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»Es ist schlicht undenkbar, dem Dreiklang von Ausbildung, Beruf, Rente zu entkommen.«

In seinem aktuellen Buch »Das passende Leben« befasst sich der Schweizer Kinderarzt Remo Largo damit, wie wir unsere Lebensläufe überdenken und unsere individuellen Bedürfnisse erfüllen können. Agata Klaus, Körber-Stiftung, sprach mit ihm darüber, wie man die Chancen des langen Lebens nutzen kann, um die eigene Lebenszeit anders, vielleicht sogar besser, zu gestalten.

Stichwort Individualität: Wann haben Sie sich das letzte Mal dabei ertappt, etwas zu tun, nur weil andere es von Ihnen erwarten?

Ich denke, das geschieht mir relativ häufig, vor allem im familiären Bereich. Es geht ja nicht nur darum, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern auch diejenigen der Mitmenschen, beispielsweise der Töchter und Enkelkinder. Zum passenden Leben gehört, sich immer auch zu fragen, was für Bedürfnisse die anderen haben. Besonders häufig sind die Menschen bei der Arbeit fremdbestimmt. Viele Menschen können sich bei der Arbeit immer weniger entfalten und ihre Fähigkeiten zur Geltung bringen. Sie müssen weitgehend fremdbestimmt Aufträge ausführen. Ich war diesbezüglich sehr privilegiert. Ich hatte in meiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit grosse Freiheiten genossen. Ich bin mir immer bewusst, dass das ungewöhnlich war und sehr viele Menschen dieses Privileg nicht haben.

Unsere Lebensgestaltung im Dreiklang von Ausbildung, Beruf, Rente entspricht einer vorherrschenden gesellschaftlichen Norm. Für wie zeitgemäß halten Sie die noch?

Ich denke, sie ist vor allem durch die Gesellschaft und Wirtschaft bestimmt. Das fängt bereits in der Schule an. Es macht mir sehr zu schaffen, dass die Schule sich auf die Gesellschaft und Wirtschaft ausrichtet. Sie soll dafür sorgen, dass die Wirtschaft die Arbeitnehmer bekommt, die sie haben möchte. Man fragt sich nicht, was die Bedürfnisse der Kinder sind, wie sie sich entwickeln wollen, ob sie all ihre Fähigkeiten entwickeln können. Nach der Schule sind sie gewissermaßen vorprogrammiert. Die Erwachsenen erwartet schon gar nicht mehr, dass es auch anders sein könnte. Das geht ja so weit, dass die Menschen gar nicht mehr spüren, wie sie eigentlich leben möchten. Es ist für die meisten Menschen  schlicht undenkbar, diesem materiell sehr gut eingerichteten Käfig zu entkommen. Wir können uns die Lebensgestaltung gar nicht mehr anders vorstellen, das ist tragisch und rührt daher, dass schon die Kinder in der Schule daraufhin erzogen werden. Es gibt zwar einige wenige Kinder und auch Erwachsene, die rebellieren, aber das sind dann Querschläger, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden.

Welches Modell entspricht ihrer Meinung nach der zukünftigen neuen Normalität?

Norm im Sinne von gleich, das entspricht dem Menschen sowieso nicht. Alle Lebewesen, Mikroben, Pflanzen und Tiere und so auch der Mensch, sind vielfältig. Ich kenne keine Eigenschaft, die bei allen Menschen gleich ausgebildet wäre. Es ist ein Grundgesetz der Evolution, dass alles seine Vielfalt hat. Damit kann leider weder die Schule, noch die Gesellschaft und Wirtschaft umgehen. Sie wollen den effizienten Menschen. In Deutschland leben mindestens 8 Millionen Menschen, die – wohlverstanden nach 9 Schuljahren - kaum lesen und schreiben können. Eine gleiche Anzahl Menschen kann kaum rechnen! Wir alle aber tun so, als ob es diese Menschen nicht geben würde.

Sehen Sie eine Möglichkeit, dass Menschen sich von der »Programmierung« durch die Schulzeit nach ihren Erfahrungen in der Berufswelt lösen können?

Ich vermute, den meisten Menschen gelingt es nicht, aber es gibt Ausnahmen. Ich hatte zum Beispiel einen Freund, dessen Vater Verwaltungsratspräsident einer der größten industriellen Betriebe in den 60er Jahren in der Schweiz war. Der Sohn hat dann an der ETH Zürich studiert, er war in Stanford und hat dort die Management School absolviert, was damals noch etwas ungewöhnlich war. Er kam zurück und war einer der jüngsten CEOs in der Schweiz. Mit 38 Jahren hat er dann gesagt: »Jetzt ist Schluss.«, hat Medizin studiert und wurde Hausarzt. Und das kommt vor, aber es ist selten. Er hat sich freigemacht von seinem Übervater und fand eine Tätigkeit, die ihm persönlich entsprach.

Wie können wir unsere Kinder in ihrer Individualität befördern und darin bestärken, dass sie Zwängen nicht entsprechen müssen?

Das Stichwort ist Selbstbestimmung. Das Kind sollte sich selbstbestimmt entwickeln dürfen. Es ist nicht Aufgabe der Eltern, ihrem Kind ständig sagen, was es zu spielen und zu lernen hat. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die Umwelt so zu gestalten, dass das Kind seinem Entwicklungsstand entsprechend die notwendigen Lernerfahrungen machen kann. Kann das Kind beispielsweise ausreichend in der Natur und mit anderen Kindern spielen? Beides braucht das Kind: selbstbestimmt in der Natur spielen und vor allem jeden Tag mit anderen Kindern Lernerfahrungen machen.

Sie sprechen die soziale und emotionale Verunsicherung sowie das Gefühl der Nutzlosigkeit und Einsamkeit von Menschen im Ruhestand an. Wie lässt sich ein »passendes Leben« auch in den späteren Lebensphasen erreichen?

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Menschen jeden Alters brauchen die Gemeinschaft vertrauter Menschen. Das gilt ganz besonders für Kinder und ältere Menschen. Mehrgenerationenhäuser sind da eine Möglichkeit.

In Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass die Menschheit sich eine Welt geschaffen hat, in die sie nicht mehr passt. Warum sind Sie trotzdem optimistisch, dass die gleiche Menschheit es schafft, sich wieder zu besinnen und ihre Umwelt wieder passender zu gestalten?

Ich denke, einerseits ist es so, dass die Menschen immer unzufriedener werden bis zu dem Punkt, wo sie krank werden, schlimmstenfalls ein Burnout erleiden. Andererseits glaube ich, dass die Wirtschaft in der Form keine Zukunft hat. Dafür gibt es zahlreiche Gründe: Digitalisierung und Automatisierung, es wird zukünftig nicht mehr genügend Arbeit geben. Wie also soll der Lebensunterhalt bestritten werden? Aber auch, dass eine Sinnentleerung der Arbeit stattfindet und die Leute dadurch immer unzufriedener werden. Schliesslich sind Menschen immer mehr verunsichert: Wer trägt eigentlich noch die Verantwortung in der Gesellschaft? Wer sorgt dafür, dass wir genug zu essen haben, das Bildungs- und Gesundheitswesen, die Altersvorsorge funktioniert? Die Menschen glauben immer weniger daran, dass dies in den kommenden Jahren noch gewährleistet sein wird. Die meisten Menschen leben noch im materiellen Wohlstand, fürchten sich aber vor dem Abstieg. Ihre existenziellen Ängste übertragen sie auf die Kinder. Sie wollen, dass sie es genauso guthaben werden wie sie und setzen sie leistungsmässig unter Druck. Wir müssen uns neue Lebensmodelle erarbeiten, wie wir den Lebensunterhalt und alle staatlichen Institutionen finanzieren können, etwa mit einem Grundeinkommen. Wir müssen neue Formen des Zusammenlebens finden. Etwa Lebensgemeinschaften, in denen Menschen jeden Alters zusammenleben, miteinander vertraut sind und Verantwortung füreinander übernehmen.

Sehen Sie dafür schon erste Anzeichen dafür, dass es ein gewandeltes Bewusstsein für diese Schieflage gibt?

Bei den jungen Menschen schon. Dass sie alternative Lebensformen suchen und das Hamsterrad einer sinnentleerten Arbeit in der Wirtschaft satthaben. Sie wollen etwas Sinnvolles leisten, das sie befriedigt und der Gemeinschaft dient. Sie wollen vermehrt in stabilen Gemeinschaften leben und sind immer mehr bereit sich dafür materiell einzuschränken.

Gibt es ein Gesellschaftsmodell, wie man ihre Vorstellungen umsetzen kann?

Ich werde immer wieder nach Lösungen gefragt und die habe ich auch natürlich nicht. Wenn man sich am Fit-Prinzip* orientiert, geht es darum sich zu fragen wie gut wir unsere sechs Grundbedürfnisse befriedigen können:
•Körperliche Integrität: Ernährung und Gesundheit sind ausreichend abgedeckt.
•Emotionale Sicherheit: Geborgenheit ist für immer mehr Kinder, Erwachsene und alte Menschen immer weniger gewährleistet. Dafür braucht es die Gemeinschaft. Geborgenheit können nur vertraute Menschen gewährleisten.
•Soziale Anerkennung, sozialer Status: Immer mehr Menschen erhalten nicht mehr die soziale Anerkennung, die sie benötigen und fühlen sich in der Gesellschaft randständig.
•Selbstentfaltung: Kinder und Erwachsene können ihre Fähigkeiten immer weniger entfalten. Die Wirtschaft besteht aus 75 % Dienstleistung. Was ist mit all den Menschen, die sich körperlich und handwerklich betätigen möchten?
•Befriedigung durch Leistung: Immer weniger Menschen können die Leistungen erbringen, die sie eigentlich möchten. Sie führen fremdbestimmt Aufträge aus, die der Arbeitgeber von ihnen verlangt.
•Existenzielle Sicherheit: Ist nicht mehr für alle Menschen so gewährleistet, wie sie es bräuchten, etwa im Alter.

Meines Erachtens ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse genauso ein Menschrecht wie Freiheit und Gerechtigkeit.

Wie lässt sich eine solche soziale Vision umsetzen?

Mit Einsicht und viel Geduld. Wir müssen uns frühzeitig daran machen, denn, wenn das gegenwärtige Gesellschafts- und Wirtschaftssystem an seine Grenzen kommen, müssen wir alternative Lebensformen gestaltet haben. Ein sozialer und wirtschaftlicher Zusammenbruch oder gar ein Krieg, wie sie früher immer dann aufgetreten sind, wenn ein System an seine Grenzen kam, können wir uns nicht mehr leisten. Es wäre die Apokalypse. Deshalb müssen wir frühzeitig das scheinbar Unmögliche denken.

Video »Perfekt Unperfekt«
(Remo Largo zu Gast im KörberForum)

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