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Schüles neue Seiten

Kapitel 8: Auf der Suche nach dem Glück von morgen

Manchmal gibt es Sätze und Zitate, die gehen einem nicht mehr aus dem Kopf. Vor Monaten speicherte ich folgende Aussage des dänischen Unternehmers und Aktivisten Claus Meyer ab: Geldverdienen allein reiche heute nicht mehr für eine Firma, ebenso wenig genüge es noch, irgendetwas zu produzieren. »In Zukunft wird man schon einen Mehrwert schaffen müssen, wenn man Erfolg haben will.« Die Lehre: Je mehr wir auf Ressourcen zugreifen, desto verantwortungsvoller werden wir handeln müssen. Laut Meyer denken immer mehr junge Menschen in diese Richtung, weil sie offenbar verstehen, dass sich nur auf diese Weise erhalten lässt, was wir haben und brauchen.

Äußere Glücksbedingungen

Verkürzt gesagt strebt jeder Mensch nach dreierlei: soziale Anerkennung, Erfolg und Glück – im besten Fall verschmilzt alles in einem. Seit Aristoteles geht die Menschheit davon aus, der Sinn des Lebens sei das Streben nach Glück, nach Eudaimonia. In der Antike wurde Glück allgemeingültig bestimmt, in der Moderne ist es subjektiviert worden – als Sammelbegriff für die Befriedigung individueller Präferenzen. Und jetzt, in der Spätmoderne, im Morgenrot einer neuen Epoche: Wie lautet da unsere Definition von Glück? Um der überwältigenden und schier nicht bewältigbaren Größe des Wortes ‚Glück’ zu entgehen, spricht die Forschung seit geraumer Zeit nur noch über individuelles Wohlbefinden. Bei groß angelegten Erhebungen, dem »World Values Survey« oder dem »Euro-Barometer-Survey« etwa, wird nach der Lebenszufriedenheit der Menschen gefragt, weltweit, europaweit, deutschlandweit. Angetrieben vor allem vom britischen Ökonomen Richard Layard und dem Schweizer Wirtschaftshistoriker Bruno Frey haben Wissenschaftler festgestellt, dass eine maßgebliche Bedingung fürs individuelle Glücksempfinden die sozialen Umstände des jeweiligen Menschen sind. Nicht mehr die Wertzuschreibung von Gütern und Diensten ist entscheidend für eine hohe Lebenszufriedenheit, sondern die genetischen, sozio-demografischen, kulturellen und politischen Bedingungen.

 

Dabei steht der Einzelne heute unter dem Einfluss teilweise höchst gegensätzlicher Maximalansprüche: Er soll Ecken, aber keine Kanten haben. Er soll selbstmächtig sein und ist zugleich dem globalisierten Schicksal ausgeliefert. Er soll kontrolliert und rational sein, zugleich aber charismatisch und enthusiasmiert. Er soll permanent seine Exzellenz nachweisen und wird unablässig beobachtet und bewertet. Er ist stets auf sich allein gestellt und muss ständig wählen und sich unentwegt entscheiden, ohne zu wissen, wofür er sich entscheiden soll.

Einem Vortrag des wissenschaftlichen Leiters am Institut für Zukunftsfragen, Ulrich Reinhardt, war vor kurzem die recht aufsehenerregende Botschaft zu entnehmen, das Zeitalter des Egoismus neige sich dem Ende zu. Bis zu 90 Prozent der Deutschen seien der Auffassung, so Reinhardts Untersuchungen, man müsse wieder mehr zusammenhalten. Die Voraussetzung dafür sei: Vertrauen. Das Familiäre, Vertraute, Geborgene gewinnt an Wichtigkeit, Sicherheit steht empirischen Sozialstudien zufolge an erster Stelle der gesellschaftlichen Leitwerte. In Bezug auf den Anspruch, eine Lebensarbeitszeit-Biografie der mittleren Zukunft zu verfassen, kann das nur bedeuten, dass Wohlstand heute nicht mehr als materieller Reichtum betrachtet wird, sondern als immaterielles Wohlergehen.

Mehr Zeit, mehr Glück – und mehr Kinder

Man könnte all das auch anders sagen: »Dauerstress, Überstunden, Unsicherheit und Angst vor Arbeitsplatzverlust sind Stressfaktoren, die psychisch und körperlich krank machen.« Dieses Zitat stammt, als Reaktion auf zunehmende Krankschreibungen in Deutschland, von Bernd Riexinger und der Linkspartei, die ich persönlich in keiner Weise irgend einer anderen Partei vorziehe. Dennoch steckt in dieser offiziellen Mitteilung die richtige Erkenntnis, dass wir uns nicht bis zur psychischen und körperlichen Erschöpfung aufreiben dürfen, prinzipiell nicht, und schon gar nicht, wenn wir dafür keine Glücks-Rendite erhalten. Entscheidend ist auch hier, dass die Gratifikationseinheit für Glück nicht Geld, sondern Zeit ist. Zeit, scheint mir, ist der Dreh- und Angelpunkt aller künftigen Modelle um Leben und Arbeit. Erkannt und verstanden haben das auf erstaunlich hellsichtige Weise die Angehörigen der Generation Y. Mit großer Selbstverständlichkeit, so hört man aus Betrieben und Unternehmen, träte der Nachwuchs zu Einstellungs- oder Bewerbungsgesprächen vor den potentiellen neuen Arbeitgeber und fragten nicht zuerst nach Bonuszahlungen und Steigerungsraten, sondern offenbar nach Freizeit, Home-Office-Tagen und Work-Life-Balance. Warum? Weil die Familie eine immer wichtigere Rolle spielt, weil junge Väter Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, weil junge Mütter entlastet und Zeit für sich haben wollen.

Dieser soziokulturelle Einstellungswandel kommt nicht nur den kommenden Müttern und Vätern zugute, sondern auch der Reproduktionsrate eines Landes, dessen Gesellschaft sich durch Zeugungsfaulheit tragischerweise auf Dauer selbst abschaffen könnte. Künftige Gesellschafts- und Generationenverträge, eine generationengerechte Rentenformel und überhaupt die Finanzierbarkeit des Sozialstaats hängen elementar von der Geburtenrate und diese offenbar von Zeit ab.

Man sollte sich bitteschön schon ein paar Gedanken machen, ob eine kürzere und flexible Vollzeit für alle mit einer Wochenarbeitszeit zwischen 30-35 Stunden nicht klüger wäre. Das würde freilich nicht nur bedeuten, dass weniger Menschen erwerbslos wären, es stünde auch mehr Zeit für Freunde und Familie zur Verfügung, hätte positive Effekte für die dringend notwendige Erholung des Menschen – und schließlich gäbe es mehr entspannte Zeit, ein Kind zu zeugen. So geht der Weg zum Glück, da hat die Linkspartei – Ideologie hin oder her – schon ein bisschen Recht.

Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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