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Schüles neue Seiten

Kapitel 2: Zeit als Währung

Ich zum Beispiel, wenn ich kurz von mir sprechen darf, bin zur Zeit auf einer Mittelmeer-Insel, um über Lebensarbeitszeit nachzudenken. Ich bin hier, um hart zu arbeiten, mit strenger Disziplin, konzentriert, motiviert. Ich bin durch nichts abgelenkt, muss mich nicht rechtfertigen, kann mich in die Zeit hineinwerfen, ohne auf die Uhr zu sehen.

Auf dem Bildschirm meines Laptop: zero, nada, niente. Bislang keine Zeile geschrieben, aber einen halben Text vorgedacht. Viel spannender als meine Findungs- und Selbstfindungsarbeit aber sind die Reaktionen von zuhause: Urlauber! Ein Luxusleben hast Du! Meine Herren, sage ich, nicht im entferntesten!, was hier mache, ist fast klösterliche Klausur, acht, neun Stunden am Tag. Ich weiß, dass das nicht jedermanns Sache ist, und dass auch nicht jeder auf einer Insel arbeiten kann. Geschenkt.

Aber ich zum Beispiel habe kein regelmäßiges Einkommen, manche Monate sogar ein denkbar schlechtes. Meine Gratifikation aber besteht in der Freiheit, meine Zeit selbst gestalten zu können. In gewisser Weise, das schält sich immer stärker heraus, stehe ich mit meinem Anspruch auf selbstbestimmte Zeitgestaltung im geistigen Gleichklang mit einer noch Minderheit, deren Angehörige ähnlich denken (aufgrund der Strukturveränderungen womöglich auch anders denken müssen), jedenfalls der Zeit ein Quantum voraus. Die Jungen und Jüngsten, die Generation Y und Z, leben zu bemerkenswertem Teil bereits in diesem Geiste, und ihnen bleibt auch gar nicht viel anderes üblich, weil sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten der kognitiven Epoche die Organisation der Arbeit verändern wird.

Der Paradigmenwechsel heißt: Ökonomie 4.0 im Rahmen einer totaldigitalen Wirtschaft – die Vierte Dimension der Revolution von Arbeit und Technik nach der Mechanisierung mittels Dampfkraft, der Fließbandfertigung mittels elektrischer Energie und der Mikroelektronik mittels Computerisierung. Nicht mehr Vollerwerb und money-job, sondern Kreativität, Projektarbeit und Eigenzeitgestaltung. Sind sie, sind WIR glücklicher? Ich vermute: teilweise. Nicht jeder ist gemacht für solcherart Freiheit, die einen ja auch vollkommen unfrei sein und unter den Zwang setzt, alle möglichen Aufträge anzunehmen, sich Deadlines zu beugen, schlechte Bezahlung zu akzeptieren und die eigene Produktivitätsrate bis zur Erschöpfung zu erhöhen (der Volksmund nennt das Selbstausbeutung). Wochenenden gibt es nicht, Feiertage ebensowenig, Urlaub nur mit morgendlichen Arbeitseinheiten, und wenn die Festangestellten um 18 Uhr ihren Computer ausmachen, mache ich ihn wieder an, bis im Fernsehen die Wiederholungen der Abendkrimis beginnen.

Und während ich also – in der Tat: unter der Sonne und zum Ruf von Käuzen – über Leben, Arbeit und Zeit nachsinne, kommt mir ein kürzlich für mein Buch geführtes Gespräch mit Gerhard Wegner in den Sinn. Der Theologe und Sozialphilosoph ist Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands, eine Art protestantischer Vordenker also, und er ist der Ansicht: Wir bräuchten eine neue Denke in Deutschland. Aber worin besteht sie? fragte ich zurück. In der Weiterentwicklung unserer Arbeitslosen-Versicherung zu einer Arbeitsversicherung.

Bis zum heutigen Tage, sagte Wegner, seien Zeiten der Arbeitslosigkeit versichert. Wenn man jetzt aber dazu käme, die gesamte Arbeitszeit zu versichern, also eine Versicherung zu haben, in der jeder Bürger für Übergänge und Lücken abgesichert ist, wäre man nicht für die Zeit der Arbeitslosigkeit geschützt, sondern grundsätzlich für alles versichert, was zur Arbeit der Zukunft dazugehört: Übergänge, Jobwechsel, Sabbaticals, Freizeiten und Arbeitsplatzverlust. Um umfassend gut leben zu können, schließe ich, scheint grundsätzliches Umdenken erforderlich zu sein. Das heißt in erster Linie zu begreifen, dass es morgen völlig normal sein könnte, den Arbeitsplatz zu verlieren, zwei, drei oder sogar mehrere Male im Leben, dass es Jede und Jeden treffen kann.

Am Ende eines ertragreichen Tages auf der Dachterrasse stand übrigens, aus weiter Ferne heran geweht, folgender Satz auf dem so lange leeren neuen Word-Dokument: »Nicht Geld wird die Währung eines guten Lebens der Zukunft sein, sondern Zeit.«

Mehr dazu in Kürze.

Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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