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Schüles neue Seiten

Kapitel 4: Zwei Herzen schlagen ach… : Das bedingungslose Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen ist grenzübergreifend seit längerem im Gespräch, seit kurzem in den Niederlanden und Finnland gar in der Erprobungsphase und ganz aktuell Gegenstand einer Volksabstimmung in der Schweiz am 5. Juni. Schüle befragt sich selbst, ob das Konzept für sein Buch über neue Lebensarbeitszeit tauglich ist.

Geld bekommen – einfach so…

Ich bin schizophren im übertragenen Sinne. Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust, zwei Weltanschauungen toben im Geist. Das bedingungslose Grundeinkommen (kurz: BG) spaltet meine Persönlichkeit, wie es vermutlich auch die Gesellschaft in Gegner und Befürworter spaltet. Und das kommt so.

Wenn wir also alle später sterben, länger leben, das Alter gut gestalten, und wenn wir andererseits durch Robotik und Automatisierung 4.0 künftig viel weniger Arbeit haben werden (obwohl die Produktion der Waren und Güter unermesslich ansteigen wird): Könnte dann das BG nicht überaus hilfreich sein, eine neuartige Biografie zukunftsfähig zu machen? Jeder Bürger hätte in Zukunft, sagen wir, 800 oder 1000 Euro pro Monat vom Staat zur freien Verfügung, ohne dass er dafür irgendetwas leisten oder mehr tun müsste als nur Bürger dieses Landes sein. Für viele würde diese Summe mehr oder weniger den existentiellen Grundbedarf abdecken und wäre eine große Entlastung. Man müsste sich um Arbeit und Einkommen nicht mehr kümmern und könnte, allen Entfremdungszusammenhängen zwischen Leben und Arbeit enthoben, endlich zu einem freien Menschen werden. Wäre das BG also nicht geradezu die Vollendung menschlicher Freiheit? Ja wäre es nicht, wie der große Menschenfreund Marx einst gehofft hatte, das irdische Paradies, da jeder von früh bis spät tun kann, was er will – ein Leben ohne Leistungszwang, Effizienzterror und Burn-out-Risiko? Und haben nicht abertausende Generationen von just so einem Leben geträumt?

Haben sie vermutlich nicht, weil ein solcher Gedanken nur dort entstehen kann, wo der Mensch entweder im Überfluss steht und sich auf den sozialen Frieden verlassen kann; oder sich einem so allmächtigen wie superreichen Gott unterwirft; oder als mutiger Träumer ein Buch namens »Utopia« schreibt. Jahrtausendelang, vermute ich, war das gesamte Sinnen und Trachten der irdischen Alltagsbürger hingegen auf harte Mangelverwaltung ausgerichtet, da dem oft kranken oder defizitären Leben jeder weitere Tag mühsam abgerungen werden musste.

Realistische Utopie oder Wolkenkuckucksheim?

Lassen wir uns kurz auf das Paradies ein. Einkommen ohne Gegenleistung ermöglichte freilich, dass jeder ohne den Druck einer ökonomischen Haushaltung seine Lebenszeit nach eigenen Gusto planen und verwenden kann. Eltern hätten Zeit für ihre Kinder, Arbeitslose entkämen dem sozialen Stigma der Abhängigkeit von Sozialleistungen, jeder könnte seiner Lust frönen, wir würden eine großzügige Gesellschaft fröhlicher Bürger werden, niemand müsste einer schnüffelnden Staatsbürokratie gegenüber seine Bedürftigkeit nachweisen, und vielleicht entstünde durch das bedingungslose Grundeinkommen ja irgendwann auch eine neue Spezies: der Kulturbürger, der sich in großer Muße mit Literatur, Theater und dem Diskurs beschäftigt. Zeit würde also höher bewertet als Geld, und das ist per se ja kein falscher Gedanke.

Auf dem harten Boden des irdischen Daseins angekommen steht eine nicht unwichtige Frage im Raum: Wer aber finanziert das voraussetzungslose Einkommen? Wer speist wieviel in welchen Topf ein, aus dem wer dann wieviel für alle entnehmen kann? Das BG kann nur funktionieren, solange die Wirtschaft linear wächst und das Bruttoinlandsprodukt mindestens formidabel ist. Ist es naiv, das für alle Ewigkeit anzunehmen? Bei 1000 Euro für jeden Deutschen kostete das BG den verteilenden Staat mehr oder weniger 80 Milliarden Euro pro Monat und etwa 900 Milliarden pro Jahr. Das würde, so rechnen die Befürworter vor, das bundesdeutsche Sozialbudget von jährlich 850 Milliarden egalisieren. Warum also nicht, klingt doch verführerisch, oder?

Zwar ist nicht ausgemacht, dass bei einem BG niemand mehr arbeitet – das Einkommen aufzustocken bliebe ja allen freigestellt, jeder, der will, dürfte Leistungsträger bleiben und weitere Millionen scheffeln. Aber selbst BG-Befürworter sagen höhere Steuersätze voraus, und zudem würde die tarifautonomische Aushandlung der Löhne zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern – die ja auch eine Verhandlung gegenseitiger Verantwortung und Rechtfertigung ist – quasi obsolet. Am meisten aber, meine ich schließlich, kommt durch das BG bedauernswerter Weise in Verruf, dass Arbeit selbst Kultur sein kann. Arbeit schöpft Sinn, schafft soziale Norm, stiftet Gemeinschaft, konstituiert menschliche Beziehungen, strukturiert den Alltag, gibt Individuen eine Aufgabe und generiert über Lohn und Gehalt Wertschätzung, Anerkennung und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Herrje. Am Ende des Tages bleibe ich gespalten, setze nach 'Pro und Contra Grundeinkommen' in meinem Manuskript den Vermerk: Auf Vorlage, packe die Koffer und verschwinde morgen für zwei vollkommen arbeitsfreie, durch keinerlei Grundeinkommen abgesicherte Urlaubswochen auf eine Insel. Ohne Laptop. Ohne Mail. Ohne Zeitung. Und hoffe, dass es in der Heimat statt Wasser endlich Geld vom Himmel regne, bedingungslos!

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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