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Zeit für neue Lebensläufe! – Melanie Frerichs

Ausbildung, Arbeit, Rente – dieser Dreiklang bestimmt auch heute noch unseren Lebenslauf. Doch wir leben immer länger und haben daher auch mehr Möglichkeiten, unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Andreas Geis und Fiona Dahncke, Körber-Stiftung, haben sich auf die Suche nach Perspektiven für eine neue Lebensarbeitszeit gemacht.

Als Leiterin des Referats »Grundsatzpolitik« der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten vertritt Melanie Frerichs die Beschäftigten in der Nahrungsmittelindustrie sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe. Vorher leitete sie das Referat »Mitbestimmung und Gute Arbeit« in der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung.

Wann macht Arbeit aus Sicht der Gewerkschaft zufrieden?

Aus Sicht unserer Mitglieder macht Arbeit dann zufrieden, wenn sie »Gute Arbeit« ist. Wir orientieren uns dabei am gewerkschaftlichen Konzept der Guten Arbeit. Das ist keine leere Begriffshülse. Der DGB-Index »Gute Arbeit« beschreibt die Arbeitsqualität konkret in elf Kriterien: Gestaltungsmöglichkeiten, Entwicklungsmöglichkeiten, Betriebskultur, Sinn der Arbeit, Arbeitszeitlage, Emotionale Anforderungen, Körperliche Anforderungen, Arbeitsintensität, Einkommen, Betriebliche Sozialleistungen, Beschäftigungssicherheit.

In dieser Repräsentativumfrage werden den Beschäftigten insgesamt 42 Fragen gestellt – zum Beispiel, ob sie sich bei der Arbeit gehetzt fühlen, ob sie Einfluss auf die Arbeitsmenge und Lage der Arbeitszeit haben oder ob sie eigene Ideen einbringen können. Es wird auch danach gefragt, wie sie die gesetzliche Rente einschätzen, die sie später einmal erhalten werden. Die Werte sind ernüchternd. 38 Prozent sagen, dass die Rente schätzungsweise nicht ausreichen wird. Und nur knapp die Hälfte glaubt daran, dass sie ihre Arbeit bis zur Rente ausüben können. Der Index hat einen signifikanten Zusammenhang zwischen schlechter Arbeit und negativen Einschätzungen zur zukünftigen Arbeitsfähigkeit festgestellt. Der Gesamtwert des Index im Jahr 2016 betrug übrigens 63 von 100 Punkten. Ab 80 Punkten spricht man von Guter Arbeit. Also, ist noch Luft nach oben. 

Jeder zweite würde in seinem Leben nichts anders machen, zeigt unsere forsa-Umfrage. Warum wird in letzter Zeit häufig über neue Lebensläufe gesprochen? Braucht es die überhaupt?

Beides schließt sich nicht aus. Nach einem linearen Start – Schule, Ausbildung oder Studium, Beruf – wird man oft erst neugierig auf andere Dinge. Entweder der jetzige Beruf macht gar nicht so viel Spaß wie erhofft oder man bleibt interessiert an neuen Herausforderungen. Ich denke, wir müssen genauer hinsehen. Studien des Mikrozensus zeigen, dass die Ansprüche an Arbeit wahnsinnig vielfältig sind und die Trennlinie nicht immer scharf an Einkommen und Ausbildung gezogen werden kann. Dieser Komplexität müssen sich Politik und auch Gewerkschaften stellen. Wir leben in einer Zeit, in der die verschiedenen Wahlmöglichkeiten – jedenfalls im öffentlichen Diskurs – als Normalität gelten. Dem einen gibt es ein Gefühl von Freiheit, dem anderen macht es Angst. Der eine möchte sich selbst vertreten und seine Vertragsbedingungen individuell aushandeln, der andere ist froh um kollektive Aushandlungen in Tarifverträgen und sucht den Schutz in einer starken Solidargemeinschaft.

25-jährige Betriebsjubiläen werden seltener – das stellen wir schon fest. Nichtlineare Berufsbiografien sind jedoch noch nicht in Sicherungssystemen oder anderen Institutionen abgebildet. Es ist noch ein persönliches Risiko, seinen Lebenslauf mit »Brüchen« – oder positiv ausgedrückt – modular zu gestalten. Zum Beispiel ist gesparte Zeit in Arbeitszeitkonten an Betrieb und Unternehmen gebunden. Ein Ausstieg oder Wechsel bedeutet, die angesparte Zeit sofort zu nehmen oder sich auszahlen zu lassen. Aber ich sehe bereits zarte Andeutungen an diesem Korsett etwas zu ändern – wenn zum Beispiel Arbeitsministerin Nahles ein Erwerbstätigenkonto vorschlägt. Das ist individuell und mit einem Startkapital ausgestattet, das für Qualifizierung, Gründungsphase oder private Auszeiten genutzt werden kann. Diese Idee trägt der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Wunsch der Menschen nach echten Wahlmöglichkeiten Rechnung. Unabhängig von der sozialen Herkunft und dem eigenen Geldbeutel.

Denn es gibt ja auch die, die sich einen selbstbestimmten Lebenslauf schlicht nicht leisten können, weil sie in einem Job stecken, der ihnen gerade mal das Geld zum Überleben sichert. Manchmal haben diese Menschen sogar zwei Jobs, um sich und ihre Familie zu ernähren. Für diese Beschäftigten klingt das Gerede um neue Lebensläufe eher befremdlich. Daher müssen wir immer die ganze Arbeitswelt in den Blick nehmen. 

Unsere Studie zeigt außerdem, dass 85 von 100 Deutschen mit ihrer aktuellen Arbeit zufrieden sind – Frauen wie Männer, Jüngere wie Ältere. Was ist dran am Hype um neues Arbeiten?

Die allgemeine Frage nach Zufriedenheit löst sicherlich erst einmal eine positive Antwort aus. So im Sinne: Ach, im Großen und Ganzen ist alles okay. Bohrt man tiefer und fragt – wie Sie es in Ihrer Studie auch getan haben – nach Einzelheiten, kommen konkretere Verbesserungsideen zum Vorschein. Bei Vollzeitbeschäftigten zum Beispiel der Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten, bei Teilzeitbeschäftigten der Wunsch mehr Stunden pro Woche zu arbeiten, bei Schichtarbeitern der Wunsch nach freierer Einteilung von Freischichten* und einer besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Leben. In all diesen Forderungen drückt sich das »neue Arbeiten« aus. Selbstbestimmung ist dabei nicht nur bei Hochqualifizierten in sogenannten Wissensberufen ein Anspruch, sondern genauso bei Schichtarbeiter/innen, Verkäufer/innen und Teilzeitbeschäftigten.

* Freischichten sind freie Schichten, die sich ein Beschäftigter (in Schichtarbeit) aufgrund von Mehrarbeit/Überstunden erarbeitet hat und als Ausgleich nehmen kann.

Zur forsa-Umfrage »Arbeit, Rente, unversorgt?«

 

 

Kontakt

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Presse

Andrea Bayerlein
Fokusthemenmanagement
Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de

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