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»Die Länge des Lebens hat nichts damit zu tun, ob es gut wird«

Seit über 150 Jahren wächst die Lebenserwartung in Deutschland, weil sich unsere Lebensbedingungen verbessern, und zwar kontinuierlich: Wir gewinnen pro Tag knapp sechs Stunden Lebenszeit dazu. Paradox ist, dass wir davon kaum etwas merken. Die Erwerbsarbeit bestimmt den Rhythmus unseres Lebens, und wir hetzen durch unsere Berufsbiografie nach alten Mustern: Ausbildung, Arbeit, Ruhestand. In der Mitte, der »Rush Hour« des Lebens, erledigen wir Kindererziehung, Pflege und Karriere gleichzeitig. Nach dieser Verdichtung erwarten uns dann Jahrzehnte des Ruhestandes. Dabei könnte alles auch anders sein, wenn wir das wichtigste Versprechen des demografischen Wandels beim Wort nähmen und unsere Lebenszeit neu gestalteten. Wann aber bezeichnen wir einen Lebenslauf als erfolgreich geplant und wann ein Leben als gelungen? Dazu äußert sich im Interview mit Andreas Geis, Leiter des Fokusthemas »Neue Lebensarbeitszeit« der Körber-Stiftung, der Psychoanalytiker Torsten Maul. Er veranstaltet in loser Folge den psychoanalytischen Salon Hamburg, der sich mit relevanten gesellschaftlichen sowie klinischen Fragen beschäftigt und diese aus psychoanalytischer Sicht beleuchtet.

Herr Maul, ist es für die Menschen heute schwieriger, eine Vorstellung von einem »guten Leben« zu entwickeln?

Also, ein gutes Leben haben wir hier in Mitteleuropa – keine Naturkatastrophen, keine Krankheitsepidemien, keinen Krieg, ein hohes Maß an persönlicher Freiheit und ein hohes Niveau der Bedürfnisbefriedigung. Und trotzdem scheinen die Menschen nicht so recht zufrieden. Die Frage müsste eher lauten: Wie kommt es, dass sie nicht zufrieden sind, sondern immer denken, sie müssten anders sein, andere Sachen machen oder haben. Ich glaube, dass da innere Spannungen an äußeren Dingen festgemacht werden und die Menschen es schwer haben, sich als grundsätzlich konflikthafte Wesen zu akzeptieren. Es ist nicht so einfach, mit dem guten Leben. Daher hieß das Thema unsers letzten Salons auch »Befriedigendes Leben?!«. Befriedigen beinhaltet auch »seinen Frieden machen« und auch, zufrieden zu sein, wenn es nicht dauerhaft perfekt ist.

Freud sagte: »Die Absicht, dass der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten. Was man im strengsten Sinne Glück nennt, entspringt der eher plötzlichen Befriedigung hoch aufgestauter Bedürfnisse und ist seiner Natur nach nur als episodisches Phänomen möglich.« Insofern bleibt es ein fortwährendes Bemühen.

Kaum eine Generation vorher konnte sich so sicher auf ein langes Leben freuen. Warum ermutigt das nicht dazu, Lebensläufe ganz neu zu leben?

Die Länge des Lebens hat nichts damit zu tun, ob es gut wird. Vielleicht kommt es eher darauf an, sein Leben als eine kohärente Entwicklung sehen zu können, und darauf, eine gute Mischung zu finden zwischen den Wünschen und Illusionen auf der einen Seite und der Realität unserer Begrenztheit auf der anderen Seite. Und zukünftig wird ja eine Rolle spielen, ob der Frieden erhalten werden kann, ob Demokratie erhalten werden kann. Und was aus den ganzen anderen Fragen wird, zum Beispiel welchen Einfluss die Digitalisierung auf die Zukunft der Arbeit hat, ob die Umweltzerstörung begrenzt werden kann, was es bedeutet, dass nicht mehr die Region oder das Land, sondern die ganze Welt der Bezugsrahmen ist, in dem sich unser Leben abspielt. Da stehen gewaltige Veränderungen an, mit denen der Einzelne zurechtkommen muss und wofür die Gemeinschaft Lösungen finden muss.

Haben Sie einen Tipp? Was sollten Eltern tun, damit ihre Kinder mit der größtmöglichen Zuversicht in ihr langes Leben starten?

Die Psychoanalyse hat zwar auch keine Normative anzubieten, die es zu erreichen gilt, damit dann alles gut ist, aber sie weiß, was passiert, wenn man bestimmte Auseinandersetzungen mit sich selbst vermeidet oder einseitige Befriedigung sucht. Wenn man zum Beispiel nur auf orale Befriedigung setzt – also essen, trinken, lutschen – kann das zu Fettleibigkeit oder Sucht führen, wenn man nur auf zwanghafte Ordnung und Macht setzt, wird das Leben starr, eng und langweilig, und wenn man sich immer nur ablenkt, bilden sich möglicherweise psychosomatische Krankheiten aus.

Trotzdem gibt es, glaube ich, etwas Allgemeingültiges: Es ist wichtig, sich für ein besseres Miteinander zu engagieren, und die Aktivität nicht anderen zu überlassen.

Am 25. April 2017 widmet sich der Psychoanalytische Salon im Golem in Hamburg dem Thema »Befriedigendes Leben?!«.

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