»Mehr geistige Flexibilität im Leben erweitert den Handlungsspielraum.«

Die Psychologin Kerstin Till im Interview

In Kerstin Tills Leben passen bereits zwei Karrieren. Heute arbeitet sie als freiberufliche Psychologin und Coach für Potenzialentwicklung in der freien Wirtschaft und berät Arbeitssuchende bei der Agentur für Arbeit. Diesen beruflichen Weg ermöglichte sie sich, als sie nach einer ersten Karriere als Sekretärin und Assistentin mit Anfang 40 ihr Abitur nachholte und ein Studium der Psychologie anschloss. Auf Einladung der Körber-Stiftung sprach sie im KörberForum über Möglichkeiten, Rahmenbedingungen und Gestaltung von Lernen im Alter. Imke Bredehöft, Körber-Stiftung, wollte am Rande der Veranstaltung von ihr wissen, wie es ist, in der Lebensmitte noch einmal etwas ganz Neues zu lernen.

Ein Abitur mit 42 und ein daran anschließendes Studium gehört nicht unbedingt zum klassischen Lebenslauf. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Weg einzuschlagen?

Ein Studium abzuschließen, das war schon immer mein großer Wunsch. Da ich aber in meinem Erstberuf sehr eingespannt und lange allein erziehend war, war dieser Wunsch, auch aus finanziellen Gründen, gar nicht so einfach umzusetzen. Ich komme aus dem IT-Management und habe in einem großen Konzern als Direktionsassistenz gearbeitet. Weil Assistenz auch im oberen Management bedeutet, immer Dienstleister für andere zu sein und keinen eigenen Verantwortungsbereich zu haben, war für mich irgendwann ein Frustrationspunkt erreicht, an dem ich beschloss, etwas zu ändern. Da ich die freie Auswahl an Studienfächern haben wollte, habe ich mit 42 Jahren mein Abitur gemacht und mich im Anschluss entschieden, Psychologie zu studieren.

Vor welche Herausforderungen hat Sie Ihre Entscheidung gestellt?

Erst einmal war mein näheres Umfeld reichlich irritiert, dass ich in dem Alter auf die Idee komme, Abitur zu machen. Das dauerte ja immerhin drei Jahre. Auch meine Vorgesetzte hat damals lange mit mir diskutiert. Da ich aber so überzeugt war, dass das der richtige Schritt war, waren die Zweifel bei mir selbst sehr gering.
Wenn die Bedenken auch bei mir größer wurden, war es für mich die Herausforderung zu reflektieren woher die negativen Gedanken kommen: Sind das echte Zweifel oder sind es die von mir verinnerlichten Vorstellungen meiner Umwelt – also meiner Freunde, Nachbarn oder Kollegen? Meistens waren es letztere, sich davon zu lösen, ist entscheidend. Wer immer nur darüber nachdenkt, die Wünsche der Anderen zu erfüllen, bleibt selbst auf der Strecke. Und ehrlich gesagt, ist es wirklich so wichtig, was andere denken? Meistens interessiert sich die Umwelt gar nicht so sehr für das, was man macht und wie alt man dabei ist.

Hatten Sie in Ihrem Umfeld Vorbilder für diesen Schritt oder Unterstützung von institutioneller Seite?

Nein, eigentlich nicht. Ich hatte mich informiert und wusste, dass ein Vollabitur in meinem Alter an einer regulären Schule nicht möglich war. In Paderborn, wo ich damals wohnte, gab es ein Kolleg, an dem man entweder, wenn man noch keine Berufsausbildung hatte, ein »Voll-Abi« oder aber mit Berufserfahrung das Abitur nur in den Hauptfächern, also ohne Kunst oder Sport, nachholen konnte. In meiner Klasse waren demnach auch hauptsächlich Menschen, die schon Berufserfahrung hatten. Wir waren alle ab 35 Jahren aufwärts.

Und dann im Studium waren Sie ganz klassisch eingeschrieben und im Seminar zusammen mit Kommilitonen, die gerade frisch von der Schule kamen?

Genau. Nach meinem Abitur 2006 habe mich über die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) für das NC-Fach Psychologie beworben. Mit meinem Schnitt von 1,6 wurde mir ein Studienplatz an der Uni Osnabrück zugewiesen, dort bin ich hingezogen und habe ein ganz normales Studium angefangen. Auch wenn ich hier mit vielen Jüngeren zusammen studiert habe, gab es auch einige ältere Studierende. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich noch vor der Bologna-Reform und den damit verbundenen gestuften Studiengängen studiert habe.

Hatte der Bologna-Prozess, also die Veränderung der Studienstrukturen eine Auswirkung auf das Alter der Studierenden?

In meiner Diplomarbeit habe ich damals längsschnittlich (über ein komplettes Semester) alle Psychologiestudierende untersucht. Das Alter lag durchschnittlich bei 22 Jahren, der Jüngste war 17 Jahre alt und nur eine 50. Seitdem die Abstufung zwischen Bachelor und Master eingeführt wurde, hat sich das Bild noch einmal geändert und es studieren weniger Ältere in den regulären Studiengängen. In jedem Semester werden jetzt Klausuren geschrieben, was auch eine andere Form von Lernen fordert. Statt sich einem breiten Thema zu widmen, ist das Studium stärker modularisiert. Dadurch durchmischen sich jüngere und ältere Semesterjahrgänge weniger und das Studium ist insgesamt weniger attraktiv für ältere Studierende. Andererseits sind die sechs Semester eines Bachelor-Studiums so überschaubar, dass man heute viel schneller noch einmal einen Bachelor draufsetzen kann.

Sie sprechen unterschiedliche Formen von Lernen an: Fällt das Lernen mit mehr Lebens- und Berufserfahrung leichter?

Nein, das würde ich nicht sagen. Das habe ich während meines Studiums nicht nur bei mir gemerkt, sondern auch von den anderen erfahren. Junge Leute, die frisch von der Schule kommen, sind es gewohnt, den Stoff einfach zu pauken und wiedergeben zu können. Darin sind sie sehr trainiert. Ist man erst einmal aus dem Lernprozess heraus, ist diese Lernstrategie nicht mehr so verinnerlicht. Berufserfahrene Menschen lernen dagegen mehr über das verstehende Lernen, über das Verständnis der Situation und weniger über das Auswendiglernen.

Braucht man aber zum Beispiel einfach nur Wissensinhalte wie Definitionen oder Formeln, dann ist das einfache Auswendiglernen sehr effektiv. Das ist hilfreich, um an der Uni von einem Modul zum nächsten zu kommen, aber weniger geeignet, um das Gelernte in die berufliche Praxis umzusetzen. Lebenserfahrene lernen aber anwendungsorientiert, wobei auch die Jungen das sehr vermissen. Es fehlt ihnen die Vorstellungskraft, der Realitätsbezug der Lerninhalte. Woher soll es auch kommen?

Auf Grundlage dieser Erfahrungen: Halten Sie institutionelle Angebote, die mehr auf die Bedürfnisse von berufserfahrenen Menschen eingehen, für sinnvoll?

Durch meine Tätigkeit bei der Agentur für Arbeit sehe ich, wie wichtig es ist, einen akademischen Abschluss zu haben, um bestimmte berufliche Stationen zu erreichen. Ein Bachelor reicht dabei meistens schon aus. Ich höre aber immer wieder, dass dieser Schritt für viele gar nicht vorstellbar ist. Gerade für Ältere und hier meine ich ca. ab 35 Jahren, ist es eine große Hürde, sich mit Jüngeren – zum Beispiel in einer Arbeitsgruppe –  zusammenzusetzen. Das gemeinsame  Erarbeiten von Inhalten ist aber wiederum wichtig, um gut zu lernen.  Es wäre daher sicherlich hilfreich, wenn es hier noch andere Optionen gäbe, mit mehr Gleichaltrigen einen akademischen Abschluss nachzuholen, ohne dass es gleich eine teure Privatuni sein muss.

Ein anderes Thema ist die soziale Absicherung. Das Studium ist eine lange Zeit, in der man keine finanziellen Einkünfte hat und nicht in die Rentenversicherung einzahlt. Eine bessere Kommunikation darüber, welche Tarife es beispielsweise für Studierende bei der Krankenkasse oder welche finanzielle Unterstützung es für die Weiterbildung gibt, würde sicherlich einige Hürden im Kopf abbauen und mehr Menschen ermutigen ihre Potenziale auszuschöpfen. Ich war z.B. in der Krankenkasse als Studentin, obwohl die Altersgrenze 35 Jahre ist. Da es aber mein Erststudium war, war das möglich.

Haben Sie Tipps für Menschen, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen wie Sie, noch einmal etwas Neues zu lernen, etwas Neues angehen zu wollen?

Auf jeden Fall sollte man schauen, ob man dabei finanziell einigermaßen gut abgesichert ist. Das erreicht man manchmal schon mit einer gewissen Flexibilität. Wer beispielsweise bereit ist, sich für einen befristeten Zeitraum zu reduzieren, verschafft sich ganz neue Möglichkeiten. Ich habe mir damals zum Beispiel eine kleinere Wohnung gesucht.  Es ist ja nur für eine bestimmte Zeit und schon alleine diese kognitive Flexibilität »kann ich mir das vorstellen« zeigt, wie viel Handlungsspielraum sich jemand wirklich schaffen möchte.

Zudem sollte man versuchen, negative Gedanken zu reflektieren und sich auf das eigentliche Ziel zu besinnen. Dass es Momente der Frustration gibt, ist klar. Irgendwas funktioniert nicht, ist nicht so einfach oder benötigt mehr Energie. Wenn man dann nicht über die Motivation und damit Energiequelle verfügt, das Ziel unbedingt erreichen zu wollen, dann scheitert man meistens oder gibt zu früh auf. Ist der Wille aber da und das Ziel klar, dann finden sich auch immer wieder Wege, neue Energie zu schöpfen.

Haben sich die mit einem Studium verbundenen Vorstellungen für Sie erfüllt?

Ich habe sicherlich in meinem Studium auch Tiefen erlebt, also zum Beispiel mal eine Klausur nicht geschafft. Aber es ist nach wie vor die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Einfach aus dem Grund, weil es mich persönlich extrem verändert und weiterentwickelt hat. Im Psychologen-Sprech: meine Selbstwirksamkeitserwartung deutlich erhöht hat und damit mir weiteren Handlungsspielraum für Neues eröffnet hat.

Und, als letzte Frage, was haben Sie zuletzt Neues gelernt, Frau Till?

Ich absolviere gerade ein Curriculum zur beruflichen Eignungsdiagnostik und lerne viel zum Thema Statistik für meine erste Teilprüfung in ein paar Wochen. Für meine derzeitige Arbeit brauche ich das nicht, aber mir macht es einfach unglaublich viel Spaß, neue Themen zu lernen. Zugegeben, das Lernen selbst ist schon mal nervig, aber die Entdeckung von neuem Wissen ist wahnsinnig spannend.

Kontakt

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

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E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Presse

Andrea Bayerlein
Fokusthemenmanagement
Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de

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