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Mehr Lebenszeit – Wunschdenken oder Realität?

Wir haben heute 15 Jahre mehr Lebenszeit als unsere Großeltern, behauptet die Körber-Stiftung auf den Plakaten zu ihrer neuen Kampagne »Verschenke deine Zeit«. Stimmt das wirklich? Oder ist das nur eine vollmundige Annahme, die der Stiftung politisch gut in den Kram passt? Das hat Andreas Geis (Körber-Stiftung) Demografie- und Datenjournalist Björn Schwentker gefragt:

Wie ist das mit den 15 Jahren Plus an Lebenszeit während der letzten zwei Generationen: Wunschdenken oder Realität?

Das ist knallharte Realität. Wobei – wenn man genau hinsieht, stimmt es nicht ganz.

Wieso?

15 Jahre sind die richtige Größenordnung. Aber die Zahl unterscheidet nicht zwischen Frauen und Männern. Die Männer haben etwas weniger dazu gewonnen, die Frauen mehr. Aber wenn es um die Lebenserwartung geht, sind wir Männer eh immer hintendran.

Was heißt das in konkreten Zahlen?

Sagen wir, Sie stünden gerade mitten im Leben und wären heute 35 Jahre alt. Dann hat das Statistische Bundesamt Ihnen – als westdeutschem Mann - zu Ihrer Geburt im Jahr 1981 eine Lebenserwartung von 70,2 Jahren attestiert. Für Ihren Großvater – nehmen wir an, er kam 55 Jahre vor Ihnen zur Welt – waren es damals, im Jahr 1926, gerade mal 56 Jahre. Macht ein Plus von 14,2 Jahren. Immerhin! Dasselbe Zahlenspiel für Frauen sieht noch besser aus: Die heute 35-Jährige kommt auf 76,9 Jahre. Ihrer Oma gab die amtliche Statistik damals 58,8 Jahre. Das ist ein Zugewinn von 18,1 Jahren.

Das geht aber nicht so weiter, oder? Die Zugewinne an Lebenszeit gehen ja auf das Konto der rasanten Nachkriegsentwicklung. Vor allem war der Kampf gegen die Kindersterblichkeit so erfolgreich. Aber die ist ja nun schon bei fast null, da gibt es ja nichts mehr zu gewinnen...

Doch, die Lebenszeit steigt weiter! Und das, obwohl Sie mit der Kindersterblichkeit Recht haben. Weil die Medizin sie erfolgreich bekämpft hat, stieg die Lebenserwartung lange Jahre quasi automatisch. Jetzt gewinnen wir Lebenszeit aber in den höheren Altersklassen dazu – und zwar genauso viel wir früher. Nun sinkt dort jedes Jahr die Sterblichkeit, auch bei den 70-Jährigen – und Älteren!

Wie kann das sein?

Wir bleiben einfach immer länger gesund. Nicht nur, weil die Medizin immer besser wird, sondern auch weil unser Wohlstand wächst, wir uns besser ernähren, das Leben immer ungefährlicher und wir im Durchschnitt immer gebildeter werden. Leider sind wir alle ganz schreckliche Kulturpessimisten. Darum blenden wir diese positive Entwicklung oft aus. Aber sie geht weiter, Trump und Terror zum Trotz.

Aber wir können doch nicht immer noch älter werden!

Doch, bald sogar 100 Jahre und älter! Die Wissenschaft kennt keine Grenze für ein maximales Menschenalter. Und die Daten zeigen: Die Lebenserwartung steigt mit sehr wenigen Ausnahmen weltweit: in jedem Land, für Arm und Reich, für Frauen und Männer. Es gibt kaum einen Prozess, der so universell ist. In entwickelten Ländern steigen die Kurven der Lebenserwartung seit über 150 Jahren steil nach oben. Wir gewinnen alle 40 Jahre etwa 10 Jahre Leben dazu. Weder Epidemien noch Weltkriege konnten den Trend stoppen. Es gibt keinen Grund, warum er ausgerechnet jetzt enden sollte.

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Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
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Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

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