampf gegen die Überforderung des Einzelnen nicht denkbar. Reduktion der Arbeitszeit aber heißt Reduktion des Arbeitsvolumens, sonst hätte man ja nichts gewonnen – es wäre freilich töricht, von 8 auf 6 Stunden pro Tag zu reduzieren und die Menge der zu erledigenden Aufgaben bei gleich bleibendem Personalstand nicht ebenso zu reduzieren. Erleben vor allem Frauen in der bislang nicht-entlohnten Sorge-Arbeit eine Verdichtung und Verzerrung, erledigt sie als berufstätige Mutter quasi drei Jobs in einem, womit der Zielvorgabe einer geschlechtergerechten Gleichstellung von Frau und Mann wahrlich nicht gedient ist. Das Ziel des Paradigmenwechsels lautet also: Entkopplung von Arbeit und Zeit, denn die Kopplung von Zeit und Arbeitspensum führt in die Überforderung, die Überforderung in die Erschöpfung und die Erschöpfung in die Krankschreibung. Kein Arbeitgeber hätte dadurch etwas gewonnen. Welcher Kompromiss wäre denkbar? Eine Verständigung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer über die Qualität der jeweiligen Arbeit und die Art des jeweiligen Arbeitsprozesses. Arbeit wird an die Bedürfnisse der subjektiven Zeitgestaltung angepasst, ohne quantitative Einbußen zu erleiden – mit der begründeten Hoffnung auf höhere Qualitätserfüllung. Jeder Arbeitnehmer soll, darf und kann mehr arbeiten, aber dann, wenn sie oder er es möchte.

Das Buch: Ein Plädoyer für mehr gute Zeit

Der Autor eines Buchs hat es leicht: Er kann fordern und kritisieren; umsetzen und gestalten müssen andere. Ja, das ist richtig, aber jede Veränderung beginnt mit einer Kritik oder Utopie, und wenn nur ein Teil dessen zu einem allgemeinen Bewusstseinswandel führte – durch Diskussion, Diskurs und Debatte über das bessere Argument – wäre viel gewonnen.

So verstehe ich mein Plädoyer für mehr gute Zeit, für personalisierte Lebensarbeitszeitmodelle und eine Wiedergewinnung der Menschlichkeit als Plädoyer für das gute Leben in der gelingenden Gesellschaft von morgen und erkläre hiermit ganz lebensarbeitszeitsensibel, meine kommenden zwölf Wochen zur Kontemplation und Muße zu nutzen. Dann freilich erscheint das Werk in der edition Körber-Stiftung, und dann wird es darum gehen, die in den vergangenen Monaten auf »Schüles neuen Seiten« vorgestellten Vorschläge einem noch breiteren Publikum nahezubringen. Ich selbst? Habe viel gelernt. Habe einiges verstanden. Habe faszinierende Entdeckungen gemacht. Habe gesehen und gehört, was bereits Realität ist, was möglich wäre, was denkbar ist. Habe verstanden, wie Gesellschaft in Zeiten des demografischen Wandels, der Zeitverdichtung und Raumvergrößerung durch eine globale digitale Ökonomie lokal trotzdem human sein könnte.

Jeder Mensch will gebraucht werden, jeder Mensch will den Verdacht widerlegen, er sei austauschbar und nutzlos. Das ist ja der Sinn von Demokratie: Dass jeder zu ihr beitragen kann und soll. Mühsam ist das, ohne Frage, aber immer lohnend. Wie immer fallen Fortschritte nicht vom Himmel, man muss dafür etwas tun, jeder Einzelne muss etwas tun, damit insgesamt etwas in Gang kommt. Und wie immer bin ich optimistisch und glaube an die Kraft der Vernunft und der gemeinschaftlichen Selbstsorge. Wir haben die Zeit, ja, wir müssen sie uns nur nehmen, wir müssen sie uns gönnen, wir müssen sie uns leisten.

Es war mir eine große Freude, über all das nachdenken zu können. Beste Wünsche und allzeit eine gute Zeit!
Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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