X

Zeit verschenken – Ehrenamt in Hamburg

Wer Zeit verschenken will, seine Aufmerksamkeit oder Kompetenz, findet nachfolgend eine Orientierungshilfe, und in einem Kurzinterview erzählt Margit Langenbacher aus ihrem Arbeitsalltag bei »altonavi«.

Orientierungshilfe

Etwa eine halbe Millionen Menschen engagieren sich in Hamburg freiwillig. Neben sozialen Tätigkeiten mischen sie bei der Stadtplanung mit, tragen Frösche über befahrene Straßen oder pflegen historische Gegenstände in den Magazinen der Museen. Im Ehrenamt gibt es nichts, was es nicht gibt.

Wer Zeit verschenken will, seine Aufmerksamkeit oder Kompetenz, steht vor einer Fülle von Möglichkeiten. Gut, dass es bei der großen Auswahl Orientierungshilfe gibt. Elf Freiwilligenagenturen beraten engagierte Hamburger bei der Suche nach dem passenden Ehrenamt. Nahezu jeder Stadtteil der Hansestadt hat inzwischen eine eigene Anlaufstelle für Menschen die Zeit und Energie zu geben haben. Weit draußen im Osten berät die Freiwilligenagentur Bergedorf und wer wenig Zeit hat findet bei »Gute Tat« und »tatkraeftig.org« auch einmalige, kurzfristige Einsätze.

Sie alle sind im Landesnetzwerk »Aktivoli« organisiert, das seit gut einem Jahr auch eine Freiwilligenakademie betreibt. Vom »Spezialkurs Demenz« über »Interkulturelle Kommunikation« bis »Kinderturnen für alle« können engagierte Hamburger hier alles lernen, was sie für ihr Ehrenamt brauchen.

Immer mehr Menschen engagieren sich. Und die Angebote für Freiwillige haben sich den Bedürfnissen der fragmentierten, modernen Lebenswelt angepasst, sagt Harald Fellechner, Sprecher von »Aktivoli«: »Früher war es oft das lebenslange Engagement im Sportverein, heute ist es meist so, dass sich Menschen für wenige Wochen oder Monate einer Sache annehmen und sich dann wieder zurückziehen.«

Das wurde besonders deutlich, als in den vergangenen Jahren viele Flüchtlinge in der Hansestadt ankamen. Hunderte Hamburger wurden aktiv, sortierten Kleidung, übernahmen Patenschaften und halfen, wo sie konnten. »Da ist auch der Politik und den Behörden noch einmal deutlich geworden, dass das freiwillige Engagement der Bürgerinnen und Bürger wichtig ist. Ohne ihr Zupacken, Mitgestalten und motoviertes Handeln, hätten die Behörden die Versorgung der Flüchtlinge gar nicht bewältigen können. Zumindest nicht in dieser Weise«, sagt Harald Fellechner. »Es wurde klar, dass Engagement nicht nur das nette Sahnehäubchen ist, sondern Gesellschaft verändert und Dinge voranbringt.«

»Aktivoli« vertritt die Interessen der Freiwilligen in Hamburg. Das Landesnetzwerk setzt sich dafür ein, dass die Arbeit der Freiwilligen angemessen gewürdigt wird. Die Rahmenbedingungen ihres Engagements sollen klar geregelt und transparent werden. Darum hat »Aktivoli« gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund und dem Fachkräftenetzwerk eine Charta für engagementfreundliche Einrichtungen (PDF) verabschiedet. Die freiwillige Selbstverpflichtung soll die gute Zusammenarbeit zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen gewährleisten. Wer sie unterzeichnet verpflichtet sich, seine Freiwilligen gut zu betreuen, ihr Engagement zu würdigen und ihr Ehrenamt nicht für die Einsparung von regulären Stellen zu missbrauchen. Denn freiwilliges Engagement nimmt nicht nur zu, sondern wird auch und vielfältiger. Harald Fellechner beobachtet, dass Hamburger Bürger sich zunehmend auch bei der Planung von Bauprojekten einmischen und engagieren. Egal, ob ihre Wohnungsgenossenschaft neue Häuser plant oder der Bezirk eine neue Verkehrsinsel im Viertel möchte.

»Es wird gerade klar, dass die Behörden und Genossenschaften bei solchen Projekten zunehmend die Bürger fragen und beteiligen. Das holpert immer noch, denn es ist für die Hauptamtlichen ungewohnt, dass die Bürger mitreden. Aber sie tun es und sie wollen es. Und die Genossenschaften reagieren beispielsweise darauf, indem sie Ehrenamtlichen-Koordinatoren einstellen und die Bürgervertreter ausbilden und schulen.«

Engagement ist ein Instrument der lokalen Mitgestaltung. Wer mitmacht, bestimmt auch mit. Bürger treten aus der Passivität, gestalten aktiv ihr Umfeld und definieren, wie es aussehen soll. Sie entscheiden wie das Miteinander gestaltet wird, welche Werte gelebt werden und damit letztlich auch in was für einer Gesellschaft sie leben.

»Freiwilligenagenturen sind kompetente und zuverlässige Anlauf- und Beratungsstellen für das Engagement vor Ort«, sagt Tobias Kemnitzer, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V., kurz bagfa. »Dabei spielt es keine Rolle, wie alt oder jung die Menschen sind, ob sie von hier oder da kommen, ob sie eine Behinderung haben oder nicht: Die Vision der Freiwilligenagenturen ist es, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger engagieren und so Gesellschaft im Kleinen mitgestalten können. Im Bundesgebiet gibt es mittlerweile in über 500 Städten und Kommunen Freiwilligenagenturen; der Agenturatlas der bagfa hilft bei der Suche nach der jeweils nächsten Agentur.

Das eigene Umfeld so zu gestalten, stärkt das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sagt Harald Fellechner. Es lässt einzelne Menschen fühlen, dass sie Teil eines Ganzen sind, gebraucht werden und etwas beitragen können. »Wenn man so eine Erfahrung schon als Jugendlicher macht, weil man sich zum Beispiel als Gruppenleiter für Kinder in einer Naturschutzgruppe engagiert und dort Anerkennung bekommt, wenn man so merkt, dass man etwas bewegen und bewirken kann, dann prägt das das ganze Leben.«

To top

»Wenn ich eine Win-win-Situation hinkriege, bin ich glücklich«

Margit Langenbacher sitzt in ihrem Büro hinter einer großen Fensterfront in der Altonaer Großen Bergstraße. Guckt ein Passant im Vorbeigehen durch das Glas, dann lächelt sie aufmunternd. Jeder kann hereinkommen. Menschen, die Hilfe brauchen und Menschen, die helfen wollen. Im Gespräch mit Caroline Oxley (Körber-Stiftung) erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag bei »altonavi« – Informationszentrum und Freiwilligen-Agentur für Hamburg Altona.

Frau Langenbacher, wer kommt alles hier zu Ihnen herein, um sich von Ihnen ein Ehrenamt vermitteln zu lassen?

Menschen aller Gesellschaftsschichten im Alter von 16 bis 70. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber zu uns kommen nicht nur Menschen, die ein Ehrenamt suchen. Hier kann jeder hereinkommen, der ein Anliegen hat.

»Es kommen Menschen aller Gesellschaftsschichten von 16 bis 70«

Wir versuchen für alle Probleme des Alltags eine Lösung zu finden. Das ist unser Ziel. Und weil wir sowohl Informationszentrum als auch Freiwilligenagentur sind, wissen wir, wer in Altona für was die beste Anlaufstelle ist. Kein Tag, keine Frage ist gleich. Wo ist eine Kita mit spanisch als zweiter Sprache? Ich kann meine Gardinen nicht mehr alleine zum Waschen herunternehmen, habe aber kein Geld für professionelle Hilfe, wer könnte das für mich tun? Meine Rente naht und mir graut vor dem Tag, an dem der Wecker nicht mehr klingelt – was könnte ich dann Sinnvolles machen? Es ist unglaublich, wie viele Menschen und Lebenswelten wir kennenlernen.

Und wie genau bringen Sie dann den richtigen Menschen mit dem passenden Ehrenamt zusammen?

Wir machen einen Termin und beraten dann eine halbe bis ganz Stunde. Einige, die zu uns kommen, haben schon Ideen, was sie machen möchten, andere überhaupt nicht. Das Angebot ist riesig. Man kann Menschen im Krankenhaus besuchen und ihnen Bücher vorbeibringen, Kindern bei den Hausaufgaben helfen, Obdachlose versorgen, als Mutter anderen Müttern helfen, Patenschaften für Flüchtlinge übernehmen. Oft hilft die Frage, was jemand überhaupt nicht machen möchte, dann kommt man der Sache näher (lacht).

Wen haben Sie so denn schon alles zusammengebracht?

Es kam zum Beispiel ein Herr aus Marokko zu uns, der einen Deutschkurs belegt hatte, den er für seine Arbeitserlaubnis brauchte. Er war durchgefallen und sagt uns, er würde gerne einen Muttersprachler oder ein Muttersprachlerin kennenlernen, um Deutsch zu üben. Im Tausch wollte er auch gerne einem Senioren oder einer Seniorin ab und zu im Alltag helfen. Wir haben dann recherchiert und in einer Senioreneinrichtung eine ehemalige Deutschlehrerin gefunden, die bei manchen Dingen Unterstützung benötigte. Das funktionierte einwandfrei. Er hat die Prüfung bestanden und auch danach haben sie sich noch ein paar Mal getroffen. Da gibt es viele schöne Geschichten. Besonders wichtig ist es mir persönlich auch, Menschen mit Behinderungen Ehrenämter zu vermitteln. Viele von ihnen haben Ressourcen und können nicht nur nehmen, sondern auch viel geben. Das ist für mich ein wichtiger Schritt hin zur Inklusion. Jeder Mensch hat etwas zu geben, wenn man den richtigen Platz für ihn findet.

To top

Kontakt

Karin Haist
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Presse

Andrea Bayerlein
Kommunikationsmanagerin
Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

to top