Selbst die Vergangenheit hört nicht auf, vergangen zu sein!

Aref Hamza ist ein kurdisch-syrischer Rechtsanwalt, Journalist und Autor. In Syrien setzte er sich für Menschenrechtsbelange ein und erfuhr dadurch starke Repressalien. Seit 2014 lebt er in Buchholz in der Nordheide. Am 27. März 2019 war Aref Hamza in der Veranstaltung »Selbst den Staub vermisse ich» gemeinsam mit der Literaturkritikerin Claudia Kramatschek und der Schauspielerin Katharina Schütz im KörberForum zu Gast und trug u.a. Gedichte aus seinem neuen Band »Du bist nicht allein« vor. In knapper, klarer Sprache erschafft Hamza in seinen Texten ausdrucksstarke und eindringliche Bilder zu seinen Erlebnissen im Krieg in Syrien, der Flucht und dem Exil. Direkt, emotional, präzise, oder gar ironisch hält die Lyrik den Leser gebannt und es fällt schwer, sich diesen Bildern zu entziehen. Mit Hilary Schmalbach, Körber-Stiftung, sprach er über seine Situation im Exil in Norddeutschland.

Sie leben seit 2014 in Deutschland. Wie kam es dazu, dass Sie Syrien verlassen mussten?

Ich habe fünfzehn Jahre als Rechtsanwalt für Menschenrechtsangelegenheiten gearbeitet. Das allein gleicht in Syrien einem Skandal. Sich für Menschenrechte in Syrien einzusetzen ist ein Tabu. Bis heute verstehe ich diese Haltung nicht. Während meines Studiums an der Universität in Aleppo fragte ich meinen Professor, wieso es kein juristisches Lehrbuch zu Menschenrechten gibt und er sagte, dass er sich nicht dafür interessiere. Wegen meiner Einstellung und meines Einsatzes für die Belange von Menschenrechten habe ich im Zeitraum von 2008 bis 2011 vom diktatorischen, syrischen Regime keinen Reisepass ausgestellt bekommen. Da ich mich nicht ausweisen konnte, konnte ich nicht reisen oder das Land verlassen. 2013 bin ich von Syrien in die Türkei geflohen – im Juni 2014 bin ich in Deutschland angekommen.

Der Aufbruch ins Exil ist zumeist mit Entbehrungen und Verlust verbunden. Wie haben Sie dies empfunden?

Wegen der Schwierigkeiten, die ich in Syrien hatte, habe ich mit meiner Frau darüber gesprochen, ob wir Syrien verlassen sollten – sie stimmte nach einigen Überlegungen zu. Zunächst bin ich ohne meine Familie gereist; aber es ist sehr schwer seine Familie zurückzulassen. Ich habe zwei kleine Kinder und sie hatten immer Angst. Für mich ist es leichter ohne Strom, ohne Wasser und andere Dinge zu leben, als für die Kinder. Mittlerweile ist fast meine ganze Familie – außer einem Bruder – nicht mehr in Syrien. Auch Freunde und Verwandte leben nun weit verstreut in anderen Ländern wie England, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland. Die Familie meiner Frau ist in Syrien geblieben und das ist für sie nicht einfach. Die einzige Möglichkeit in Kontakt zu bleiben und miteinander zu sprechen, ist über das Internet. Meine Schwiegermutter bittet meine Frau immer wieder, nach Syrien zurückzukommen und die Familie zu besuchen. Meine Frau sagt dazu, dass sie sich auch sehr freuen würde, wenn man sich sehen könne. Aber nicht jetzt und nicht in Syrien.

Was bedeutet Heimat für Sie und Ihre Familie?

Heimat ist sehr wichtig, aber in Syrien waren die Bedingungen für mich und meine Familie nicht mehr lebenswert. Was ist Heimat, wenn man keine große Erinnerung daran hat, wie meine Kinder. Sie waren sechs und drei Jahre alt, als sie nach Deutschland kamen. Sie gehen in Deutschland zur Schule und möchten nun lieber hier sein und nicht in Syrien. Meine Kinder möchten sagen, dass Syrien ihre Heimat ist, aber nach drei bis vier Jahren in Deutschland ist die Verbindung zu Syrien nicht mehr so eng. Das Gefühl beheimatet zu sein, kann sich also ändern. Ich persönlich würde gerne irgendwann in meine Heimatstadt zurückkehren, aber der Zeitpunkt ist offen.

Fühlen Sie sich in Deutschland nun heimisch?

Als ich in Deutschland ankam, war ich zuerst in einem Grenzdurchgangslager in Friedland bei Göttingen untergebracht und dann wurde mir per Zufallsprinzip ein neuer Ort zugeteilt. Als mir die Beamtin mitteilte, dass ich Glück gehabt hätte und ich nun ins Paradies komme, fragte ich vorsichtig, wie dieses Paradies hieße. Buchholz, erwiderte die Dame. Es ist eine kleine Stadt in der Nähe von Hamburg, Bremen und Hannover und ich bin hier zufrieden. Meiner Frau und Kindern geht es dort auch gut. Sie haben viele Freunde gewonnen und haben Aufgaben, die sie bewältigen müssen.

Sie arbeiten nun in einer Buchhandlung. Wie sind Ihre Erfahrungen dort?

In Buchholz hatte ich die Chance, in der Buchhandlung Slawski über ein Praktikum eine Teilzeitstelle zu erhalten. Sich dort zurechtzufinden war zunächst aber nicht einfach. Ich konnte die Sprache nicht so gut und es war ja nicht irgendein Laden, sondern ein Geschäft für Kunden mit Interesse an Literatur. Man musste nicht nur mit den Kunden im Laden sprechen, sondern auch am Telefon Gespräche führen. Man merkt dann sehr schnell, dass manche Menschen die Buchstaben zu essen scheinen und dies macht das Verstehen schwierig. Deutsch lernen heißt, mit allen Sinnen lernen. Man muss die Ohren, die Augen und Lippen trainieren. Die Kunden einer Buchhandlung wollen sich über Buchinhalte austauschen. Sie suchen einen guten Roman, Erzählungen, Kurzgeschichten oder ein Gedichtband und wollen darüber sprechen. Dies ist eine Herausforderung, aber es freut mich auch, denn ich bin ja auch Journalist und Kritiker. Bisher konnte ich noch nicht so viel zeitgenössische deutsche Literatur empfehlen, aber ich arbeite daran. Es hilft mir aber, dass ich viele Klassiker der deutschen und französischen Literatur in der arabischen Übersetzung gelesen habe und in diesem Bereich auf einen Fundus zurückgreifen kann.

Buchholz ist ähnlich wie ihre Heimatstadt keine Großstadt. Machte das die Eingewöhnung leichter?

Mein Heimatort Al Hasakeh ist eine klein- bis mittelgroße Stadt im Nordosten Syriens in der Nähe der Türkei. Es war einst eine besondere Stadt, denn dort lebten Menschen verschiedener Konfessionen friedlich miteinander: Muslime, Christen, Juden, arabische und kurdische Jesiden. Es war immer spannend. Ich bin Muslim und kurdisch und 2012 erlebte ich, als ich für die syrisch-orthodoxe Kirche als Rechtsanwalt arbeitete, etwas Besonderes. Ich fragte den Pastor dort, ob er ein Problem damit habe, dass ich Muslim und kurdisch sei und er antwortete, dass er sich über die gemeinsame Arbeit mit einem Menschenrechtler und die Zusammenarbeit mit einem Muslim freue. Das finde ich eine schöne Aussage! Solch ein Gefühl der Anerkennung erfahre ich nun auch in meinem neuen Wohnort. Dort sagen einige Kunden nun zu mir, ich wäre ein Buchholzer. Es kann also gut sein, dass das Leben bzw. das Einleben in einer Kleinstadt leichter ist.

Können Sie aus dem Exil heraus Einfluss nehmen auf Syrien und sind Sie noch im Menschenrechtsbereich tätig?

Ich veröffentliche in Online-Magazinen Beiträge zu Menschenrechtsbelangen. Weiterhin habe ich ein Zertifikat als Trainer und kann mein Wissen über Menschenrechte an andere interessierte, oder betroffene Personen weitergeben. Ich möchte mich gerne weiter für Menschenrechte einsetzen. Dies ist nämlich wichtig für die Zukunft Syriens, wo immer wieder die Frage aufkommt. Was kommt nach Al Assad? Die einzige Antwort hierauf muss lauten: Das Gesetz und Menschenrechte. In Zukunft sollten das Gesetz, Menschenrechte oder eine Verfassung, die aus Menschenrechten besteht, der Präsident Syriens sein und kein Mensch.  Sich für Menschenrechte einzusetzen sollte in Syrien Normalität sein und kein Skandal. Jeder sollte wissen, welche Rechte es gibt und welche Rechte man hat.

Als Schriftsteller nimmt die Sprache bei Ihnen eine wichtige Rolle ein. In welcher Sprache fühlen Sie sich heimisch?

Das ist eine schwierige Frage. Meine Muttersprache ist kurdisch, aber diese Sprache ist in Syrien noch immer verboten. Seit dem 6. Lebensjahr habe ich arabisch lernen müssen. Daher schreibe ich nun auf Arabisch und nicht Kurdisch. Leider kann ich nicht auf Kurdisch schreiben. Obwohl Arabisch nicht meine Muttersprache ist, liebe ich diese Sprache sehr, denn sie bietet viele Ausdrucksmöglichkeiten. Ich mag es, mit dieser Sprache zu spielen. In der Schule sagte mein Lehrer von mir, dass ich im Vergleich zu meinen Mitschülern die arabische Sprache am besten beherrsche und dies obwohl ich Kurde bin. Der deutschen Sprache nähere ich mich an, indem ich Gedichte anderer Autoren wie Jan Wagner, Markus Orths und Rafik Schami ins Arabische übersetze. Es ist aber nicht mein Traum auf Deutsch zu schreiben. Aber wer weiß! Seit 35 Jahren schreibe ich auf Arabisch. Dazu zählen u.a. die Veröffentlichungen: Die Hände eines Bedürftigen Der Kanarienvogel, der vor zwei Tagen starb, Nahe der syrisch-orthodoxen Kirche und die kürzlich auf Deutsch erschienenen Anthologien Weg sein, hier sein, Deine Angst- Dein Paradies und der Gedichtband Du bist nicht allein. Vielleicht schreibe ich in 30 Jahren auf Deutsch. Aber jenseits der Sprachwahl hat das Schreiben hat für mich folgende Aufgaben: Zeugnis abzugeben und eigene Erfahrungen zu verarbeiten und zu überwinden.

Herr Hamza, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

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