X

»Ich gebe niemals auf«

Humayra Bakhtiyar ist Journalistin, kommt aus Tadschikistan und lebt seit zwei Jahren im deutschen Exil. Durch regimekritische Recherchen in Ihrer Heimat kam sie ins Visier des tadschikischen Geheimdienstes. Sie wurde mehrfach von Sicherheitsdiensten befragt, ihr Telefon wurde abgehört, ihr Facebook Account gehackt. Nachdem im März 2015 der im türkischen Exil lebende Regierungskritiker Umarali Quvvatov von Unbekannten in Istanbul auf offener Straße erschossen wurde, einen Tag nachdem Humayra Bakhtiyar ein Telefoninterview mit ihm geführt hatte, fürchtete die Journalistin auch um ihr eigenes Leben.  Sie entschied sich, ihr Land zu verlassen. Dank eines Stipendiums der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte lebt sie seitdem in Hamburg. Am 11. Februar ist sie zu Gast in der Veranstaltungsreihe »Stimmen der Freiheit«. Agata Klaus, Körber-Stiftung,  hat sie vorab zum Interview getroffen.

Der Weg ins Exil wird häufig als entbehrungsreich und als Verlust empfunden. Wie ist es Ihnen ergangen?

Das Exil überschattete mein Leben zunächst mit sehr viel Schmerz, Stress, Ängsten, Problemen und Konflikten. Irgendwann musste ich natürlich die Entscheidung treffen und dem neuen Land, in dem ich nun lebte, eine Chance zu geben. Aber am Anfang fiel es mir sehr schwer, das zu akzeptieren.

Also richten Sie den Blick schon nach vorne?

Ich will das kurz erläutern: Zunächst habe ich mein Englisch aufgebessert, da ich dachte, dass ich davon nach meiner Rückkehr nach Tadschikistan am meisten profitieren könnte. Ich bin jeden Morgen aufgewacht und habe fest daran geglaubt, dass ich zurückkehren werde. Vielleicht dieses Jahr, diesen Monat, vielleicht nächsten Monat, vielleicht nächstes Jahr. Irgendwann habe ich gemerkt, dass diese Gedanken mich zurückgezogen haben. Ich bin nicht vorangekommen, habe nicht nach vorne schauen können. Als ich das realisiert habe, habe ich angefangen, meine Situation zu akzeptieren. Als dann mein Stipendium zu Ende ging, musste ich eine konkrete Entscheidung treffen.

Wie sah die aus?

Ich habe mich dafür entschieden, für die nächsten fünf Jahre hier im Exil zu bleiben, da die Situation in meiner Heimat sich nicht verbessert hat. Wenn man einen guten Job hat, wenn man etwas hat, an das man glaubt und ein Publikum, das einem zuhört, dann hat man das Gefühl, wirklich etwas richtig zu machen. Das Positive daran, dass ich nun weiß, dass ich erstmal in Deutschland bleibe, ist, dass ich nun Deutsch lernen muss. Das ist eine große Chance für mich. Ich fange nun wieder an, über meine Zukunft nachzudenken. Das ist ein gutes Zeichen. Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich mit der Vorstellung zu identifizieren, dass ich im Exil bleiben werde. Auch deshalb, weil meine Familie mich immer wieder fragt, wann ich zurückkehren werde.

Was antworten Sie ihnen?

Am Anfang hatte ich gar keine Antwort. Inzwischen sage ich, kommt ihr mich doch besuchen. Ich spreche mittlerweile nicht mehr über meine Pläne. Ich sage nur, ich weiß es nicht. Ich werde nicht nach Tadschikistan zurückkehren, selbst wenn die Situation sich ändert, denn ich sehe meine Zukunft jetzt in Deutschland. Am Anfang hatte ich solche Angst, wenn ich über meine Zukunft nachgedacht habe, weil ich nicht wusste, wie ich hier am Leben bleiben sollte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, nicht wieder in meinem Job zu arbeiten. Ich hatte Angst, mich selbst zu verlieren. Jetzt schaue ich selbstbewusst nach vorne. Ich muss es tun, ich muss lernen und alle Chancen nutzen, die mir gegeben werden. Ich weiß, dass wenn mir etwas nicht sofort gelingt, ich noch mehr kämpfen muss.

Wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?

Wissen Sie, ich habe während meines ersten Jahres in Hamburg viele tolle Erfahrungen machen dürfen. Ich habe vor Hunderten Schülern im Hamburger Rathaus geredet. Ich war als Beobachterin bei den US-Wahlen, immer wieder beim OSZE-Beauftragten für die Freiheit der Medien in Wien und bei den Treffen der tadschikischen Journalisten im europäischen Exil.

Sie wollen also weitermachen?

Ich hoffe, neue Erfahrungen in meinem Job als Journalistin machen zu können. Denn ich liebe meine Arbeit. Alles in meinem Leben dreht sich darum. Ich habe mal ein kurzes Praktikum bei der Deutschen Welle gemacht. Es wäre schön, bald wieder die Chance zu bekommen, in deutschen Medien neue Kenntnisse sammeln zu können. Das wäre das Beste, was mir passieren könnte.

Exil bedeutet »in der Fremde weilend«. Sehen Sie sich so?

Manchmal fühle ich mich als Fremde hier, dann habe ich das Gefühl, ich bin noch nicht angekommen. Das liegt auch daran, dass ich oft auf die Hilfe anderer angewiesen bin. Zum Beispiel unterstützt mich die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte bei allen bürokratischen Belangen, ohne sie hätte ich keine Wohnung gefunden. Für die Unterstützung bin ich sehr dankbar und ich frage ich mich immer, wird irgendwann eine Zeit kommen, in der ich alles weiß, was ich für das Leben hier brauche? In der ich niemanden mehr um Hilfe bitten muss? Deshalb fühle ich mich immer noch fremd in der deutschen Gesellschaft.

Worin besteht für Sie der größte Unterschied zwischen Deutschland und Ihrem Heimatland?

In Tadschikistan habe ich mit meiner Familie zusammengewohnt. Anders als in Deutschland, ist das in unserer Gesellschaft normal: Wir wohnen alle zusammen. Früher war dieses soziale Gefüge der Inbegriff von für mich. Wir sind alle morgens rausgegangen, waren arbeiten, hatten unterschiedliche Jobs und unterschiedliche Meinungen. Aber wenn wir abends nach Hause kamen, dann waren wir eine Gemeinschaft. Wir haben uns umeinander gekümmert, waren füreinander da. Später, als die Probleme anfingen, habe ich nicht mehr bei meinen Eltern, sondern bei Freunden gewohnt. In der Zeit habe ich gelernt, dass Heimat noch mehr bedeuten kann, nämlich Sicherheit.  Dann kam ich hierher und hatte natürlich Sicherheit, aber ich war einsam. Da habe ich noch eine andere Art von Heimat kennengelernt: Ich habe gelernt, mir selbst eine Heimat zu sein. Wer ich bin, wurde für mich zum neuen Zuhause.

Wie schaffen Sie es, trotz der schwierigen Situation, in der Sie leben, sich immer wieder zu motivieren?

Ich gebe niemals auf. Als die Regierung anfing, uns unter Druck zu setzen, haben viele Journalisten darüber nachgedacht, aufzuhören oder einen Schritt zurückzutreten. Aber ich habe immer meine Linie verfolgt und gesagt, dass wir vorangehen müssen. Dass wir nicht klein beigeben dürfen, sondern kämpfen müssen. Diese Einstellung hat mich zu meiner Situation im Exil geführt, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Job, nur für meine eigene Sicherheit. Aber ich gebe nicht, an meine Werte zu glauben. Dies ist nicht die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin. Kann ich jemals wieder in meinem Job arbeiten? Kann ich hier überhaupt jemals arbeiten? Manchmal merke ich, dass ich keine guten Sätze mehr formulieren kann und dann setze ich mich unter Druck. Wenn ich nicht schreiben kann, was ich will, dann habe ich ein sehr ernstes Problem. Aber ich muss stark bleiben, stark sein.

Können Sie aus dem Exil heraus Einfluss nehmen auf das Geschehen in Tadschikistan?

Ja, auf jeden Fall! Ich denke immer noch, dass ich und meine Kollegen, die nach wie vor in Tadschikistan kämpfen, etwas bewirken können. Es ist sehr wichtig für mich, einen neuen Weg zu finden, von hier aus Einfluss auszuüben. Ich habe zum Beispiel herausgefunden, dass Tadschikistan von internationalen Finanzgebern abhängig ist. Europa und insbesondere Deutschland investieren sehr viel Geld in Projekte, die eigentlich die Demokratie ausbauen sollen, sich für Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gendergerechtigkeit und ähnliche Themen einsetzen. Aber das Geld aus dem Ausland wird von der korrupten Regierung für andere Dinge genutzt. Meine Idee ist, darüber zu schreiben und die Leute zu informieren. Ihr Geld wird falsch eingesetzt in unserem Land. Ich kann die Menschen in Europa und in Deutschland informieren, was mit ihrem Geld in Tadschikistan passiert und warum viele Menschen dort das Land verlassen. Auf die Art kann ich meine Arbeit hier machen und gleichzeitig etwas für mein Land tun.  So kann ich mein Leben hier mit meinem Leben in Tadschikistan verbinden. 

zum Video: Regimekritik als Wagnis. Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, der Weichmann-Stiftung und der Süddeutschen Zeitung.

 

Kontakt

Körber-Stiftung
Neues Leben im Exil
Kehrwieder 12
20457 Hamburg
Telefon +49 · 40 · 80 81 92 - 177
Instagram gesichterdesexils
Twitter @KoerberLBG

Andrea Bayerlein
Fokusthemenmanagement
Handlungsfeld »Lebendige Bürgergesellschaft«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de

Susanne Kutz
Leitung Bereich Alter und Demografie
Leitung Haus im Park der Körber-Stiftung

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 36
E-Mail kutz@koerber-stiftung.de

Sven Tetzlaff
Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 144
E-Mail tetzlaff@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

to top