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Schüles neue Seiten (3)

Kapitel 3: Gedanken zur Rente

Denkt man Leben, Arbeit und Zeit zusammen, kommt man zwangsläufig auf die Rente. Die wiederum interessiert mich brennend, soll mein Buch über Lebensarbeitszeit ja, bei aller Bescheidenheit, die Skizze einer Biografie des Zeitgenossen der mittleren Zukunft werden. Das staatliche Rentensystem ist seit Jahrzehnten durch ständige Interventionen geprägt, es ist – an jeder rational kalkulierten und nachhaltig berechneten Wirklichkeit vorbei – den Launen eines offenbar unersättlichen Politiker-Populismus ausgeliefert.

Und nun aufs neue stellen die Sozialpolitiker der Koalitionsparteien eine Rentenerhöhung in Aussicht, und wieder wird die Rente zu einer Gretchenfrage der Sozialmoral. Und wieder einmal, scheint es, herrscht denkbar großer Populismus dort, wo die Lust an der Rationalität einer ernüchternden Datenlage denkbar klein zu sein scheint. Je demografisch ungünstiger die Gesellschaft sich entwickelt – will heißen: je länger die Menschen leben und je weniger Junge nachkommen – desto mehr fallen die Alten vor allem als Wähler ins Gewicht. Wer nett zu Rentnern ist, zu dem sind womöglich auch die Rentner nett, zumal es von ihnen künftig immer mehr geben wird. Ein Politiker will gewählt werden, schon klar, und die übrigbleibenden Jungen wählen freilich immer seltener; Rentenrhetorik macht also polit-strategisch Sinn.

Rentenreformen und kein Ende

Die Rente als Gesamtkunstwerk der jeweils epochalen Lebensarbeitszeit ist immer eine Angelegenheit politischen Machtgewinns und sozialer Gerechtigkeit zugleich. Sie verrät auf hervorragende Weise den Blick der Regierenden auf die Zukunft. Vollmundig traten die Sozialpolitiker beider Volksparteien 2013 an und bekundeten, die beiden aus ihrer Sicht großen Gerechtigkeitslücken schließen zu wollen: mittels Mindestlohn und Rentenreform. Die Große Koalition unter Federführung der verantwortlichen Ministerin Nahles kam dann bekanntlich überein, die seit 2007 bestehende Rentenformel zu verändern. Nach Ansicht des so unverdächtigen wie renommierten Renten-Ökonoms Axel Börsch-Supran von der Technischen Universität München sind die neuen Überlegungen zum Thema, so darf man ihn paraphrasieren, ein Desaster. Warum?

Nun, zwei Kategorien entscheiden maßgeblich über das Rentenniveau: die Beschäftigungslage und die Demografie. Eine dritte, aber wesentliche kommt hinzu: Zeit. Vier Faktoren waren im zwischen 2001 und 2007 geschnürten, klug gestalteten Paket zur Altersvorsorge ja zusammengedacht: die graduelle Erhöhung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre; die Riester-Rente, um die jüngere Generation zu entlasten; die steuerfinanzierte Grundsicherung, derzufolge alte Menschen nicht unter die Armutsgrenze rutschen sollen, sowie der Nachhaltigkeits-Faktor. Eben der sollte die demografische Last gleichmäßig zwischen der älteren und der jüngeren Generation verteilen; Beitragssatz und Rentenniveau steigen oder sinken um etwa den gleichen Prozentsatz, wenn die demografische Last zunimmt.

Nun aber fehlt ganz offensichtlich – trotz tausendfacher Einwanderung oft junger Geflüchtete – ein Drittel junge Generation, um die Rentenfinanzierung in Zukunft bestandssicher zu machen. Die Altersarmut wird Börsch-Supran zufolge bis zum Jahr 2030 um 60 Prozent von 3 auf etwa 5,4 Prozent der über 65-jährigen Deutschen, die Grundsicherung beziehen, anwachsen. Infolge der vorgesehenen Abschaffung des Nachhaltigkeitsfaktors läge der Beitragssatz im Jahre 2040 also etwa um 4 Prozentpunkte höher. Und wenn ein Punkt erhöhte Sozialabgaben erfahrungsgemäß 100.000 verlorene Arbeitsplätze bedeuten, rechnet der Experte vor, dann schrumpfte die zur Finanzierung der Rente so wichtige Beschäftigungsbasis um 400.000 Stellen.

Alle zusätzlichen Rentenleistungen müssen die Jüngeren finanzieren. Weil die Deutschen bekanntlich immer länger leben (was wunderbar ist!), erhalten sie auch immer länger Geld aus der gesetzlichen Rentenversicherung; die Rentenbezugsdauer hat sich seit 1960 nahezu verdoppelt; Frauen erhalten im Schnitt 21 Jahre lang gesetzliche Rente; ihre Rentenbezugsdauer hat sich seit 1984 um etwa 8 Jahre erhöht. Den Jüngeren (jene, die nach den Babyboomern 1964 fortfolgende kamen) bleibt nur noch das geringere Rentenniveau: nach 2030, wenn die ‚Rente mit 63’ ausläuft, gibt es für Neurentner nur noch 43 Prozent des letzten Bruttoeinkommens. 

Wo bleibt die friedliche »Renten-Revolte« der Jungen?

 

Ist all das nun gerecht? Oder ist sie etwas ganz anderes: eine Rolle rückwärts nämlich, die auf Dauer nicht finanzierbar ist? Die Rente mit 63, hatte die Deutsche Rentenversicherung vor drei Jahren verlauten lassen, die Rente mit 63 wird bekanntlich aus Beitragsmitteln statt Steuern finanziert. Ergo: Die Mehrheit zahlt doppelt, über höhere Beiträge und geringere Renten. Die Moral von der traurigen Renten-Geschicht lautet: Die Jungen müssen mindestens bis 70 arbeiten, um alle vorhergesagten und vorhersagbaren Fehler des Systems auszugleichen – mit dem Resultat, selbst eine viel geringere Alterssicherung zu haben. In der Kategorie Generationengerechtigkeit wird die Goldene Tröte hiermit an Andrea Nahles verliehen. Man kann nicht oft genug dagegen anschreien, und ich frage mich: Wo sind die Jungen, die endlich die friedliche Renten-Revolte starten?

Adieu.

 

 

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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