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Schüles neue Seiten

Kapitel 7: Die Millenials und das Universum

Oh nein, um die Zukunft unseres Landes ist mir nicht bange. Ich halte eine ganze Menge auf den deutschen Nachwuchs, nicht zuletzt auch aus persönlicher Erfahrung. Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit im Fachbereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin zum Beispiel darf ich jedes Semester aufs neue bestaunen, wie engagiert, politisiert, konzentriert, ehrgeizig und erfreulich agil junge Frauen und Männer zwischen 20 und 27 Jahren sind. Gewiss, das ist ein relativer kleiner Ausschnitt, aber ich erhebe ihn zur repräsentativen Größe, weil er mit den Beschreibungen sozialwissenschaftlicher Forschung in Einklang steht.

 

Bangemachen gilt nicht! Die jungen Menschen blicken realistisch in die Zukunft

Ende des vergangenen Semester sprachen wir zum Ausklang meines Seminars über Politische Romantik vor allem über romantisierte Vorstellungen die eigene Arbeitsbiografie betreffend, und siehe da: Keiner machte sich irgendwas vor. Alle wussten, dass sie nur weiterkommen werden, wenn sie sich von Semester 1 an in jeder Minute ihrer freien Zeit um Praktika kümmern, nach dem Master außeruniversitäre Erfahrung nachweisen und bereits erprobte Kontakte vorweisen können. Sie vermittelten mir den Eindruck, das Geschäft des Studiums ein wenig abgeklärt zu betreiben, gewohnt, von Anfang an unter Druck zu stehen, den das System also solches auf sie ausübt. Es kam ja nicht der Direktor oder Dekan in die Hörsäle und sagte ihnen: Sie stehen unter Druck, wenn Sie nicht in kürzester Zeit mit Bestnote abschließen, sonst haben Sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Aber wer in einen Zusammenhang von zeitverdichtung, Raumverknappung, Beschleunigung, Hire&Fire hineingeboren wird, der schaut anders auf die Welt als die studierenden Wohlstandszöglinge in den 1980er und 1990er Jahren. Jene, die ich da – mit Laptop statt Notizheft arbeitend und dennoch aufmerksam – vor mir sitzen hatte, sind allesamt Vertreter der Generation Y oder Generation Millennial.

 

Hohe Ansprüche: Die Millenials wollen gutes Gehalt und viel freie Zeit

Kürzlich hatte ich der internationalen Studie »Millennials im Karriere-Marathon« der Manpower Group gelesen, die Vertreter der Generation Y wollten zu 92 Prozent, dass ihre beruflichen Anstrengungen finanziell gut belohnt werden und zu 86 Prozent, dass sie genügend freie Zeit zur Verfügung hätten. Gut belohnte Arbeit und genügend freie Zeit – das könnte ja erstens einen spannenden Werte- und Interessenkonflikt bedeuten; und zweitens darauf hindeuten, dass mehr Eigenzeit und besserer Lohn sich in der Sicht des Nachwuchses nicht mehr ausschließen müssen. Die Quintessenz der Studie, so deren Leiter: »Die Generation Y nimmt potentielle Arbeitgeber genau unter die Lupe – sowohl ein gutes Arbeitsklima mit netten Kollegen als auch die gesellschaftliche Sinnhaftigkeit der Arbeit ist ihnen sehr wichtig.«

Millennials, lässt sich schließen, verändern die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und formulieren klare Erwartungen an einen künftigen Arbeitgeber: Investitionen in ihre Fortbildung. Die Nachkommenden sind bereit, lebenslang zu lernen, ja, aber sie wollen von ihrem Arbeitgeber dafür auch Zeit und Ressourcen haben. Im Umkehrschluss gesagt: Ein Unternehmen, das potentiellen Arbeitnehmern die Möglichkeit bietet, ihr Können und Wissen permanent weiter zu entwickeln, wird auf Dauer der attraktivere und klügere Arbeitgeber sein.

Die kommende Generation der Jahrgänge 1982 bis 1996 plant also wieder für die Langstrecke, und zwar von Anfang an. Das ist ein großer Unterschied meiner Generation der Jahrgänge ab 1970, da man während eines Philosophiestudiums ein Semester Astrophysik mit einem Schein abschließen konnte, den man schließlich wegwarf. Wochenlang hatten wir im Park seminarfremde Bücher über kosmische Hintergrundstrahlung gelesen, aber was ich damals über weiße Zwerge oder die Inflation des Universums gelernt habe, habe ich nie wieder vergessen. Nur in der Verschwendung von Zeit reift eine humanistische Persönlichkeit, denke ich mir, freue mich an der Generation Y und bin nach wie vor erstaunt, wie selbstsicher die Damen und Herren in ihre Zukunft blicken.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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