X

»In der nachberuflichen Lebensphase spielt Bildung noch einmal eine ganz andere Rolle«

Die Pädagogin Silvia Dabo-Cruz im Interview

Silvia Dabo-Cruz leitet die Geschäftsstelle der Universität für das 3. Lebensalter in Frankfurt am Main. Auf Einladung der Körber-Stiftung sprach sie im KörberForum über Möglichkeiten, Rahmenbedingungen und Gestaltung von Lernen im Alter. Imke Bredehöft, Körber-Stiftung, sprach am Rande der Veranstaltung mit ihr über die Bedeutung von Bildung für ein langes Leben, den Austausch zwischen den Generationen und mit welchen Veränderungen lebenslanges Lernen noch besser gelingen könnte.

Frau Dabo-Cruz, wer studiert in der Universität für das 3. Lebensalter und was bieten Sie an?

Unser Angebot ist ähnlich wie das einer regulären Universität. Das heißt, wir bieten in Fächern wie Gesellschaftswissenschaften, Psychologie, Sprachen, Kunstgeschichte, Geschichte, Wirtschaftswissenschaften, Jura bis zur Medizin eine Mischung von Vorlesungen, Seminaren und Forschungsprojekten. In jedem Semester sind ungefähr 3.500 Studierende bei uns eingeschrieben von 50-Jährigen bis zu Menschen 90+. Das Alter ist dabei aber weniger entscheidend. Der eigentliche Knackpunkt ist die nachberufliche Lebensphase. Dann spielt Bildung noch einmal eine ganz andere Rolle.

Welche Rolle spielt Bildung dann oder anders gefragt, mit welchen Motiven kommen die Studierenden an Ihre Universität?

Das kann sehr unterschiedlich sein und als Faustregel für alle Fragen, die wir behandeln, müssen wir festhalten, dass sich gerade Ältere sehr unterscheiden. Über den Lebensverlauf nimmt die Unterschiedlichkeit von Personen zu, so dass Pauschalaussagen eigentlich selten stimmen. So sind natürlich auch die Motive, ein Studium nach dem Beruf aufzunehmen, vielfältig: Einige unserer Studierenden zum Beispiel beschäftigen sich mit Themen, mit denen sie auch im Beruf zu tun hatten. Sie wollen auf fachlicher Höhe und im Diskurs bleiben.Zudem sind viele unserer Studierenden auch ehrenamtlich engagiert und wenden das Gelernte in ihren dortigen Tätigkeiten an.

Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die etwas ganz Neues beginnen wollen, die sich sagen, dass sie jetzt endlich Zeit für Interessen haben, die sie beruflich zurückstellen mussten. Das sind häufig Kunst- oder Literaturthemen oder philosophische Fragen nach dem Sinn des Lebens. Und viele wollen schlicht ihre Allgemeinbildung ergänzen, geistig fit bleiben oder den Dialog mit Gleichgesinnten suchen.

An Ihrer Universität lernen die älteren Studierenden bis auf wenige Ausnahmen ganz unter sich und nicht wie bei anderen Seniorenstudien als Gasthörer in den gleichen Vorlesungen wie die jungen Studierenden. Eine bewusste Entscheidung gegen das intergenerationelle Lernen?

Nein, das hat sich vielmehr im Zuge des Bologna-Prozesses ergeben. Die Frankfurter Goethe-Universität war bis 2005 offen für unsere Studierenden und wir hatten fast 300 Veranstaltungen, in denen Alt und Jung zusammen lernten. Mit dem neuen Bachelor-/Master-System wurden die Studiengänge stärker ausbildungsorientiert organisiert. Dadurch kam es dann zu einer strikten und radikalen Trennung, weil es »keinen Platz mehr« für die Älteren in den Regelveranstaltungen gab. Ein Spannungsfeld, das die Universitäten insgesamt beschäftigt: Wie passt die Bologna-konforme Hochschule noch mit dem Bild einer Hochschule als offene Bildungsinstitution zusammen?

Auch das intergenerationelle Lernen selbst ist ein ziemlich vielschichtiges Thema. Meiner Meinung nach ist es eigentlich sehr wichtig, dass Lernsituationen auch intergenerationell stattfinden. Allerdings, wenn Ältere an Veranstaltungen der regulären Universitäten teilnehmen, sind sehr unterschiedliche Kommunikationsformen möglich. Manchmal sitzen die Altersgruppen nebeneinander und es passiert überhaupt nichts, weil sie gar nicht in Dialog oder Kontakt treten. Sind die Themen dagegen didaktisch so aufbereitet, dass sie den Dialog anregen oder ermöglichen, gibt es viele Situationen, in denen der Austausch sehr fruchtbar sein kann.

Sie haben das Angebot der Universität des 3. Lebensalters in den 1980er Jahren mit aufgebaut. Was hat sich seitdem verändert?

Das Bildungsniveau der Bevölkerung ist insgesamt gestiegen. Auch die heutigen älteren Studierenden haben einen viel höheren Bildungsabschluss als vor 30 Jahren. Erkennbar ist zunehmend auch der Wunsch der Studierenden, Bildung mit Engagement und Aktivität zu verbinden. Eine steigende Gruppe von Menschen sucht nach einer neuartigen Verbindung von Arbeit, Bildung und Engagement für das dritte Lebensalter, die ihnen auch Sinn vermittelt. Im Grunde ist das die Suche nach neuen gesellschaftlichen Formen.

In dieser Lebensphase fragen sich viele Menschen: »Wo geht es hin?«. Unsere Universität kann dann ein solcher Ort sein, wo sie mit Gleichgesinnten an dieser Frage arbeiten und eigene neue gesellschaftliche Modelle und Projekte für die Antwort entwickeln. Ein beispielhaftes Projekt hat sich aus einer Forschungsexkursion auf der Insel Lesbos entwickelt. Eine Projektgruppe älterer Studierender ist gerade dabei, für ein Bergdorf auf der griechischen Insel ein archäologisches Museum aufzubauen. Die Beteiligten bringen ihre ganz unterschiedlichen Vorerfahrungen ein: einer hat zuvor im Museum gearbeitet, eine andere ist Biologin, jemand anderes spricht Griechisch. Ihre Expertisen fügen sich ganz wunderbar zusammen. So etwas ist natürlich das Besondere an Projekten mit älteren Menschen, denn sie bringen alle ihre Berufs- und Lebenserfahrungen mit und daraus lässt sich wieder Neues gestalten.

Sie sind Mitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft wissenschaftliche Weiterbildung für Ältere und fordern bessere Bedingungen für die Weiterbildung älterer Menschen. Woran fehlt es Ihrer Meinung nach besonders und was wünschen Sie sich von der Politik?

Im Bereich der Universitäten fordern wir, dass die Bereiche, die sich mit dem Seniorenstudium auseinandersetzen, auch mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet werden, so dass nicht nur das Tagesgeschäft erledigt, sondern auch Forschungsfragen behandelt werden können. Die Zeit des Alters oder die nachberufliche Zeit ist ja nicht irgendeine Restzeit. Welche Rolle Bildung in dieser Phase spielen kann, ist aber noch viel zu wenig erforscht.

Zudem wünschen wir uns, dass die Bildung Älterer stärker wahrgenommen wird. Nichtberufliche Weiterbildung wird aber viel zu wenig ernst genommen. Als »nice to have«, aber irgendwie auch nicht so wichtig. Dabei ist es so wichtig, Lernprozesse, Bildungsprozesse eben nicht ausschließlich qualifikations-, berufs-, oder verwertungsorientiert zu sehen, sondern in ihrem Stellenwert für die Persönlichkeit der Menschen und für ihr Leben überhaupt. Auch wenn die Rede auf lebenslanges Lernen kommt, sprechen wir meistens von Nützlichkeit, von Verwertbarkeit, von Schritthalten in der Gesellschaft. Das ist alles relevant, natürlich, aber der Bereich der Sinnfragen, der Auseinandersetzung der Person mit sich selbst ist auch enorm wichtig für ein gutes Leben im Alter. Es ist entscheidend beim Thema des lebenslangen Lernens tatsächlich zu schauen, was Lernen für ein langes Leben bedeutet.

Müsste es also in einer Gesellschaft des langen Lebens auch noch andere Angebote und Formen des lebenslangen Lernens geben?

Das wäre zumindest wünschenswert. Die abrupte Grenze zwischen Berufszeit und nachberuflicher Zeit aufzulösen und dafür Lernphasen, Berufsphasen und Auszeiten im Lebenslauf anders zu verteilen, hielte ich für absolut sinnvoll. Viele unserer Studierenden würden ja durchaus auch gerne noch weiterarbeiten oder zumindest teilweise. Von außen da eine Grenze zu setzen, ist nicht für alle das richtige.

Und nun die letzte Frage: Was haben Sie zuletzt Neues gelernt?

Im Grunde lernen wir ja ständig, ohne immer bewusst Notiz davon zu nehmen. Spontan fällt mir folgende Situation mit vielen Aha-Erlebnissen ein: Ich habe vor kurzem eine Vortragsreihe bei uns moderiert, bei der es um das Spätwerk von verschiedenen Kunstschaffenden ging. Besonders in Erinnerung ist mir der Vergleich der Alterswerke von Rubens und Rembrandt geblieben. Obwohl ich sonst kaum Berührungspunkte mit Kunstgeschichte habe, fand ich das sehr interessant und ich würde sagen, da habe ich zuletzt viel Neues gelernt.

Kontakt

Karin Haist
Stv. Leiterin im Haus im Park
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Presse

Andrea Bayerlein
Fokusthemenmanagement
Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

to top