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Schüles neue Seiten (5)

Kapitel 5: In der Zeit sind alle gleich

Natürlich lautet die entscheidende Frage, die ich mir nach fast vier Wochen höchst verdientem Urlaub stelle: Sind wir selbst schuld an Stress, Hektik und Erschöpfung? Oder dürfen wir den Arbeitsmarkt, das Wirtschaftssystem und unsere Arbeitgeber dafür verantwortlich machen, dass die Zahl an Depressionen und Burn-outs offenbar in starkem Maße steigt?

Mehr Problembewusstsein oder Selbstoptimierungsdruck?

Dazu gibt es, wie immer, zwei Meinungen und Schulen. Die eine, in Gestalt des Psychiaters, Psychosomatikers und Soziologen Martin Dornes, verneint vehement einen Anstieg an Burn-out-Erkrankungen. Wenn Krankheitsdiagnosen zunähmen, so Dornes, bedeute dies noch lange keine Zunahme an tatsächlich Kranken. Kurzum: Der Zusammenhang zwischen einer Zunahme an Burn-out-Erkrankungen und den Lebensverhältnissen im neoliberalen Kapitalismus unserer Tage existiere nicht. Die andere Schule, verkörpert durch den Soziologen Hartmut Rosa, behauptet hingegen genau das: Der Kapitalismus befördere Verhältnisse, unter denen Burn-out und Depressionen signifikant zunähmen. Rosa kritisiert seit langem, dass der Mensch der Spätmoderne Opfer konkurrierender Ansprüche ist – und das in einem Wettbewerb, der die Menschen dazu bringe, ihr soziales und ihr Körper-Kapital permanent optimieren zu müssen. Wie also soll man sich also positionieren, frage ich mich? Soll man überhaupt? Muss man sogar? Vermutlich, aber auch das ist eine alte Erkenntnis, haben beide Forscher auf ihre Weise Recht, und es kommt allein auf Blickwinkel und Einflugschneise an. Nun kenne ich aus persönlicher Erfahrung zahlreiche Beispiele, die Beweis genug wären, dass in unterschiedlichen Branchen (vom Medien- über den Banken- bis zum Handwerks-Sektor) in den vergangenen Jahren das Arbeitsvolumen pro Kopf erheblich gestiegen ist – und parallel dazu Personal signifikant abgebaut oder – entsprechend den Anforderungen für das erhöhte Volumen – nicht weiter aufgestockt wurde. Aber führt das gleich in die Depression, als klinisch induzierbare Störung?

Verdichtung durch Gleichzeitigkeit

Kaum bestreitbar dürfte die Erkenntnis sein, dass das Organisationssystem westlicher Industriegesellschaften den flexiblen Menschen fordert und dafür seine Enttaktung braucht: allzeit erreichbar und zu jeder Zeit in der Lage zu sein, alles zu tun. Der Paradigmenwechsel zu globaler Digitalisierung hat alle Arbeits-Prozesse hochgradig beschleunigt, die Komplexität der Sachverhalte steigt ständig, der Umfang des Wissens wächst permanent, und mit beiden wächst und steigen auch Unsicherheit und Orientierungsbedürftigkeit. Das Prinzip Kurzfristigkeit hat Nachhaltigkeit ersetzt, der Einzelne ist getrieben von Stress und Konkurrenzdenken in hoch kompetitiven Ballungsräumen. Überforderung, Angst und Erschöpfung sind Resultat einer sozioökonomischen Lebenswelt-Verdichtung, die der italienische Philosoph Giacomo Marramao mit dem Begriff »Zeitsyndrom« als Grundlage der globalisierten Gesellschaft erfasst hat: der wachsenden Diskrepanz zwischen dem Übermaß an Erwartungen und der fehlenden Zeit zu ihrer Erfahrung. Der Zeitgenosse hat immer weniger Zeit für stets steigende Ansprüche und Angebote. Er wird verführt, jede freiwerden Einheit Zeit mit zwei neuen Tätigkeiten zu füllen, und wer also zwei Leben in eines packt, muss all seine Erfahrungen der Komprimierung unterwerfen. Zeit zur Abwägung bleibt dann nicht mehr, Zeit zur eigenen Gestaltung wird immer weniger, und die Verfügungsgewalt über die Eigenzeit schwindet zusehends. Je mehr Gleichzeitigkeit sich etabliert, desto größer scheint die Notwendigkeit zur Verdichtung, um alles zu gleicher Zeit erledigen zu können.

Auswege: Lebensgestaltung und Zeit-Politik

Die Rückeroberung der eigenen Zeit, scheint mir, um gegen permanente Zeitnot (und also Gefühl der Überforderung und Über-Anstrengung) anzugehen, hat auch und vor allem mit der persönlichen Gestaltung des Lebens zu tun. Diese Position zwischen Dornes und Rosa und ihren Denkschulen bringt mich dazu, in meiner Skizze über die Lebensarbeitszeit der mittleren Zukunft vornehmlich eine neue Zeit-Politik ins Auge zu nehmen und mir die Frage vorzulegen, wie wir, die Gesellschaften, es schaffen, wieder zu Herren unserer Zeit zu werden. Dafür gibt es interessante Modelle. Mehr in Kürze. Für heute folgende Überlegung zum Verhältnis von Leben und Gerechtigkeit: Nichts ist gerechter als Tod und Zeit. Jeder Mensch egal welcher Herkunft und Klasse muss sterben, und jeder Mensch, egal welcher Schicht und welchen Milieus, hat jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung. Tod und Zeit machen uns alle gleich und gleich frei. Mit der Art und Weise, wie wir Sterben, Tod und Zeit aber würdig gestalten, gehen die Probleme los…

Auf bald.

 

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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