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Schüles neue Seiten

Kapitel 6: Ihr glücklichen Schweden! Über einen bemerkenswerten Modellversuch

Just als ich damit beschäftigt war, meine Gedanken zum bedingungslosen Grundeinkommen, zum neuen Rentenmodell und dem Verhältnis von Arbeitszeit und Burn-out zu ordnen, entdeckte ich im Zuge allseitiger Recherchen Hinweise auf ein faszinierendes Real-Experiment. Jemand hatte mir erzählt, dass man in Schweden ein neues Arbeitszeitmodell testen ließ, ich könne mich ja mal kundig machen. Was ich tat. Kurze Zeit später las ich, dass über eine Laufzeit von zwei Jahren hinweg mehr und mehr Unternehmen in der Stadt Göteborg ein neues Arbeitszeit-Modell erproben. Mir war durchaus bekannt, dass Wissenschaftler immer wieder eine geringere Wochenarbeitszeit gefordert hatten – der Gesundheit der Arbeitnehmer und, wenn man es zu Ende denkt, dann auch der Ehen, Familien und Gesellschaft zuliebe. Mehr als 25 Stunden Arbeitszeit die Woche, hatten Arbeitspsychologen herausgefunden, seien schlecht für das Gehirn; der Mensch könne sich nur bis zu fünf Stunden konzentrieren und also nur fünf Stunden produktiv arbeiten.

Spannend die Sache in Schweden, gewiss, dachte ich, jede Überlegung zu kluger, gesamtgesellschaftlich vertretbarer Reduktion von Erwerbsarbeitszeit zugunsten einer flexiblen Eigenzeit finde ich mindestens bedenkenswert. Um was also geht es in Göteborg?

 

Bessere Arbeit durch den 6-Stunden-Tag

Ich las in englischen, amerikanischen und schwedischen Quellen nach und fand heraus, dass dortige Unternehmen offenbar auf einen 6-Stunden-Tag umstellten, um ihren Mitarbeitern mehr Freizeit und mehr Familienzeit zu lassen – bei gleichem Gehalt und vollem Lohn. Geht das denn? fragte ich mich und stieß auf ein Göteborger Pflegeheim, das die Schichten seiner 82 Mitarbeiter und Krankenschwestern reduziert hat und sich in der Folge, wie es hieß, die Betreuung der Patienten offenbar deutlich verbessert hätte. Die Mitarbeiter seien voller Lob für die Initiative ihres Arbeitsgebers, und eine Assistenzschwester ließ sich mit dem Satz zitieren, früher sei sie ständig erschöpft gewesen, nun hingegen sei sie weitaus aufmerksamer, habe mehr Energie für ihre Arbeit einerseits und für ihre Familie andererseits.

Das hört sich wunderbar an, dachte ich, kann es besser gehen? Ein Göteborger Krankenhaus, erfuhr ich des Weiteren, habe 15 neue Mitarbeiter eingestellt, was zwar teuer gewesen sei. Aber, wie die Geschäftsleitung verlauten ließ: Seit dem Wechsel in das neue Arbeitszeitmodell waren offenbar weit weniger Angestellte krank, hätten mehr Operationen durchgeführt werden können, seien die Wartezeiten für Patienten verkürzt worden. Die Mechaniker eines Göteborger Automobilwerks und Informatiker eines IT-Startups arbeiten schon seit mehreren Jahren nur 30 Stunden die Woche (was auf einen 6-Stundentag hinausläuft), und in beiden Fällen, so heißt es, seien sowohl Produktivität als auch Gewinn gestiegen. Die Autowerkstatt habe jetzt 12 statt 8 Stunden geöffnet, Kunden erhielten schneller Termine, die Mitarbeiter freuten sich über geschenkte Zeit. Im ersten Jahr, gab der Spiritus Rector der Idee zu Protokoll, sei der Profit um 25 Prozent gestiegen. Eine Win-Win-Situation für alle: den Arbeitgeber, den Arbeitnehmer, die Volksgesundheit, den Sozialstaat. Die Kosten-Nutzen-Rechnung, die dem Göteborger Arbeitszeitmodell zugrunde liegt, hat etwas Bestechendes: Wer die Produktivität erhöhen will, muss die Arbeitszeit verkürzen. Entscheidend sind nicht Präsenz-Zeit und unbedingte Kostenreduktion bei gleichzeitiger Erhöhung von Druck und Leistungserwartungen, sondern Motivation, Gesundheit und Konzentration der Mitarbeiter. So lautet meines Erachtens die Lehre aus dem schwedischen Experiment.

Schließlich stieß ich auf den Text einer schwedischen Autorin, die darauf hinwies, dass der Gemeinderat der Bergbau-Stadt Kiruna, im äußersten Norden Schwedens, 250 Angestellten des städtischen Pflegepersonals bereits Ende der 1980er Jahre den Sechs-Stunden-Tag angeboten hatte. Weil es aber keine Vergleichsdaten gab und die Stadt Kiruna zu spät Kosten und Nutzen gegenüberstellte, entschied der Gemeinderat 2005, die Arbeitszeit nach 16 Jahren wieder zu verlängern.

 

 

Kurzfristige Kosten, langfristig höherer Nutzen

Was sagt uns das schwedische Experiment? Anfangs kostet das neue, gesundheits- und menschenfreundlichere Arbeitszeitmodell mehr Geld, ja. Aber dann, nach einer gewissen Zeit, ist es wahrlich günstiger und bringt unverhoffte Rendite: Motivation und Zufriedenheit steigern den Profit. Das aber funktioniert nur mit Nachhaltigkeit und Langfristigkeit. Und wir haben ja alle erfahren dürfen, dass Geduld nicht die bestechendste Eigenschaft einer in der Globalisierung gehetzten Ökonomie ist. Dennoch: Mir ist Schweden grundsätzlich sympathisch. Besser zu arbeiten statt mehr zu arbeiten ist ein lohnenswerter Versuch. Vorbildlich, ihr Göteborger, ich bleibe dran an Schweden und nehme mir die volks- und betriebswirtschaftliche Frage vor, ob dieses Modell auch für 80 Millionen Deutsche finanzierbar wäre.

Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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