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»Morgen werden wir 100«

Gerade ist in der Edition Körber das Buch »Morgen werden wir 100. Wie unser langes Leben gelingt« von Lynda Gratton und Andrew Scott erschienen. Der Schweizer Demografieexperte Hans Groth schätzt die beiden Autoren von der London Business School und verfolgt seit der britischen Originalausgabe von 2016 den globalen Erfolg dieses Buches. Warum er das Buch einleuchtend, politisch und praktisch findet, verrät er im Gespräch mit Karin Haist, Leiterin der Demografieprojekte der Körber-Stiftung.

Nun ist das »100-Year Life« von Gratton und Scott auf Deutsch erschienen – unter dem schönen Titel »Morgen werden wir 100. Wie unser langes Leben gelingt«. Sie sind derjenige, der uns die Übersetzung ins Deutsche empfohlen hat, nachdem das Buch bereits in acht Sprachen erschienen und in manchen Ländern ein regelrechter Bestseller geworden war. Mehr als 140.000 verkaufte Exemplare allein in Japan! Was hat Sie denn selbst schon 2016 für das Buch von Andrew Scott und Lynda Gratton so eingenommen? 

Ich war 2016 einer der ersten Käufer der Erstausgabe und mich hat von Beginn die einleuchtende und stringente Gliederung des Buches und des Inhalts überzeugt. Es handelt nicht nur davon, dass unser Leben länger wird, sondern dekliniert diese Veränderung an allen Lebensbereichen durch. Es beschreibt, dass für ein produktives langes Leben nicht nur reale, sondern auch immaterielle Vermögenswerte wichtig sind – Gesundheit, Bildung, Freunde – und das Buch macht auch klar: Wir alle müssen die Fähigkeit entwickeln, uns in einem langen Leben laufend zu verändern und unsere Prioritäten zu hinterfragen.

Das Leben in Phasen denken, das ist das Modell, das Gratton und Scott vorschlagen. 

Genau. Ich selbst bin ja auch so erzogen worden, dass ich mit spätestens 65 aufhöre und vorher mein Haus gebaut habe. 65 Jahre, oder sogar 60, das was war mein aktiver Horizont. In meiner ursprünglichen Lebensplanung habe nie berücksichtigt, dass ich nach der Pension noch viele weitere Jahre aktiv in bisher nie dagewesener Weise gestalten kann – und auch muss! Ich kann heute davon ausgehen, dass ich wahrscheinlich mindestens 85 werde. Das Buch hat mir die Augen dafür geöffnet, dass auf immer mehr Menschen nach dem bisherigen Renteneintrittsalter künftig 30 bis 40 Jahre in erstaunlicher Gesundheit warten. Und dies ist eine lange Zeit, die man mit Sinn füllen muss.

Das ist eine erhebliche zusätzliche Lebenszeit, für die wir, so die Autoren, einen klug strukturierten Plan brauchen.


Und die Bereitschaft, uns immer wieder neu zu erfinden! Die Zeit ist passé, wo wir in unserem Leben immer nur linear das Gleiche weitermachen.  Wir werden immer wieder etwas Neues anfangen. Das haben Gratton und Scott aus meiner Sicht nicht nur konsequent durchdacht, sondern als Erste auch ganz konkrete Vorschläge entwickelt – Optionen für das neue lange Leben in Phasen. Das hat mich überzeugt und persönlich inspiriert.

Ganz wesentlich geht es in »Morgen werden wir 100« auch darum, dass wir in der Zeit des langen Lebens viel länger arbeiten werden.

Ja! Und das nicht nur, weil wir individuell sinnvoll beschäftigt sein wollen, sondern auch, weil 20 Jahre »Ruhestand« oder eine noch längere Zeit schlichtweg nicht finanzierbar sind und der Arbeitsmarkt und unsere sozialen Systeme die längere Beschäftigung zwingend brauchen. In der Schweiz sind die Pensionskassen und ihre Nachhaltigkeit ein Dauerthema. Wir alle müssen eingestehen, dass unser Sparniveau für eine Altersfürsorge über 25 Jahre und mehr niemals ausreicht, wir müssen einfach länger arbeiten!

Und was kann dieser Einsicht in der Gesellschaft zur Akzeptanz verhelfen? Im Moment begegnet uns in unserer Stiftungsarbeit immer noch häufig die Haltung: Gern länger leben, aber am liebsten frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

Wir brauchen Vorbilder, die bis 70 oder gar 80 arbeiten – und z.B. unter Freiberuflern sehe ich die auch schon. Der Druck des Arbeitsmarktes wird zunehmen, allerdings sehe ich bei den Unternehmen noch nicht viel Einsicht in die unausweichlichen Veränderungen, die auf uns zukommen. Unternehmen müssen die Potenziale ihrer Mitarbeiter sehen und ihnen Anreize bieten, Zeitsouveränität, und vor allem Wertschätzung. Die Politik sehe ich immer nur vor Wahlen aktiv. Dabei müssen doch alle erkennen –und entsprechend umdenken –, dass es in »langlebigen« Gesellschaften mit niedrigen Geburtenzahlen erst recht darauf ankommt, genügend Erwerbstätige zu haben, die in die Rentenkassen einzahlen.

Das sagen ähnlich auch Gratton und Scott, die den Unternehmen vorwerfen, sich nur auf Fachkräfte mit berechenbarem Karriereverlauf auszurichten anstatt auf Mitarbeiter, die sich laufend verändern und dazu lernen wollen. Bei der Politik sehen sie kritisch, dass es beim Thema Demografischer Wandel nur um Rentenniveau und Regelaltersgrenzen geht anstatt den Rahmen zu schaffen für ein vielstufiges und langes aktives Leben.

Wir in St. Gallen, wo ich ja noch als Hochschullehrer arbeite, vermeiden inzwischen sogar das Wort Alter, wir reden nur noch von Langlebigkeit. Viele der jungen Studenten leben das auch schon, was das Buch so eindrucksvoll klarmacht. Sie erkennen den Wert ihrer Bildung fürs Leben, aber eben nicht als Investment in den einen »lebenslangen« Beruf, sondern in ein langes Leben, in dem sie lange aktiv bleiben und sich immer wieder neu erfinden werden. Ich bin immer wieder erstaunt, wie entspannt und kreativ die jungen Studenten mit ihrer Lebensplanung umgehen.

Bleibt die Frage, die Gratton und Scott auch aufwerfen – muss man sich das 100-jährige Leben und die gut durchdachte Lebensplanung dafür nicht erst einmal finanziell leisten können? Das Buch ist da sehr klar und nennt die soziale Spaltung ebenso wie die gesundheitliche Ungleichheit der Gesellschaft als größte Probleme dafür, dass wirklich alle am langen und produktiven Leben teilhaben können. 

Ja, das sehe ich ebenfalls – und plädiere dafür, möglichst viel und früh auf Bildung zu setzen. Unsere Schulen, Ausbildungssysteme, aber eben auch das lebenslange Lernen z.B. über berufliche Fortbildungen sind wichtige Grundlagen für ein gelingendes langes Leben, in dem wir uns immer wieder neu erfinden.

Was möchten Sie dem Buch mit auf den Weg geben?

Dass es auch im deutschsprachigen Raum viele Leser findet! Es ist ein Buch schon für Menschen ab 30 und die jungen Leute sind in der Tat interessiert und haben keine Vorurteile. Das weiß ich aus St. Gallen. Es ist äußerst erfreulich, dass das Buch medial große Wellen schlägt und in 3sat sogar als »Muss-Lektüre« bezeichnet wird. Dieses Buch hat eine ungeheuer aktuelle und politische Botschaft für den Einzelnen und die Gesellschaft, die es klar und einleuchtend präsentiert. Und es ist auch ein Buch, mit dem man ganz konkret arbeiten kann – für mich ist es eine wahre Werkzeugkiste für ein gelingendes Leben! Die Herausforderung, ein immer längeres Leben auch gelingend zu erleben, ist nicht zu unterschätzen. Doch wer sich systematisch damit beschäftigt, was ein gelingendes Leben ausmacht, erntet im Alter!

Dr. Hans Groth ist Verwaltungsratspräsident des World Demographic & Ageing Forum, Gastdozent an der Universität St. Gallen zum Thema »Megatrend Demographie«, sowie gewähltes Mitglied des »Global Agenda Council on Global Population Growth« des World Economic Forum. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit dem Wechselspiel von globalem demographischen Wandel, volkswirtschaftlicher Entwicklung, Wohlstandssicherung und gesellschaftlicher Stabilität. Zuletzt war er Mitherausgeber des Buches »Africa’s Population: In Search of a Demographic Dividend«, das 2017 auch im KörberForum präsentiert wurde. Beim Politischen Mittag der Körber-Stiftung stellte er 2015 die Nationale Demenzstrategie der Schweiz vor. 

Kontakt

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Presse

Andrea Bayerlein
Fokusthemenmanagement
Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

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