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30 Jahre Tschernobyl

Was von Europas Katastrophe übrig ist (3/3)

Das Bundesamt für Strahlenschutz rechnet vor: »Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm hat eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Dies lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen. Wenn Wildbret oder wild wachsende Speisepilze in üblichen Mengen verzehrt werden, ist die zusätzliche Strahlenbelastung zwar vergleichsweise gering, aber vermeidbar. Wer seine persönliche Belastung verringern möchte, sollte auf den Genuss selbst erlegten Wildes und selbst gesammelter Pilze verzichten.«

In Deutschland ist nicht viel übrig von der Urkatastrophe der Kernenergie. In Finnland untersuchten Wissenschaftler Krebsfälle, sie vermuteten, dass Dickdarm-Krebs bei Frauen häufiger vorkommt, wenn sie der Strahlung aus Tschernobyl ausgesetzt waren. Für alle anderen Krebsarten fanden sie keinen Zusammenhang. Finnland, Schweden und Litauen gehören zu den Ländern, in denen noch immer verseuchtes Fleisch gefunden wird.

Österreich hatte »meteorologisches Pech«, sagt die Wiener Stadträtin Ulli Sima, als sie gemeinsam mit Wissenschaftlern und Behördenvertretern die aktuelle Fassung der Torch-Studie vorstellte: »The other report on Chernobyl«. Bis zu 2000 Menschen sollen in Österreich an den Folgen des Unfalls gestorben sein. Schuld war Jod 131, weil es mit seiner Halbwertszeit von 8,02 Tagen so schnell verschwunden war. Doch Kinder nahmen es mit der Milch auf, es lagerte sich in ihren Schilddrüsen ab. Ungewöhnlich viele erlagen Krebserkrankungen, die sich radioaktiver Strahlung zuordnen lassen. In 50 Jahren könnten es bis zu 40.000 Tote sein, schätzt der britische Radiologe Ian Fairlie.

Jobs in der Zone

30 Jahre nach der Katastrophe ist es noch immer das Kernkraftwerk Tschernobyl, das den Menschen in der Region Arbeit gibt. Ein neuer Sarkophag soll die Umgebung schützen, falls der alte einstürzt. Zwei Wochen dauern die Schichten der Arbeiter, dann haben sie zwei Wochen frei. Ein Krebsrisiko besteht noch immer, auch wenn es gering ist.

Doch der Bau dauert lange, immer wieder gibt es Verzögerungen, technische Probleme, falsche Berechnungen. Im Jahr 2017 soll es endlich so weit sein. 108 Meter hoch, 162 Meter lang und 257 Meter breit werden sich zwei gigantische Röhren erheben, die dann zu dem neuen Schutzschild zusammen geschoben werden. 100 Jahre ist dann Zeit, um den Reaktor abzubauen – und es wird einige Jahrzehnte dauern.

Mehr als zwei Milliarden Euro kostet das Projekt, das Europa vor einem neuen Gau schützen soll. Danach folgen die Betriebskosten. Denn bräche die Schutzhülle zusammen, könnten Gase, Staub und Strahlung den Kontinent erneut verseuchen.

Um die Baustelle herum leben Elche, Rehe, Wildschweine, berichtet der Umweltwissenschaftler J.T. Smith. Mit seinen Kollegen hat er Säugetiere und Wasserinsekten beobachtet. Sie tummeln sich genauso, wie man es in einem von Menschen verlassenen Land erwartet. Einige Vogelarten sollen sogar größer und stärker sein als zuvor, in ihrem Blut finden sich schützende Antioxidanzien.

Vor allem in den Wäldern hält sich das radioaktive Element. Wald gilt als »radioaktive Senke«: Bäume nehmen die Strahlung auf, leiten sie in den Boden und verhindern so ein Ausbreiten. Wölfe weisen erhöhte Strahlenwerte auf, Spinnen weben deformierte Netze.

Doch die Natur passt sich an. »Auf die Populationen hat die Strahlung keinen Einfluss mehr«, erzählt Smith. Zwar könnte die Reproduktionsfähigkeit einiger Tiere eingeschränkt sein, doch dafür fehlt der negative Einfluss belebter Städte. Allerdings: »Einige Tiere sind ein wenig asymmetrisch.«

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