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Musiker ein Leben lang: Beruf oder Berufung?

Wenn Menschen mit sehr viel Lebenserfahrung nachdenken über das Glück, das Leben und die Zukunft, über die kleinen und großen Fragen, die uns täglich bewegen, dann hören wir fasziniert zu. Wenn Künstler dies tun, zieht es uns auf ganz besondere Weise in den Bann. Menahem Pressler, der inzwischen über 90-jährige Pianist, dessen Konzerte noch immer eine begeisterte Fangemeinde anziehen, ist so ein Mensch und Künstler.

Im Mai 2016 erschien in der Edition Körber sein Buch »Dieses Verlangen nach Schönheit«, ein Gespräch mit dem Musikjournalisten Holger Noltze über den Sinn eines Musikerdaseins – und letztlich: des Lebens. Im Dezember 2016 faszinierte der Pianist sein Publikum bei seiner Buchpräsentation im KörberForum. Im Rückblick auf sein langes und erfülltes Künstlerleben zog Menahem Pressler Bilanz.

»Über das Glück«

Menahem Presslers musikalische Geschichte begann bereits im Alter von fünf Jahren. Damals spielte er noch Violine, sein Bruder nahm Klavierunterricht, wollte aber oft nicht zu den Stunden gehen. Deshalb lernte Pressler eben beides. Als sein Vater ihn vor die Wahl stellte, entschied er sich – zum Glück – für das Klavier, das ihn fortan begleitete. Mit dem Beaux Arts Trio machte er Weltkarriere und half damit die Kammermusik für ein großes Publikum zu öffnen. Zeit seines Lebens hat er sich dem Klavierspiel hingeben und auch heute noch, mit über 90 Jahren, kann er sich nicht vorstellen, etwas anderes zu tun.

»Über das Leben«

Pressler hat für sich erkannt, was das Leben ihm anzubieten hat und es zu nutzen gewusst. Auch heute kann es noch vorkommen, dass er vor einem Konzert aufgeregt ist. Der eigene Anspruch bleibt hoch. Eine gute Portion Disziplin ist dafür essenziell und vor allem eins: Hingabe. Schon als kleiner Junge konnte der Musiker sich am Üben erfreuen, für ihn ist es nicht nur Mittel zum Zweck. Selbst in seinem hohen Alter übt er noch täglich. Ganz zufrieden aber ist er nie.

»Die Suche«

Für Pressler gehört dazu, sich künstlerisch immer wieder neu erfinden zu können. So macht Pressler heute, nach seiner Trio-Zeit, eine späte Karriere als Solopianist. Doch zur Routine geworden ist ihm die Musik, der er sein Leben gewidmet hat, nie: Stattdessen empfindet er es als großes Glück, einzigartige Werke spielen und sich an diesen erfreuen zu dürfen. Ein Teil seiner Kunst ist, dass er sich in seinem Spiel nie wiederholt: Es gelingt ihm, auch bekannte Werke immer wieder klingen zu lassen, als entdecke er sie gerade zum ersten Mal. Und er stellt sich auch heute noch der Aufgabe, Stücke ganz neu einzustudieren.

»Die Sehnsucht nach Schönheit«

Was Menahem Pressler antreibt, ist das Verlangen nach Schönheit. Ein Verlangen, das sein ganzes Leben wach geblieben ist und nie nachgelassen hat. Für Menahem Pressler ist diese Suche mehr als eine Leidenschaft: Man könnte sagen, sie bestimmt seine Identität. Und sie definiert auch sein Verhältnis zum Publikum, das er an dieser Sehnsucht teilhaben lassen möchte.

»Über den eigenen Klang«

Für Pressler verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Leben – das eine geht nicht ohne das andere. Er ist ein Beispiel dafür, dass die berufliche Tätigkeit nicht nur Verpflichtung ist, sondern auch »Berufung« sein kann. Dass Kollegen es nicht erwarten können, sich zur Ruhe zu setzen, um dann nicht mehr spielen zu müssen, kann Pressler nicht nachvollziehen. Nur, weil man altert, muss man nicht aufhören, seiner Leidenschaft nachzugehen – ob sich diese nun in Hobby, Ehrenamt oder wie für Pressler im langjährigen Beruf findet.

»Die Zukunft«

Der »Reichtum« des Lebens liegt für ihn in dem, was er schon so lange tut und noch viele Jahre tun will: Musik machen. Vor dem, was danach kommt, fürchtet Menahem Pressler sich nicht, sondern erfreut sich an jedem Moment, in dem er lebt. In gewisser Weise, meint er, sei man ja vorbereitet, Stück für Stück werde man eben älter und könne nur hoffen, auch körperlich imstande zu sein, weiter zu spielen. Bisher gehorchen ihm die Finger noch, haben weder Augen noch Gehör nachgelassen. Vor allem aber wird es wohl sein unstillbarer Drang, sich in die Musik zu vertiefen, sein, der ihn in den kommenden Jahren wach und aktiv hält.

Was sind Gelingensbedingungen dafür, dass Menschen auch im hohen Alter neugierig bleiben aufs Leben? Lebensläufe wie der Menahem Pressler werden wohl immer die Ausnahme bleiben. Trotz aller Schwierigkeiten – als Jude floh er 1933 vor den Nazis nach Palästina; viele seiner Angehörigen starben während der Schoa – begreift er sich selbst als »lucky mushroom«, als Glückspilz. Möglich wird das sicher durch individuelle Charakterzüge, auch durch gute physische Voraussetzungen, vor allem aber durch Leidenschaft und Begabung. Sein Beispiel zeigt, wie lange Menschen hochprofessionell aktiv bleiben können, wenn sie mit Hingabe bei der Sache sind. Eine Arbeitswelt der Zukunft, die sich mit längeren Lebensspannen und flexibleren Lebensläufen auseinandersetzen muss, wird erfolgreicher sein, wenn es ihr gelingt, den ganzen Menschen mit seinen unterschiedlichen Talenten und Leidenschaften zu integrieren und ihm Möglichkeiten der Entfaltung zu eröffnen.

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