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Zeit für neue Lebensläufe! – Jenny Siering

Ausbildung, Arbeit, Rente – dieser Dreiklang bestimmt auch heute noch unseren Lebenslauf. Doch wir leben immer länger und haben daher auch mehr Möglichkeiten, unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Andreas Geis und Fiona Dahncke, Körber-Stiftung, haben sich auf die Suche nach Perspektiven für eine neue Lebensarbeitszeit gemacht. Sie sprachen mit der Yogalehrerin Jenny Siering von Herzzeit, was den Anstoß dazu gegeben hat, sich mit 34 Jahren ganz neu zu orientieren.

Du hast nach 12 ½ Jahren deinen festen Job als Key Account Assistentin/Sachbearbeiterin im Groß- und Außenhandel gekündigt, um unter anderem als Yoga-Lehrerin und Körper-Therapeutin zu arbeiten – warum?

Im ersten Schritt wollte ich meine 40-Stunden-Woche gerne auf 33 Stunden reduzieren, um nebenbei Yoga zu unterrichten und mehr Zeit für mich zu haben. Das war aber leider so nicht möglich, sodass ich mir die Stelle mit einer anderen Kollegin teilen musste. Ich konnte also nur noch 24 Stunden arbeiten. Das hieß aber auch weniger Gehalt. Aus dieser Situation heraus habe ich dann Herzzeit gegründet. Vorher habe ich nur Freunde mit Reiki behandelt. Ich dachte immer: Es fällt mir so leicht, ist nicht anstrengend, deshalb kann es ja nicht mein Job sein. Mittlerweile habe ich gemerkt: Doch. Es darf leicht sein, es darf auch mein Job sein und ich darf damit Geld verdienen.

Deine Erfahrungen decken sich ja auch mit unseren Umfrageergebnissen. Eine Reduzierung der Arbeitszeit würden sich viele wünschen. Doch kaum jemand geht es wirklich an. Wann hast du entschieden, dich auf Herzzeit zu konzentrieren?

Das habe ich entschieden, nachdem ich eine Zeit lang parallel gearbeitet habe. Ich wollte erst schauen, ob mein »Projekt« mich finanziell absichern kann. Irgendwann war mir dann beides zu viel. Meinen Klienten habe ich immer vermitteln wollen: Guck auf dich selbst, sei bei dir! Diese Zeit für mich hat mir mehr und mehr gefehlt. Zudem habe ich mich immer weniger als Teil des Teams gefühlt, konnte keine Überstunden mehr machen und habe viel Skepsis und Neid erfahren.

Sagen wir es mal so: Ich mag es, wenn man mich mag. Daher war dieses Doppelleben für mich so nicht mehr tragbar. Ich hatte den Mut auszuprobieren, ob es auch anders funktionieren kann. Wenn es mit der Selbständigkeit nicht klappen solle, gehe ich halt ins Büro zurück – ich habe ein Back-up. Die wenigstens sind sich bewusst, dass es Alternativen gibt.

Die Zukunft der jungen Menschen wird pessimistisch gesehen – sagt die Mehrheit der Deutschen. Nur die Jungen selbst, also Deine, also unsere Generation sieht das nicht so. Was sind Deine Pläne, wie willst du mit 50 arbeiten?

Am liebsten möchte ich ein halbes Jahr in Deutschland leben, ein halbes Jahr im Ausland – Hauptsache in der Sonne, vielleicht in Portugal oder Asien. Bali vielleicht, ja, Bali. Mein Traum ist es aber, eigentlich schon vor der 50, zwei bis drei Tage ganz für mich zu haben, an denen ich »nichts« mache. Vier Tage möchte ich ordentlich arbeiten, sodass ich gut davon leben kann – mir eine Wohnung, Essen, mal einen Urlaub und ein paar Kleinigkeiten leisten kann. Ich will meine Steuern zahlen und mit dem, was ich habe, glücklich sein. Ich will keine Gedanken daran verschwenden müssen, ob ich genug Geld habe oder nicht, sondern meine Zeit genießen. Zeit ist das wichtigste, was wir haben. Wir hetzen oft nur von Termin zu Termin. Auch zu Beginn der Selbständigkeit muss man viele Termine wahrnehmen, für die man kein Geld bekommt. Zurzeit ist das noch okay.

In deinem vorherigen Job hast du Perspektive, dass sich dies irgendwann ändern wird, vermisst?

Bevor ich gegangen bin, habe ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen gesprochen, die mir sagten: Du machst es genau richtig. Auf die ältere Generation wird hier wenig Rücksicht genommen. Viele kommen mit den Veränderungen nicht mehr zurecht und ihre Leistungen und Fähigkeiten werden nicht wertgeschätzt. Es gibt keine Zeit mehr für Zwischenmenschliches. Warum bekommen die Leute im Alter immer mehr Gehalt? Warum bekommen sie keine Zeit, die sie für sich oder für ein Ehrenamt nutzen können? Mir kommt gerade die Idee, dass man doch mit jedem Jahr eine Stunde weniger pro Woche arbeiten könnte, um einen Übergang zur Rente zu schaffen und sich die Zeit für danach aufzubauen.

In unserer Umfrage haben wir sehr von inter-generationaler Solidarität gehört. Es gibt wenig, was die Jungen von den Älteren unterscheidet. Außer vielleicht, dass sich lediglich 11% der Jüngeren sehr auf die Rente freuen. Dieser Wert nimmt bei den Älteren zu. Gibt es für eine Yoga-Lehrerin einen Ruhestand und wie sieht der aus?

(lacht) Das habe ich mich auch gefragt und ich glaube, das ist auch das, was mir daran gefällt: Dass ich keinen Ruhestand brauche. Meine Tätigkeit erfüllt mich, ich kann Menschen etwas Gutes tun und das möchte ich mein ganzes Leben lang machen. Vielleicht nicht in der Fülle wie es noch mit 50 Jahren sein wird, aber ich will für die Menschen da sein, bis ich irgendwann nicht mehr mag. Wäre ich in meinem Büro-Job geblieben, hätte ich es nicht erwarten können, in Rente zu gehen.

Zur forsa-Umfrage »Arbeit, Rente, unversorgt?«

Kontakt

Karin Haist
Stv. Leiterin im Haus im Park

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Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

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