X

»Feierabend« klingt heute wie ein Witz

Auf dem Weg von der Industrie- in die Wissensgesellschaft rücken Leben und Arbeit enger zusammen. Zusätzlich arbeiten wir heute deutlich länger als früher. Was bedeutet das für die Menschen in Hamburg und wie kann man diesen Wandel gestalten? Dazu äußert sich im Interview mit Andreas Geis, Körber-Stiftung, die Professorin für Kulturtheorie und Vizepräsidentin Forschung an der HafenCity Universität Hamburg Gesa Ziemer. Gesa Ziemer war auch zu Gast bei der Podiumsdiskussion »Kopf oder Container« im NDR Radiohaus im Rahmen der ARD Themenwoche »Zukunft der Arbeit«.

Frau Ziemer, wie hat sich der Begriff von Arbeit in den letzten Jahrzehnten verändert?

Einer der entscheidenden Faktoren, die eine Veränderung der Arbeit aufweisen, wie wir sie kennen, ist der voranschreitende Wandel von einer Industriegesellschaft hin zu einer Wissensgesellschaft. Die Bedeutung von Innovation rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Wir produzieren oftmals keine Produkte mehr, sondern Konzepte. Wir nennen dies immaterielle Arbeit. Das alles - vor allem die Digitalisierung spielt hier eine große Rolle - hat dazu geführt, dass Arbeit und Leben immer näher zusammengerückt sind. Wir sind weder zeitlich noch räumlich klar an fixe Punkte gebunden und arbeiten immer weniger nach klaren Vorgaben. Trotzdem arbeiten wir deutlich länger als früher, es gibt zahlreiche Studien, die das belegen. Ich bekomme zum Beispiel extrem viele Mails, in denen sowohl private als auch berufliche Dinge stehen. Man kann nicht mehr nach Hause gehen und sagen, man hätte Feierabend – das klingt heute wie ein Witz.

Das ist aber doch nichts Gutes.

Es gibt immer zwei Seiten und diese müssen kritisch reflektiert werden. Natürlich hat diese ganze Entwicklung auch Gutes. Für mich ist es eine riesen Freiheit, dass ich nie im Leben eine Stechuhr benutzen musste. Auch die höhere Frauenerwerbstätigkeit ist als eine durch und durch positive Entwicklung zu nennen. Solche Veränderungen stellen wiederum Anforderungen an eine neue Arbeitsarchitektur zur besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Leben.

Wie muss man aus Ihrer Sicht mit diesem Wandel umgehen?

Es wäre mein Wunsch, dass wir die Produktion wieder zurück an den Ort holen, an dem wir leben, nämlich in die Stadt. Im Zuge der Industrialisierung gab es die Entwicklung, dass ein Outsourcing der Produktion in die Billiglohnländer stattgefunden hat. Der Arbeitsmarkt öffnet sich mehr und mehr nach oben für qualifizierte Arbeitsplätze, verschließt sich aber nach unten. Das ist ein Problem für alle gering Qualifizierten, vor allem für Migranten, die unsere Sprache noch nicht sprechen, was in den letzten Jahren auch wieder verstärkt an Aktualität gewonnen hat. Wenn wir die Leute integrieren können, durch Manufakturen und Handwerk in der Stadt, also dem Raum, in dem sich auch neue immaterielle Formen des Arbeitens konzentrieren, wäre das sowohl aus ökologischer als auch aus sozialer Sicht ein Vorteil für alle. Rotterdam mit seiner afrikanischen Community ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Deren Handwerk ist mittlerweile ein fester kultureller Bestandteil, der einen ganzen Stadtteil gebildet hat.

Die Lange Reihe ist ein ebenso interessanter Kiez, weil es dort noch Fertigungsstätten, Manufakturen gibt. Das ist durch die Gentrifizierung zwar merklich zurück gegangen, aber wir finden hier nach wie vor ein lebhaftes Viertel. In der Hafencity beispielsweise gibt es das nur in einem sehr hochklassigen Segment. Im großen Stil dort Handwerk anzusiedeln, wäre viel zu teuer. Deshalb wirkt dort auch alles noch sehr steril. Der Hamburger Osten wiederum bietet Chancen für Entwicklungskonzepte. Dort können wir Raum für Kleingewerbe schaffen und diese mit dem Wohnungsbau kombinieren.

Aber ist das realistisch? Gerade in Hamburg als Industriestadt, in der es viel Schwerindustrie gibt, oder erneuerbare Energien – das ist in Form von kleinen Manufakturen doch schwer vorstellbar.

Klar können und müssen die großen Industrien dort bleiben. Man kann die ursprüngliche Industrie nicht einfach ersetzen. Aber man kann auch dort Handwerk ansiedeln. Gerade in Hamburg sieht man, dass die Lösung auch andersherum funktioniert, indem der Wohnungsbau dort hin, in die Nähe der Industrie geht. Es gibt ein enormes Verdichtungspotenzial im suburbanen Raum. Der Hamburger Osten ist ein Standort, an dem diese Verdichtung aktuell schon passiert. Da wohnen die Leute neben den Fabriken. Sie wohnen dort schon lange, aber dadurch, dass sich die Produktionsabläufe, vor allem im Zuge der Digitalisierung, weiterentwickelt haben, ist die Produktion sauberer und leiser geworden, was eine Steigerung der Lebensqualität zur Folge hat. Auch im Hafen gibt es noch zahlreiche Leerräume, deren Verdichtung man gestalten kann.

Wer sind am Ende die Entscheidungsträger für eine solche Entwicklung? Die Politik?

Es ist in erster Linie die Stadt, die für solche Konzepte offen sein muss, indem sie beispielsweise Raum für Kleingewerbe schafft. Aber auch in anderen Bereichen sehe ich Handlungsbedarf. Ich habe ich mich in den letzten Monaten mit der Ausbildung im Immobilienmanagement beschäftigt und war überrascht darüber, dass die Ausbildungsinhalte einseitig betriebswirtschaftslastig sind. Dabei finde ich, dass die auch Gesellschaftstheorie machen, sich mit Demografie und Zukunftskonzepten beschäftigen sollten. Dann würden die vielleicht auch auf die Idee kommen, in solche Dinge zu investieren.

Da könnten Sie ja ein Vorbild sein. Welche Lehrkonzepte haben Sie für Ihre Studierenden?

Wir betrachten das oft aus einer praktischen Perspektive und sehen uns echte Arbeitsstätten an, um zu schauen, wie die aufgebaut und strukturiert sind. Ich finde es zum Beispiel interessant, mit meinen Studierenden mehr oder weniger öffentliche Orte zu besuchen. Das Unilever-Haus, das für die Arbeitsarchitektur der Zukunft steht, zeigt sehr gut, wie Arbeiten heute aussieht. Es ist hell, es gibt viele Glaswände und so weiter, aber andererseits produziert das natürlich auch einen Kontrollaspekt. Wir haben im Erdgeschoss mal eine Vorlesung gehalten und die dachten, es wäre ein Flashmob, und haben uns gebeten, das Gedäude zu verlassen. Aber nur so können wir diese neuen Entwicklungen erst reflektieren und lernen, in der modernen Arbeitswelt zu überleben.

Dr. Gesa Ziemer ist Professorin für Kulturtheorie und Vizepräsidentin Forschung an der HafenCity Universität Hamburg. Seit 2015 leitet sie das City Science Lab, eine Kooperation zum Thema Zukunft der Stadt mit dem MIT Media Lab in Boston. Sie ist Sprecherin des Graduiertenkollegs »Performing Citizenship« und Autorin des Buches »Komplizenschaften - Neue Perspektiven auf Kollektivität« und befasst sich mit dem Thema »Neue Formen von Arbeit« regelmäßig auch in Lehrveranstaltungen. Gesa Ziemer war zu Gast im NDR-Radiohaus im Rahmen der Veranstaltung »Kopf oder Container«. Die Sendung können Sie hier nachhören.

Nach oben

Kontakt

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Presse

Andrea Bayerlein
Fokusthemenmanagement
Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

to top