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Lebendige Bürgergesellschaft

Was ist eigentlich Heimat?

Was ist eigentlich Heimat? Und was bedeutet sie in einer Stadt wie Hamburg, die immer vielfältiger und bunter wird. Eine Frage auf die wahrscheinlich jeder und jede Gefragte eine andere Antwort gibt.

Mit ihrem Heimatabend versuchte die Körber-Stiftung so auch nicht, eine solche zu finden. Es werde nicht bei »Volksmusik und Schnittchen« über »Leitbilder« diskutiert, so Karin Haist, Leiterin des Bereichs Gesellschaft schon in ihrer Begrüßung der Gäste im KörberForum. Vielmehr sei der Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt eine Schlüsselkompetenz des 21ten Jahrhunderts. Denn Heimat in Solidarität in einer vielfältigen Gesellschaft müsse immer wieder neu erstritten werden.

Und so berichteten auch keine »typischen Hanseaten« über ihre Heimat Hamburg, sondern drei Menschen mit ganz individuellen und besonderen Erfahrungen in Bezug auf ihr Bild von Heimat. Menschen, die zum Teil einen schwierigen Weg gegen Widerstände und Ausgrenzung zu gehen hatten. Durch den Abend begleitete sie Veronica Laleye, selbst in Nigeria geboren und als Diversity Trainerin Expertin auf dem Gebiet.  Und mit den sehr persönlichen Einblicken des Abends lernte das Publikum, dass Deutsche gerne nackt seien und mit Bier kochen, Shanghai auch einen schönen Fluss habe und die Frage »Wo kommst du eigentlich her?« ungewollt verletzen kann.

Das Außergewöhnliche und Schöne am Heimatabend war, dass nicht nur die Podiumsgäste, sondern auch das Publikum sich öffnete und persönliche Erfahrungen teilte und das Bedürfnis entwickelte, über seine Sicht auf Heimat zu sprechen. Und so erreichten uns auch nach der Veranstaltung zahlreiche Zuschriften und Fragen. Wir erfuhren unter anderem von den Hürden einer deutsch-nigerianischen Freundschaft im Hamburg der 70er und, dass nun an mindestens einer Hamburger Schule über die Problematik diskriminierender Faschingskostüme diskutiert wird.

Doch wer waren unsere Gäste und was ist ihre Heimat?

Da war Sidonie Fernau. Für die in Stade geborene »Schwarze Deutsche mit palästinensisch-jamaikanischen Wurzeln« ist Heimat »ein Ort an dem man sich hinterfragen kann […], aber an dem man angenommen wird, fast egal was man tut.« Die Leiterin der Stabstelle Diversität und Migration des Paritätischen Dienstes Hamburg hat auch (z.T. unbewusste) Ausgrenzung erlebt. So gab es nie Puppen mit ihrer Hautfarbe und im Kindergarten malten sich Kinder zu Fasching die Gesichter schwarz an. Und auch wenn es nicht böse gemeint sei, »das passiert halt ganz oft, dass Betroffene sagen 'Moment mal mir ist da etwas passiert' und die andere Seite, die nimmt das aber gar nicht wirklich ernst. Sie hört es und für die ist das dann ganz oft eine Überreaktion.« Trotz negativer Erfahrungen ist sie optimistisch und wünscht sich mehr Raum für Begegnungen. »Also dieser Ort, wo sich die Menschen treffen können und wo sie tatsächlich ihre Fragen stellen können oder auch ihre Ängste offen äußern können ohne gleich verurteilt zu werden, diese Räume, die fehlen oft.«

Und da war Khaled Almaani, der aus Syrien Geflüchtete, der seit 2015 hier in Hamburg lebt und mit Jugendlichen aus problematischen Verhältnissen arbeitet. Für ihn ist die Frage nach Heimat und Herkunft schnell beantwortet. »Heimat ist nicht der Ort, wo ich aufgewachsen bin oder herkomme, sondern wo ich mich gerade befinde. […] Die Grenzen oder Zäune oder Mauern, die wir [dort] durchziehen oder die wir im Kopf haben […] sind von Menschen gemacht und nicht [davon abhängig] wo wir geboren sind.« Im Endeffekt hätten doch alle Menschen dieselbe Herkunft: »aus der Mutter, aus der [Gebärmutter]. In der Regel nach neun Monaten.«

Der dritte Gast des Heimatabends war Dominik Bloh. Auch er hatte auf seinem Weg gegen Widerstände zu kämpfen. Nach einer schwierigen Kindheit landete er mit 16 Jahren auf der Straße, wo er elf Jahre immer wieder lebte. Nun mit 29 Jahren hat er zum ersten Mal wieder eine eigene Wohnung und verarbeitete seine Erfahrungen in einem Buch. Wie Almaani arbeitet er mit Jugendlichen aus problematischen Verhältnissen. Was für einen Blick auf Heimat hat ein Mensch der selbst jahrelang nichts hatte, was einem klassischen Verständnis von Geborgenheit und Sicherheit entspricht? Abgeklärt erzählt er »da gibt es so eine Holzbank mit einer Lehne. Die war mein Bett.« und lacht. Heimat sei für ihn Erinnerung. Im Winter gäbe »es immer so karge Äste und man sieht die Lichter in den Zimmern und für mich sind die Straßenlaternen und vor allem Dingen hier am Hafen die Lichter, das ist das Gefühl wo ich Wärme bekomme und wo ich auch diese Heimatgefühl habe. Und obwohl es Minusgrade sind, wird mir wirklich körperlich warm.«

Konfrontiert mit diesen eindringlichen Erfahrungen, war das Publikum ermutigt, selbst über seine Heimat zu sprechen und mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Viele öffneten sich und sprachen über persönliche Erfahrungen, sei es die eigene Flucht (aktuell oder vor Jahrzehnten), eigene Migrationserfahrungen in Deutschland aber auch den USA oder das Aufwachsen auf der Veddel (nach augenzwinkernder Aussage des Gastes »der letzte Husten von Hamburg.« Aber es wurde auch kritische diskutiert über rassistische Traditionen wie das »Black facing« und problematische Kostüme, die Gewalt von Sprache und die Wichtigkeit von politischer Teilhabe. Der Heimatabend hat viele Gäste zum Nachdenken angeregt und so freuen wir uns in der Körber-Stiftung über die zahlreichen Reaktionen und Nachfragen, die uns zeigen, wir haben den Puls der Zeitgetroffen. Gesellschaftliche Vielfalt muss verhandelt werden und dafür braucht es Begegnungsorte.

Video »Heimatabend«

Kontakt

Mit dem Thema »Lebendige Bürgergesellschaft« beschäftigt sich die Körber-Stiftung in den Bereichen »Alter und Demografie« sowie »Demokratie, Engagement, Zusammenhalt«.

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