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Zeit für neue Lebensläufe! – Kinnert Haan

Ausbildung, Arbeit, Rente – dieser Dreiklang bestimmt auch heute noch unseren Lebenslauf. Doch wir leben immer länger und haben daher auch mehr Möglichkeiten, unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Andreas Geis und Fiona Dahncke, Körber-Stiftung, haben sich auf die Suche nach Perspektiven für eine neue Lebensarbeitszeit gemacht.

Yannick Haan und Diana Kinnert beschäftigen sich mit dieser Frage vor allem vor dem Hintergrund der Generationengerechtigkeit, unter anderem in ihrer Rolle als Botschafter der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Haan ist zudem Sprecher des Forums Netzpolitik der Berliner SPD, Mitglied in der Netz- und Medienpolitischen Kommission beim SPD Parteivorstand und Vorsitzender der SPD Alexanderplatz. Er engagiert sich u.a. seit mehreren Jahren politisch im Bereich Netzpolitik und ist  Mitglied der Gesellschaft für Freiheitsrechte.

Diana Kinnert studiert Politikwissenschaften und Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Im Oktober 2014 wurde sie vom Generalsekretär der CDU, Dr. Peter Tauber MdB, in die CDU-Bundeskommission Parteireform »Meine CDU 2017« berufen. Dort leitet sie gemeinsam mit dem Generalsekretär der CDU Niedersachsen Ulf Thiele MdL die Arbeitsgruppe Jugend. Sie ist Autorin des Buches »Für die Zukunft seh' ich Schwarz. Plädoyer für einen modernen Konservatismus« und engagiert sich u.a. als Teil der Zukunftslobbyisten »Die jungen Elf«.

Unsere forsa-Umfrage ergab, dass über die Hälfte ein Lebenszeitkonto dafür nutzen würden, um früher in Rente zu gehen (worauf sie Arbeitszeit einzahlen – um später freie Zeit abheben zu können). Aber nur 11% der Jüngeren freuen sich auf die Rente. Woran liegt das?

Haan: Ich denke, dass wir in diesen Aussagen zwei Phänomene der jungen Generation beobachten können. Erstens gibt es eine Verschiebung des Wertes von Arbeit. Die junge Generation erwartet heute von einem Arbeitsplatz, dass er ihnen auch ausreichend freie Zeit für ehrenamtliches Engagement und Freizeit belässt. Hier bringt die junge Generation ganz neue Erwartungen mit als die Generationen vor ihnen. Und zweitens können wir einen großen Vertrauensverlust der jungen Generation in das staatliche Rentensystem beobachten. Die jungen Menschen sehen die Bevölkerungsentwicklung und vertrauen den Politikern nicht, dass sie eine Lösung für alle Generationen finden.

Kinnert: Die Zurückhaltung der Jüngeren ist nachvollziehbar. Schließlich sind unsere sozialen Sicherungssysteme nicht auf die demografischen Entwicklungen von morgen vorbereitet. Auf immer weniger Einzahler kommen immer mehr Bezieher. Zugleich entfernt sich der Abstand zwischen dem Zeitraum des Einzahlens und dem Zeitraum des Beziehens durch die ansteigende Lebenserwartung der Menschen. Weil immer mehr klassische Industrien wegbrechen werden und wir uns noch zu wenig um die Erschließung neuer Märkte, Geschäftsmodelle und Berufszweige kümmern, droht ein neues Prekariat, das sich in Altersarmut fortsetzt. Summiert sind das keine rosigen Aussichten.

92% glauben, dass das Rentensystem weiter verändert werden muss, aber nur 24% trauen das der Politik auch zu. Was muss die Politik Ihrer Meinung nach dafür tun, um dieses Bild zu ändern?

Kinnert: Ich empfinde die politische Debatte über die Zukunft des Rentensystems als zu verkürzt. Viel wichtiger als die einfältige Debatte um die Verschiebung des Renteneintrittsalters wäre ein differenzierter Blick auf  Perspektiven und Möglichkeiten alters- und alternsgerechten Arbeitens im Allgemeinen. Es stimmt, dass viele Berufe psychosoziale und physische Belastungen mitbringen und Arbeitnehmer im Alter an eine Belastbarkeitsgrenze stoßen. Würden Berufszweige aber weiter ausdifferenziert werden, könnten dieselben Arbeitnehmer aber anderweitige Tätigkeiten aufnehmen – beispielsweise in erfahrungsreicher Leitungs- und Aufsichtsposition im gleichen Betrieb. Bevor Politik konkret handeln kann, sollte sie diese breite politische Debatte anstoßen und führen.

Haan: Die Politik muss die junge Generation endlich in den Diskurs miteinbeziehen. Wenn über Rente diskutiert wird, dann diskutiert immer eine Gruppe nicht mit: die Jüngeren. Zweitens spüren die Jüngeren die politisch-demografische Macht der Älteren immer mehr. Jeder Politiker der wiedergewählt werden will, wird sich davor hüten, die Rentensätze anzutasten. Das spüren die Jungen. Dadurch verlieren diese mehr und mehr das Vertrauen in das Renten- aber auch in das politische System insgesamt. Die Politik müsste sich endlich mal mit allen Betroffenen an einen Tisch setzen.

Die Körber-Stiftung ist der Meinung, dass es gute Gründe gibt, mit der Lebenserwartung auch die Lebensarbeitszeit zu erhöhen und Berufsbiografien zu entzerren. Wie sehen Sie das mit Blick auf Generationengerechtigkeit?

Haan: Mit Blick auf Generationengerechtigkeit ist es wichtig die Lebensarbeitszeit an die Lebenserwartung zu koppeln. Aktuell beziehen immer mehr Menschen immer länger Rente während immer mehr Junge für diese Rente aufkommen müssen. So steigt die Belastung für die Jüngeren stetig an. Dabei gibt es viele Menschen die deutlich länger arbeiten wollen es aber nicht dürfen. Das System muss beim Renteneintrittsalter deutlich flexibler werden.

Kinnert: Solange unsere sozialen Sicherungssysteme über einen Generationenvertrag und nachgelagert funktionieren, ist dieses Funktionieren eine dringende Frage der Generationengerechtigkeit. Damit auch wir Jungen im Alter abgesichert sind, müssen zwingend Reformen her. Wie gesagt halte ich die Frage der Erhöhung der Lebensarbeitszeit für berechtigt; allerdings ist dann über die angemessenen alters- und alternsgerechten Formen von Arbeit zu diskutieren. Im Zeitalter der Digitalisierung müssen veraltete Arbeitnehmerrechte auf der Prüfstand; der Gesundheitsbegriff gehört ausgeweitet. Wenn es möglich ist, dass Arbeitnehmer auch im hohen Alter gut und gesund arbeiten können, und es ist möglich, sollte dieser Weg auch anvisiert werden.

Zur forsa-Umfrage »Arbeit, Rente, unversorgt?«

Weitere Interviews in der Reihe »Zeit für neue Lebensläufe«:
Melanie Frerichs, Leiterin des Referats »Grundsatzpolitik« der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten 

Kontakt

Karin Haist
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Presse

Andrea Bayerlein
Kommunikationsmanagerin
Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

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