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Schüles neue Seiten (9)

Kapitel 9: Plädoyer für die Utopie im Quadrat

Je länger ich über den Zusammenhang von Leben, Arbeit und Zeit der nahen und mittleren Zukunft nachdenke, desto mehr komme ich zu der Ansicht: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Einen großen Wurf. Eine durchaus alles umfassende Neuordnung. Es genügt nicht mehr, an diesen oder jenen Stellschrauben zu drehen, da eine Stunde kürzere Arbeitszeit, hier ein paar Monate früherer Renteneintritt, dort einen Monat mehr Elternzeit. Wenn ich Paradigmenwechsel sage, meine ich nicht einen revolutionären Umsturz des herrschenden Systems, Gott bewahre. Alles wird sich nach wie vor innerhalb der marktwirtschaftliche Strukturen abspielen müssen, und ohnehin findet ja alles, was ist und werden könnte, im Bezugsrahmen des Kapitalismus statt. Alle sozialanthropologischen Projekte von New Larnaka bis zur Pariser Kommune oder der Sowjetunion sind bekanntlich an der Realität, am Freiheitsstreben des Menschen und den Notwendigkeiten ökonomischer Wertschöpfung gescheitert.


Mehr Eigenverantwortung, mehr Gestaltungsmöglichkeiten im Lebenslauf

Um es klar zu sagen: Als deutsche Gesellschaft kommen wir für das Ziel eines guten Lebens in Zukunft an gravierenden Änderungen nicht mehr vorbei. Wir brauchen eine Utopie im Quadrat. Warum? Weil das deutsche Sozialstaatsmodell nach wie vor auf dem konservativen Ernährer-Prinzip aufbaut, auf klarer Rentenbegrenzung und der Segmentierung des Lebenslaufs in drei Phasen (Ausbildung, Arbeit, Rente). Das sind Annahmen, die mit den heutigen Bedarfen und Strukturen, mit soziokulturellen Entwicklungen und einer Ökonomie 4.0 nicht mehr zusammenpassen. Eine steigende Lebenserwartung bringt Probleme mit sich, die bisher kaum im Fokus sind, geschweige denn verhandelt werden, etwa die Frage, wie und von wem immer mehr immer älter werdende Menschen (vor allem Frauen) versorgt und gepflegt werden? Der Paradigmenwechsel setzt, das macht den Wechsel des Paradigmas ja aus, an allem neu an: Rente, Grundeinkommen, Care-Arbeit. Kurzum: an Lebenslaufmodellen, die dem Einzelnen höhere Eigenverantwortung, aber auch mehr Gestaltungsmöglichkeit lassen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, seinen Lebensverlauf so zu gestalten, dass die Basis der Existenzsicherung zwar nach wie vor die Erwerbsarbeit bleibt (als Sockel oder Ergänzung möglicherweise eines vom Staat garantierten Grundeinkommens), dass jeder aber je nach seinem Bedarf die Erwerbsarbeit reduzieren oder unterbrechen können muss, so, wie es für sie oder ihn in jenem Momente stimmig ist. Dafür bedarf es rechtlicher Rahmensetzungen, und man könnte die Idee weiterverfolgen, sich über sogenannte Ziehungsrechte individuelle Auszeiten zu organisieren.

 

Länger, aber »löchriger« arbeiten?

Bei solcherart Entzerrung hochverdichteten Lebensläufe wird es – das ist die logische Konsequenz – auf eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ins Alter hinauslaufen. Wenn dann die Erwerbsarbeit nicht mehr so gestaltet ist wie jetzt, dass sich der Arbeitnehmer in wenigen kompakt gestaffelten Jahrzehnten aufreibt und früher oder später erschöpft und krank oder ausgelaugt in den Seilen hängt, wenn der Erwerbsarbeitsverlauf also entzerrt wäre, hätte man zwar länger zu arbeiten, aber »löchriger«, entspannter, flexibler, mit selbstbestimmten Unterbrechungen. Das Surplus dieser Utopie im Quadrat wäre die rechtlich abgesicherte Möglichkeit, für bestimmte Zeit auszusteigen, sich fortzubilden, sich um die eigenen Kinder in schwierigen Phasen zu kümmern oder die kranken Eltern zu pflegen. Was gewönnen wir dadurch unterm Strich? Lebensqualität. Eigenzeit. Flexibilität. Oder in einer Kurzformel ausgedrückt: Gestaltungsfreiheit statt Hyperfunktionalität. So was sagt sich natürlich leicht, so eine Utopie fordert man freilich schnell, solange sie sich nicht in der Realität bewähren muss. Über die Schwierigkeiten der Umsetzung, rechtlich, politisch und kulturell, wird man von nun an ringen müssen. Das werde natürlich auch ich tun, um unserem Buch über die Biografie eines gelingenden Lebens im Jahr 2030 möglichst viel Konkretion und Anschaulichkeit angedeihen lassen zu können.
Mehr in Kürze. Adieu.

Unter dem Titel »Schüles neue Seiten« schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.

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