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Ein ganz besonderer Tag der Arbeit

KörberKonferenz »Neue Lebensarbeitszeit«
am 1. Dezember 2016 in Hamburg

Konferenzreport von Christian Schüle

Der Saal des KörberForums ist voll, bis auf den letzten Platz, die Kameras sind postiert, die Konferenz wird im Livestream übertragen, Fotografen stehen parat, neben der Eingangstür steht ein Flipchart, auf den die Illustratorin Angela Gerlach im Laufe der kommenden fünfeinhalb Stunden Fakten, Zahlen und Thesen per grafischem Gedankenblitz in Diagramme umsetzen wird. Anja Paehlke, Mitglied im Vorstand der Stiftung, stellt in ihrer Begrüßung die programmatische Frage: »Wir werden immer älter – was bedeutet das für den Einzelnen und für die Gesellschaft?«

Wenn die Körber-Stiftung ruft, kommen gewöhnlich die besten Vertreter ihres Fachs, um die relevanten Themen der Zeit zu debattieren. Genau deshalb sitzen an jenem Donnerstag Anfang Dezember auch Axel Börsch-Supan, Thomas Straubhaar und Max Neufeind auf dem Podium.

Im Saal sitzen erstaunlich viele junge Menschen, geschätzt etwa die Hälfte der Konferenzteilnehmer, zwischen Anfang 20 und Mitte 30. Sie sind es, die all die Fragen zu Rente, Grundeinkommen, Arbeitszeitreduzierung, die Chancen und Risiken der Arbeit 4.0 ja betreffen werden. Paehlke übergibt an Andreas Geis, den Leiter des Fokusthemas »Neue Lebensarbeitszeit« bei der Körber-Stiftung, der mit seiner Kollegin Andrea Bayerlein und dem Meinungsforschungsinstitut forsa eine repräsentative Umfrage unter 1.701 zufällig ausgewählten Personen zwischen 18 und 65 Jahren im Oktober konzipiert hat, deren Ergebnisse von einigen der großen deutschen Leitmedien aufgegriffen wurden. Tenor: Es herrscht Optimismus für Gegenwart und nahe Zukunft.

Beim Übermorgen aber sieht das anders aus. Und darum soll es gehen. Die Stiftung hat ihren Scheinwerfer auf das Thema Lebensarbeitszeit gerichtet, weil uns schlicht mehr Lebenszeit zur Verfügung steht. »Seit 1950«, sagt Geis, »haben wir 15 Jahre hinzubekommen.« Oder anders gesprochen: Jeder Bürger gewinnt statistisch gesehen täglich fünf Stunden weitere Lebenserwartung hinzu, nach oben keine Grenze. Arbeit könnte deshalb ganz neu in der Biografie verankert werden. Etwa nach der neuen Maßgabe: länger arbeiten, aber dafür mehr Auszeiten nehmen. Und was tun die meisten von uns? Hetzen durch unsere Biografie. In der Rush Hour erledigen wir Kindererziehung und Karriere gleichzeitig, bauen ein Haus, ermöglichen den Eltern ein gutes Altern, ehe uns nach dieser Verdichtung noch Jahrzehnte im Ruhestand erwarten. Wäre es nicht an der Zeit für eine neue Dramaturgie der Biografie?

Geis trägt die Ergebnisse kurz und prägnant vor. Die Werte sind überraschend: 85 % der Deutschen aller befragten Altersgruppen sind mit ihrer Arbeit zufrieden. 89 % glauben, dass ihr Arbeitsplatz sicher ist. 86 % sind überzeugt, immer wieder eine gute Stelle zu finden. 85 % der unter 30-Jährigen haben keine Sorgen wegen der Digitalisierung. 92 % der Deutschen glauben, dass die Rentenreformen, die diskutiert werden, nicht ausreichen. Nur 9 % aller Deutschen glauben, dass es den heute unter 30-Jährigen morgen besser geht als heute, jeder zweite der jungen Generation glaubt selbst, dass es ihnen schlechter gehen wird als ihren Eltern. 57 % stellen sich auf ein Weiterarbeiten nach der bisher geltenden Rentengrenze mit 65 Jahren ein.

»Besorgt um die Zukunft, zufrieden mit der Gegenwart«

Die Zahlen sind offenbar keine Momentaufnahme, denn mit Zuversicht blicken die Deutschen nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die folgenden Jahre. Um es kurz zu machen: Die Arbeitswelt erscheint den allermeisten als sicherer Ort. Für 95 % der Erwerbstätigen ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes ebenso wichtig wie die für sie persönlich sinnhafte Tätigkeit, angenehme Kollegen und ein gutes Arbeitsklima. Aber auch das hat die Umfrage gezeigt: Die Sehnsucht der Deutschen nach dem Nichtstun, der Wunsch nach Müßiggang ist groß. 95 % ist es wichtig, viel Zeit mit dem Partner / der Familie zu verbringen. 71 % wollen ›einfach mal nichts tun‹. 62 % sagen, sie wollten Kinder bekommen, knapp die Hälfte der Deutschen will sich ehrenamtlich engagieren.

Wie passt das unter einen Hut: die Wichtigkeit des Arbeitsplatzes, die große Bereitschaft zu arbeiten – und zugleich der ausgeprägte Wunsch nach Müßiggang und Familienzeit? Erste Erkenntnis des Tages: Bei fast allen abgefragten Themen existiert eine enorme Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Das könnte auf einen Werte- und Interessenkonflikt hinauslaufen. Was tun? Geis schlägt eine Lösung vor und sagt: »Wir glauben, es fehlt an Rollenmodellen, die erfolgreich vorleben, dass atmende Lebensläufe möglich sind, dass also nicht alles nacheinander passieren muss, sondern eine glückliche Erwerbsbiografie auch Auszeiten enthalten darf.« 

Diese Aussage wird gestützt durch die Empirie. Laut Umfrage geben 76 % der Deutschen an, ein Lebenszeitkonto könne gut geeignet sein, stressige Phasen des Lebens besser bewältigen zu können. 81 % würden das Konto gerne nutzen. Zeit- oder Wertkonten gibt es seit einiger Zeit in manchen Unternehmen, der Arbeitnehmer zahlt – wie auf ein Girokonto – Zeit ein, die im Betrieb verwaltet wird. Dann kann der Arbeitnehmer sich bei Bedarf so viel Zeit »ziehen«, wie er zu bestimmten Gelegenheiten braucht: zur eigenen Weiterbildung, zur Pflege der Eltern, zum früheren Ausstieg aus dem Erwerbsleben.

Geis referiert das fehlende Vertrauen fast der Hälfte der Deutschen in den Generationenvertrag – der als »Vertrag« ja von niemandem unterschrieben, sondern eine kulturelle Norm ist, in die jeder ohne Zustimmung hineinwächst – und schließt seine Einführung mit dem Satz, 92 % der Befragten glaubten, das Rentensystem müsse reformiert werden, aber nur jeder vierte Deutsche traue das der Politik zu. Der düstere Befund kommt gerade recht, um die Experten aufs Podium zu bitten.

Mit einer bündigen Formel skizziert Karin Haist, Leiterin des Bereichs Gesellschaft bei der Körber-Stiftung, die Grundlage, auf der Vortrag und anschließende Diskussion stattfinden werden: »Die Digitalisierung verkürzt die Arbeitsphase, der demografische Wandel verlängert das Leben.« Das heißt: Wir haben mehr Zeit, aber vermutlich wird Arbeit einen geringeren Teil der Lebensarbeitszeit ausmachen. Die Körber-Stiftung will Vorschläge zur individuellen und gesellschaftlichen Neuorientierung anbieten, also ruft Haist als erstes Max Neufeind auf, der die freundlich-bestimmte Anregung, für seinen Impuls bitte nicht länger als 20 Minuten zu brauchen, mehr als vorbildlich erfüllen wird.

»Der Wandel der Arbeit ist die Zukunft«


Neufeind, Arbeitspsychologe und Policy Fellow im Berliner Think Tank ›Das Progressive Zentrum‹, setzt an, den Zuhörern in höchster Kompaktheit nahezubringen, wie die Arbeit der Zukunft aussehen wird. Um es ebenso kurz zu machen – erstens: Es gibt kein Ende der Arbeit. Zweitens: Es wird zu einem Wandel der Branchen kommen. Drittens: Es wird zu einem Wandel von Berufen und Tätigkeiten kommen.
Will sagen: Manuelle Routinetätigkeiten nehmen ab, interaktive, analytische Nichtroutinetätigkeiten in Robotik, Künstlicher Intelligenz und Automation nehmen zu.

Neufeind prognostiziert einen kulturellen Wandel mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 30 Stunden über den Lebensverlauf hinweg. Gelte das für alle, müsse es zu einer Parallelisierung von Produktivität und Lohnentwicklung kommen. Die unschöne Seite der neuen Arbeitswelt bestehe in wachsender Ungleichheit durch eine neue Form der Polarisierung. Überspitzt gesagt: Gering qualifiziertes Reinigungspersonal wischt den Boden für hoch qualifizierte Programmierer. Ein wachsendes Dienstleistungssegment wird entstehen, das das Leben für die Hochqualifizierten erst möglich macht. Neufeind nennt es die »neue feudale Digitalgesellschaft«.

Im letzten seiner drei vorgestellten Szenarien kommt er zur Vision einer Arbeitswelt 4.0, die in einem neuen digitalen Handlungsraum stattfindet. Wohlgemerkt: Das ist keine Arbeitswelt 3.0 mit Internetanschluss, sondern ein kompletter Bruch. Neufeinds Fazit: Nicht in Angststarre verfallen, denn die ambivalente neue Arbeitswelt ist in hohem Maße gestaltbar – durch den Menschen, durch uns. »Wir brauchen«, schließt der erste Inputgeber, »eine flächendeckende Infrastruktur zur lebenslangen Förderung der Kompetenzen, die Technologie bedeutsam macht.« Das ist, für die Breite der Beschäftigten, die große Herausforderung der kommenden Jahre.

»Der Generationenvertrag ist nicht am Ende«

Eine damit zusammenhängende andere, aber ebenso große Herausforderung sind Altersvorsorge samt Generationenvertrag – beides gleichermaßen emotionale wie zentrale Themen künftiger Lebensarbeitszeit. Womöglich gibt es dafür in der Bundesrepublik keinen kompetenteren Experten als Axel Börsch-Supan, Leiter des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München. Er macht sogleich klar: Wir, die Deutschen, stehen keinesfalls auf wackligem Fundament. Geradezu trocken pointiert setzt Börsch-Supan vier aufsehenerregende Ausrufezeichen:

•    Ist der Generationenvertrag am Ende? »Nein.«
•    Gehen wir in eine Welt voller Altersarmut? »Nein.«
•    Gibt es Evidenz für den Krieg der Generationen? »Nein.«
•    Soll es das Bedingungslose Grundeinkommen geben? »Nein.«

Solch kompromissloser Minimalismus mag entlastend und zugleich verstörend sein in einer Zeit, da keine eindeutigen und definierten Wahrheiten mehr zu haben sind. Es gebe so viele Fehlvorstellungen, wie die Welt in Zukunft aussehe, dass man in Panik geraten könnte, sagt Börsch-Supan und hält dagegen. Auch das ist höchst kurzweilig, dicht und regt allesamt im Saal des KörberForums zu erhöhter Reflexion an.

Am meisten Sorgen macht Börsch-Supan die Knappheit an Arbeit für die Jüngeren. Gewiss, die Alten wollen in ihrem wohlverdienten Ruhestand kräftig konsumieren, aber die Produkte müssten ja erst einmal durch die Jungen hergestellt werden. Man höre dennoch seine Botschaft: Jeder Pessimismus ist unbegründet. Die demografische Ausgangslage sei gut. Der Altersquotient wird bis 2040 massiv ansteigen, danach auf diesem Plateau bleiben. »Vor 40 Jahren haben wir Jugendquotienten erhöht, jetzt erhöhen wir den Altersquotienten.« Die Folge: Die Rentenversicherung wird stark belastet. Oder anders gesagt: Weniger Junge müssen immer mehr Alte umlagefinanzierend versorgen. Geht das?

»Nicht um Rentner, um Migranten und Alleinerziehende muss sich die Politik kümmern«

Ja, sagt Börsch-Supan. Löhne würden auch in Zukunft steigen, nicht riesig, aber die historische Erfahrung seit der Industriellen Revolution lege nahe, dass die Produktivität nicht in Sprüngen, sondern gemäßigt um 1,5 % pro Jahr steige. In Börsch-Supans Klartext: Die Renten steigen weiter, allerdings nicht so schnell wie die Löhne. Und wegen der Rentenreformen der Großen Koalition, diese Spitze kann sich der Experte nicht verkneifen, gehe jetzt ein halbes Prozent verloren, da die Reformen aus dem Zuwachs der Löhne finanziert werden, nicht aus der Substanz. Alles in allem: »Die Renten entwickeln sich dynamisch weiter.«

Börsch-Supan korrigiert an jenem Donnerstagmittag viele Irrtümer und Narrative, konzediert aber, dass die Altersarmut in Zukunft größer werde, obwohl sie hier und jetzt bei drei Prozent liege, was allerdings »sehr wenig« sei. Die schwärzeste Prognose gehe von einem Armutsquotienten von 5,4 % im Alter aus, allerdings nicht bei den Älteren, sondern bei Migranten und Alleinerziehenden. Um dieses Viertel der Gesellschaft müsse sich die Politik kümmern, mahnt Börsch-Supan, nicht um die Rentner im allgemeinen.

»Demografie ist kein Tsunami«


Obwohl: Die Babyboomer-Generation, die für einen hohen Altersquotienten sorgt, verlässt das Feld im Jahr 2040. Anschließend sei eine konstante Geburtenrate und konstante Migration zu erwarten. Was heißt das? Es heißt schlicht: Ein festes Rentenniveau wird für jüngere Generationen sehr teuer.

Um die neue Dynamik ab 2040 auffangen zu können, fordert Börsch-Supan die Dynamisierung des Rentenalters. Wenn sich die Lebenserwartung dynamisch verändere, müsse sich auch die Lebensarbeitszeit dynamisch verändern. Punktum. Die sozialpolitische Grundformel 2 : 1 bleibt ja bestehen: Ein Jahr Ruhestand muss durch zwei Jahre längeres Arbeiten finanziert werden. 40 Jahre Arbeit = 20 Jahre Rentenbezug.
Das Fazit des Volkswirts? Demografie kommt nicht wie ein Tsunami über uns, man kann gestaltend auf die Entwicklung einwirken.

Haist bittet nun den in der Körber-Stiftung sehr gut bekannten Thomas Straubhaar auf die Bühne, und schnell wird den jungen und nicht mehr so jungen Zuhörern klar, dass hier der Antipode zu Axel Börsch-Supan auftritt, was freilich jede Diskussion befruchtet. Sicher, die beiden Herren kennen und schätzen sich seit Jahrzehnten, doch hat Straubhaar, Ökonom, Direktor des Europa-Kollegs Hamburg und ehemaliger Präsident des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, erhebliche Einwände gegen Börsch-Supans großen Optimismus, die Erwerbsbeteiligung bliebe so bestehen wie bisher.

Neufeinds Ausführungen zustimmend, negiert Straubhaar, dass es in der Zukunft einer völlig veränderten Arbeitswelt die Standardperson noch gebe. Das soziale Sicherungssystem basiert auf der Annahme eines lebenslang ungebrochenen Erwerbslebens, nach dem alten ›Mann als Ernährer‹-Prinzip. Die Zukunft aber bringe eine Arbeitswelt hervor, die mit dieser Annahme aus der Vergangenheit und dem alten Industrie- und Sozialmodell der Wirtschaftswunderzeit wenig zu tun hat. Will sagen: Die Standardrente sei nicht mehr repräsentativ. Nach Straubhaars Einschätzung steht die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts vor vier tiefgreifenden Herausforderungen: Globalisierung, Digitalisierung, Arbeitsethos, Alterung.

»Der Strukturwandel der Produktion«

Die Globalisierung werde unverändert weitergehen und zu Entwurzelungen und Polarisierungen in zwei Gruppen führen: diese, die im weitesten Sinne die Möglichkeiten zur Produktion haben, und jene, die sich mit Strukturwandel und dem steten Zwang, Neues produzieren zu können, schwer tun.

Die Politik, so Straubhaar, müsse der Lebenswirklichkeit der Massen Rechnung tragen, man könne die Welt nicht zurückdrehen und die Sozialpolitik den alten Modellen einer ungebrochenen Erwerbsbiografie anpassen. Es müsse andersherum sein: Die Brüche müssten sozialpolitisch aufgefangen und widergespiegelt werden. Und das Sozial- und Steuersystem müsse transparent, einfach und verständlich sein, damit alle Menschen bereit seien, Steuern und Abgaben zu zahlen, schließlich müssten die Menschen das Gefühl haben, es gehe fair zu im Staate Deutschland. Die Masse der Menschen habe aber ein ganz anderes Gefühl, dass man sich oben bereichere und unten im Maschinenraum bestraft werde, wenn man sich einen Kaffee ziehe und dies nicht als geldwerten Vorteil deklariere. Szenenapplaus. Und Applaus auch bei folgendem Satz: Wer mehr leiste, müsse mehr ans Gemeinschaftssystem abliefern.

Das Bedingungslose Grundeinkommen spaltet nicht nur die Meinungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, sondern auch die der Körber-Experten Börsch-Supan und Straubhaar; der Dissens zwischen den Herren ist unüberhörbar.

Straubhaar: Das Bedingungslose Grundeinkommen sei eine große Steuerreform, bei der alle Zahlungen der Menschen an den Staat und zurück harmonisiert würden. Milton Friedman habe das »negative Einkommenssteuer« genannt. Das empfinde man als gerecht. Börsch-Supan dagegen: Das Nichtarbeiten werde attraktiver. Der Arbeits-Input sei gering. Es sei schwer, die Menschen zur Arbeit zu motivieren, wenn sie Geld erhalten, ohne zu arbeiten. Die bereits zitierte forsa-Umfrage ergab auch folgendes Ergebnis: 38 % der Deutschen sind für das Bedingungslose Grundeinkommen, 43 % dagegen.

»Mehr Weiterbildung statt Jammern über den Fachkräftemangel«

Haist gibt die Diskussion frei, und sofort schnellen Arme nach oben, die Beteiligung des Publikums ist überaus rege. Der Einwand eines Ruheständlers: »Wo sind die Jobs für die Älteren? Die, die das lange Arbeiten fordern, entlassen ja ihre Mitarbeiter immer früher.« Flankierende Wortmeldung eines betroffenen Herrn von der anderen Seite: Die Arbeitgeber liebten das Frühverrentungsmodell, weil sie dadurch viel Geld sparten. »Entlässt man die Älteren, zahlt die Rentenversicherung. Entlässt man die Jungen, müssen sie es selber zahlen.« Kopfnicken auf dem Podium.

Wortmeldung Anja Paehlke: Teilhabe an Arbeit heißt auch gesellschaftliche Teilhabe. »Dass ich arbeite, bedeutet, dass ich teilhabe an Prozessen, die ich außerhalb des Arbeitens nicht habe. Wie lässt sich das mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen vereinbaren?«

Neufeind antwortet stellvertretend, für den Großteil der Menschen werde Arbeit immer etwas sein, das durch Geld abgegolten wird. Die Herausforderung bestehe darin, Arbeit mit dem Leben vereinbarer zu machen. »Ich schätze das Bedingungslose Grundeinkommen als Kulturimpuls, aber es ist nicht die Lösung.«

Börsch-Supan: »Was die Leute sagen und was sie machen, steht in einem Missverhältnis. Wenn es die Möglichkeit gibt, weniger zu arbeiten, nehmen die Leute das in Anspruch. Die Mehrheit der Frühverrenteten hat in einer unserer empirischen Umfragen gesagt: Ihre Entscheidung zur Frühverrentung war falsch.«
Einig sind sich alle, dass die deutschen Arbeitgeber ausgesprochen wenig in Aus- und Weiterbildung investieren, obwohl ein Arbeitgeber die Pflicht hat, Leute mit 40 anders auszubilden, damit sie mit 50 nicht mehr als Dachdecker auf dem Dach stehen müssen.

Alle auf dem Podium sind sich ebenfalls einig, dass die Anerkennung durch den Arbeitgeber etwas Seltenes und dass ein Kulturwandel zur Würdigung und Wertschätzung des Arbeitnehmers – vor allem für Ältere – wichtig sei. Arbeitspsychologe Neufeind bestätigt: Der Begriff der Anerkennung sei fundamental; wer keine Anerkennung erfahre, begehre auf. Heftiger Applaus im Publikum, als Straubhaar das Wort ergreift: »All dieses Gejammere über den Fachkräftemangel ist ein Versuch der Arbeitgeberseite, die Kosten der Weiterbildung auf den Staat abzuwälzen!«

Max Neufeind beschließt die Diskussion mit dem Satz, es erwarte uns eine wunderbare Arbeitswelt unter der Bedingung, dass wir sie gestalten. Am Ende gehe es darum, Menschen zur Entfaltung dessen zu verhelfen, was Technologie nicht kann: Empathie, Kreativität, Urteilskraft. Ein besseres Wort als Aufruf zum Lunch ist kaum vorstellbar.

»Ich gehe nicht auf die Demo, ich bin die Demo«

Kurz nach 14 Uhr gehen der Zukunftslobbyist Wolfgang Gründinger, die Berliner Unternehmerin Catharina Bruns und die Moderatorin Claudia Brüninghaus, Programmleiterin des KörberForums, auf die Bühne, um die Frage zu klären, ob die deutsche Gesellschaft generationengerecht ist oder nicht. Die drei sind unter 40, und dass dies auch alle anderen sind, die an diesem Nachmittag noch kommen werden, erfüllt die Maßgabe der Organisatoren. Als Brüninghaus ins Publikum fragt, wer optimistisch nach übermorgen blicke, gehen weit mehr Hände hoch, als sie im Schoß liegen bleiben. Man darf von einer forcierten Zuversicht ausgehen und hört postwendend das Leitmotiv der folgenden 60 Minuten Podiumsgespräch: Selbstbestimmung.

Bruns, die bereits verschiedene Kreativ-Unternehmen gegründet hat, wehrt sich dagegen, durch ihr Leben zu hetzen, und berichtet von der Berufung, irgendetwas auf dieser Welt ein Stück weit besser zu machen. Will sagen: die Themen Digitalisierung und Generationengerechtigkeit unter einen Hut zu bringen und Überzeugungsarbeit zu leisten, dass ein tiefgreifender Wandel möglich ist. »Ich möchte mein Leben nicht an die Arbeit verkaufen«, sagt sie in ihrem Eingangsstatement, »vom Kindergarten an werden wir geeicht auf die eine Erwerbsbiografie.« Sie aber betont Leistungslust und den Eifer, etwas Eigenes umzusetzen, was – bekleide man eine Vollzeitstelle – ja schwierig sei; der Lebensentwurf praktizierter Selbständigkeit habe es in Deutschland oft unnötig schwer. Obwohl sich die meisten Freischaffenden nicht absichern können, steigt die Zahl der Solo-Selbständigen. Unsicherheit im Tausch gegen mehr Freiheit wird zunehmend in Kauf genommen.

Keineswegs antipodisch argumentiert Wolfgang Gründinger und plädiert dafür, neue Lebensentwürfe erst einmal gut zu finden und neue Wirtschaftsmodelle auszuprobieren, ehe man sie ablehnt. In Deutschland gelte die vollversicherte Festanstellung als heiliger Gral, viele Junge aber wünschten sich das gar nicht mehr. Planungssicherheit ja, heißt das, vor allem aber möglichst viel Flexibilität. Was die Altersarmut betrifft, hat Gründinger, seines Zeichens auch Sprecher der Stiftung Generationengerechtigkeit, keinerlei Illusion. »Unsere Generation zahlt mehr in das Sozialsystem ein, hat nichts mehr davon und verschärft dadurch die eigene Altersarmut.« Was tun? Revolte? Rebellion?

Bruns: »Ich gehe nicht auf die Demo, ich bin die Demo. Selbstbestimmung und Gestaltungswillen sind das zentrale Motiv. Das jetzt einzubringen, darum geht es.«
Gründinger: »Wir sind zu wenige und auch zu schwach, um eine Stimme zu haben.«
Soll man etwa, wie Bruns ironisch anmerkt, den Alten das Wahlrecht entziehen? Das führt zu Lachern im Saal und zu einem kleinen Stau an den Mikrophonständern.
Gründinger resümiert: »Wir reden immer nur über die Rente, nicht über Kinderarmut. Wenn wir heute Kinderarmut bekämpfen, haben wir später auch keine Altersarmut. Wir machen immer nur Politik für die Alten.«

»In Chancen denken und Kompetenzen präzisieren«

Nach einer Stunde beschließt die Moderatorin das Panel mit dem Satz, sie sei froh, dass wir kein Richtig und Falsch beschlossen haben und unsere Generation u40 nicht fertig definiert haben. Das bestellte Feld wird schließlich geräumt für die ›Thesenbattle‹ der fünf eingeladenen »Entscheider von morgen« aus Zürich, München, Hamburg, Berlin und London. Unter Leitung des ebenso jungen wie souveränen Moderators Manuel Hartung, Herausgeber von ZEIT CAMPUS und Leiter des Ressorts Chancen bei der Wochenzeitung Die ZEIT, beginnt der letzte Teil der Konferenz mit der Frage, was in zehn Jahren passiert sein müsse, um sagen zu können, wir lebten in einer guten Gesellschaft. Die Minuten-Statements der Entscheider sind Wegmarken einer Diversität von Meinungen und geben das wieder, was sich im folgenden durch den Schlagabtausch von These und Ja-wie-Nein-Antwort hindurch verfestigen wird.

Marc Buchmann, Rechtsanwalt und Steuerexperte aus Zürich: »Ich sehe sehr große Risiken in der Digitalisierung. Eine große Zahl an Menschen wird ohne Arbeitsstelle sein.«
Ali Aslan Gümüsay, Unternehmensberater und DAAD Prime Fellow in Wien und Hamburg: »Wir müssen besser umgehen mit Komplexität, müssen sie besser verstehen. Wir brauchen Bildungs-Abos, die ein Leben lang gehen.«

Julie Kurz, ARD-Fernsehkorrespondentin in London: »Ich wünsche mir, dass das Votum von jungen Leuten gehört wird. Die Älteren meinen, sie wüssten alles besser als die Jungen. Plädoyer für andere Wahlmöglichkeiten.«

Tobias Leipprand, Gründer und Geschäftsführer der gemeinnützigen Führungskräfteakademie LEAD in Berlin: »Die Digitalisierung führt zur Zerrüttung und Spaltung der Gesellschaft, Beispiel Fake News und postfaktisches Zeitalter. Es besteht die Gefahr des Rückzugs in Wohlfühlräume, weil man völlig überfordert ist. Wir dürfen uns nicht treiben lassen von den Technologien.«

Janis McDavid, Vortragsredner und Student der Business Economics in Witten-Herdecke: »Es geht um gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Man muss in Chancen denken und die eigenen Kompetenzen präzisieren, die ich in einer hoch technologisierten Welt einbringen kann.«

Lina Timm, Journalistin und Leiterin des MediaLab Bayern in München: »Risikofreudige Menschen sind großartig für die Wirtschaft, und Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, Wert und Sicherheit. Gesellschaft sollte offener sein für Leute, die was machen wollen.«

Die kleinen führen meist zwangsläufig – und dieser politisch bewegten Tage ohnehin – direkt in die großen Themen. Mit zunehmendem Battle-Eifer entfernt sich die feine Runde auf dem Podium von Lebensarbeitszeit und Rente ins Grundsätzliche, da auch die Themen Brexit und Trump in eine durchaus ambitionierte Diskussion über die Zukunft der Welt führen. Um 16:05 Uhr ist fast alles besprochen, kaum jemand ist gegangen, bis zum Schluss war die Konzentration hoch.

»Fundamentale Umwälzungen, aber kein Grund zur Verzweiflung«

Was also erwartet uns übermorgen? Die forsa-Umfrage ›Arbeit, Rente, unversorgt?‹ hatte eindeutig gezeigt, dass die Deutschen beruflich und privat erstaunlich zufrieden sind, was viele überrascht haben mag. Die großen Lebensentscheidungen werden von den Bürgern nicht in Frage gestellt, die Jüngeren sehen sich als Gestalter des Wandels, und alle wollen mehr Zeit als bisher, wünschen sich Arbeitszeitreduzierung und ein Lebenszeit-Konto. Die Körber-Konferenz mit einer guten Mischung der Themen, Thesen und Temperamente führte am ersten Dezembertag 2016 zu folgenden Einsichten:

Ja, der große Wandel der Arbeitswelt ist eine immense Herausforderung, aber durch Einsatz und Gestaltung ohne Weiteres zu steuern. Der Dynamik der Veränderung muss mit einer Dynamisierung der Lebensverläufe begegnet werden. Das Bedingungslose Grundeinkommen kann vor diesem Hintergrund für den unvermeidlichen Umbau der Sozialsysteme ein Teil der Lösung des Problems sich verschärfender Ungleichheit sein, auch wenn es nach wie vor umstritten bleibt. Offensichtlich, und mit diesem Ausblick der Young Professionals unter 40 auf die Arbeitswelt 4.0 lässt sich diese Tagung zwischen Expertisen-Tiefe und Meinungs-Schlagabtausch resümieren, gibt es angesichts einer fundamentalen Umwälzung keinen Grund zur Resignation und Verzweiflung. Man muss nur offen über alles reden.

Vorhänge hoch, Kameras aus, Livestream gekappt. Draußen nieselt es nicht mehr, überm Hafen sinkt die Sonne, allerlei Apparate fotografieren die Diagramme auf dem Flipchart am Ausgang ab. Und bei Kaffee und Kuchen beginnen viele kleine Foyer-Debatten.

Kontakt

Karin Haist
Bereichsleiterin

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