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Aserbaidschan: zwischen Tradition und Moderne

Aserbaidschan ist wild und glamourös gleichzeitig. Am 18. Oktober 1991 erklärte das Land seine Unabhängigkeit von der UdSSR. 25 Jahre später sind die Spuren des Kommunismus immer noch zu sehen. Die Hauptstadt Baku wirkt zumindest äußerlich sehr modern. Unterm Strich kritisieren Beobachter aber immer wieder Korruption und die Missachtung der Menschenrechte im Land.

Voller Stolz mischt die Kaukasusrepublik Aserbaidschan in der Welt mit. Richtung Westen, in Europa, gibt es den Öl-Prinzen. Richtung Osten, in Russland, ist es auf gute Nachbarschaft bedacht. Das Land umfasst 86.600 Quadratkilometer, ist also kaum größer als Österreich. Es teilt sich Grenzen mit Russland, Georgien, Armenien und dem Iran. Durch die Autonome Republik Nachitschewan, eine aserbaidschanische Exklave, gibt es zudem eine gemeinsame Grenze mit der Türkei.

 

9,6 Millionen Menschen leben in Aserbaidschan. Die Mehrzahl gehört dem schiitischen Islam an – eine Besonderheit, die Aserbaidschan nur mit Ländern wie dem Iran, Irak und Bahrain teilt. Das Land sitzt im Europarat, hat einen Beobachterstatus in der Welthandelsorganisation inne und nimmt auch über andere Institutionen am internationalen Geschehen teil (UNESCO, Weltbank, Internationaler Währungsfonds). Dass der kleine Staat am Kaspischen Meer regelmäßig Kritik von seinen westlichen Partnern einstecken muss, ficht die politische Führungsriege allerdings nicht an.

Korruption, Missachtung der Menschenrechte und der schwelende Konflikt um die armenisch besetzte Region Berg-Karabach gelten als besondere Probleme in Aserbaidschan, das seit dem 18. Oktober 1991 von der Sowjetunion unabhängig ist. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International landete Aserbaidschan 2015 auf Platz 119 von 168. Der langjährige Präsident Ilham Alijew müht sich indes nach Kräften um das Image eines funktionierenden, demokratischen Staates.

Dazu gehörte etwa, dass die Hauptstadt Baku 2012 den Eurovision Song Contest austrug und sich von ihrer glanzvollsten Seite zeigte. Gleichwohl ging der Plan nicht ganz auf: Die internationale Gemeinschaft blickte im Vorfeld der Veranstaltung verstärkt auf das Land und übte Kritik an den unverändert bestehenden Problemen. Mit den immensen Erdöl- und Erdgasvorkommen des Landes versucht Alijew eine enge Anknüpfung an den Westen, etwa mit dem Gas-Pipeline-Projekt Trans-Adria-Pipeline (TAP), das von Aserbaidschan über die Türkei und Georgien bis nach Griechenland führen soll. Westliche Politiker erhoffen sich damit, energiepolitisch von Russland unabhängig zu werden. Ob dieser Plan aufgeht, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. 2020 soll die erste Lieferung kommen.

Politisches System

Ilham Alijew ist seit 2003 Präsident Aserbaidschans. Laut dem offiziellen Wahlergebnis stimmten 80 Prozent der Wahlberechtigten für Alijew, der der Partei »Neues Aserbaidschan« angehört. Er löste seinen zuvor verstorbenen Vater Heydar Alijew im Amt ab. Alijew senior hatte das Land zehn Jahre lang geführt. Aserbaidschan verfügt über ein präsidiales System mit einem Ein-Kammer-Parlament, der Nationalversammlung. 125 Abgeordnete sitzen hier für eine Legislaturperiode von fünf Jahren, gewählt nach einem Mehrheitswahlrecht. Die letzten Parlamentswahlen fanden am 1. November 2015 statt.

Zwar existiert auch eine Opposition wie die »Aserbaidschanische Hoffnungspartei«, die Kommunisten und die sogenannte »Gleichheitspartei«. Aber sämtliche Vorwürfe der Opposition, die letzten Wahlen seien gefälscht worden, verhallten ohne Konsequenzen – auch als die internationalen Wahlbeobachter von der OSZE sich einschalteten (lesen Sie hier mehr zur Arbeit der OSZE). Beobachter kritisieren, dass die Menschen kaum Zugang zu freien Medien hätten. Zeitungen und Fernsehsender sind in der Hand oder unter Kontrolle der Regierung.

Vom Ausland unterstützte Nichtregierungsorganisationen werden in ihrer Arbeit eingeschränkt, indem sie Probleme bei der Registrierung bekommen und um finanzielle Hilfen ringen müssen. Unliebsame Journalisten und Medien werden verfolgt, so wie die bekannte Investigativjournalistin Chadidscha Ismailowa. Sie hatte das Büro des US-Senders Radio Free Europe/Radio Liberty in Baku geleitet und wurde wegen »wirtschaftlicher Delikte« zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Im Frühjahr 2016 wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Um nicht vor Gericht zu landen, zensieren sich viele Medienvertreter und Blogger selbst.

Als »Brücke zwischen Europa und Asien« kommt Aserbaidschan eine besondere Aufmerksamkeit zu. Im Frühjahr 2016 entflammte der Konflikt um die armenisch besetzte Region Berg-Karabach erneut, es gab Dutzende Tote – es waren die schlimmsten Auseinandersetzungen seit 20 Jahren. Seither haben sich Armenien und Aserbaidschan auf eine Waffenruhe verständigt, auch wenn die aserbaidschanische Führung immer wieder droht, das Gebiet militärisch zurückzuerobern. Der Konflikt um die 4400 Quadratkilometer große Bergregion im Südosten des Kaukasus besteht seit knapp 30 Jahren. Berg-Karabach wird vornehmlich von christlichen Armeniern bewohnt.

Der Konflikt strahlt auch auf die Beziehungen zu Aserbaidschans Nachbarn aus, denn die Türkei etwa betrachtet sich wegen gemeinsamer Geschichte, Sprache und Kultur als natürlichen Bündnispartner Bakus. Russland dagegen gilt traditionell als Schutzmacht des benachbarten Armenien. Zur aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan führt der einzige Landweg wegen des Konflikts über iranisches Territorium, weshalb Baku sich um gute Nachbarschaft mit dem Iran bemüht. Gleichzeitig haben auch die EU und die USA ein großes geostrategisches Interesse an dem Land. Es ist eine schwierige Gemengelage, mit Aserbaidschan in der Mitte.

Staatschef Ilham Alijew wirbt auf eine Weise für sein Land, die unter Korruptionsexperten als »Kaviar-Diplomatie« bezeichnet wird: Internationale Politiker und Unternehmer reisen auf Staatskosten nach Aserbaidschan und lassen sich mit teuren Geschenken belohnen. Auf der Lobbyisten-Liste Bakus stehen auch Abgeordnete des Deutschen Bundestags, wie die Europäische Stabilitätsinitiative (ESI) herausfand.

Wirtschaft

Die Erdöl- und Erdgasvorkommen sind Aserbaidschans wichtigste Wirtschaftssäule. Schon im Mittelalter nutzten die Menschen das vorhandene Erdöl. Russische Kolonialherren setzten sich Ende des 19. Jahrhunderts für eine massive Förderung der Bodenschätze ein und trugen so maßgeblich zur Industrialisierung des Landes bei. Der Wohlstand wuchs, ganze Städte entstanden rund um die Förderanlagen – so wie die weltweit erste Offshore-Ölplattform Neft Daslari im Kaspischen Meer, auf der rund 5000 Menschen leben.

 

 

 

Bis heute wächst die aserbaidschanische Wirtschaft jedes Jahr, zuletzt um 1,1 Prozent im Jahr 2015, bedingt durch die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen. 67 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wurden 2005 von der Ölindustrie erwirtschaftet. Inzwischen ist auch in Baku die Ölpreiskrise deutlich zu spüren. Wurden 2010 50 Millionen Tonnen Öl gefördert, waren es 2015 nur noch 41,6 Millionen Tonnen. Für 2016 erwartet die Europäische Bank für Aufbau und Entwicklung (EBRD) einen BIP-Rückgang von drei Prozent. Über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline fließt das Öl seit 2006 Richtung Westen in die Türkei.

Ähnliches plant das Land nun mit dem Erdgas: 2016 beschlossen Baku und die Partnerländer den Bau der Trans-Adria-Pipeline (TAP), die ab 2020 Gas nach Europa bringen soll. Sie ist Teil des sogenannten »Südlichen Korridors«, zu dem auch die Trans-Anatolische Pipeline (TANAP) gehört. Ziel ist es, dadurch Europas Rohstoffabhängigkeit von Russland zu reduzieren. Gegen einen Abschnitt des Korridors, der von Turkmenistan bis Aserbaidschan reicht, haben Russland und Iran protestiert. Grund: Der rechtliche Status des Kaspischen Meeres sei nicht geklärt. Insgesamt soll Aserbaidschan über Erdölvorkommen von zwei Milliarden Tonnen und 2550 Milliarden Kubikmeter Erdgas verfügen.

Über dem Geschäft mit den fossilen Brennstoffen hat Aserbaidschan die industrielle und die landwirtschaftliche Produktion vernachlässigt. Ein Drittel der Bürger arbeitet in der Landwirtschaft, doch bislang werden nur fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesem Sektor erwirtschaftet. Beobachter halten es daher für Aserbaidschans größte Aufgabe, die Wirtschaft breiter aufzustellen.

Tourismus

»Land des Feuers« nennt sich Aserbaidschan gern in Werbeanzeigen, wegen des Erdöls. Die Republik ist landschaftlich extrem vielseitig und bietet vor allem all jenen viel, die gern draußen sind. Im subtropischen Klima wachsen Mandarinen, Bananen und Granatäpfel. Das Land bietet zudem in den Bergen des Kaukasus alpines Klima und wüstenähnliche Zustände auf der Abseron-Halbinsel.

In speziellen Kuranlagen kann man sich mit dem sogenannten Naftalan-Öl behandeln lassen, das schon Marco Polo eine Erwähnung wert war. Wer möchte, nimmt ein Bad in diesem speziellen Erdöl, dem eine desinfizierende und gefäßerweiternde Wirkung nachgesagt wird. Manche Forscher warnen allerdings vor möglichen krebserregenden Inhaltsstoffen des Öls.

Zu den Besonderheiten des Landes gehören auch die Schlammvulkane, deren regelmäßige Ausbrüche mit viel Krach einhergehen. Einer von ihnen hat es ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Rings um knapp zwei Dutzend von ihnen sind in den vergangenen Jahren Nationalparks entstanden.

Die Hauptstadt Baku ist das Aushängeschild des Landes. Hier schlängeln sich moderne Boulevards, imposante Glasfassaden prägen das Stadtbild. Mag man sich andernorts im Land noch an die sowjetischen Zeiten erinnert fühlen, so ist Baku das Gegenstück dazu. Die Prachtstraße am Hafen soll in den kommenden Jahren auf 15 Kilometer Länge ausgebaut werden. Im Kontrast dazu steht die historische Altstadt, die seit dem Jahr 2000 den Titel des UNESCO-Welterbes trägt.

Kulinarisches

»Nush Olsun!« heißt »Guten Appetit!«. In ihren Grundzügen hat die aserbaidschanische Küche viel mit anderen Ländern des Kaukasus gemeinsam. Mit Reis oder Kohl gefüllte Weinblätter (Dolma), mit Hackfleisch gefüllte Tomaten oder Auberginen und Gewürze wie Safran, Koriander und Nelken sind typisch. Häufig geben die Köche getrocknete Früchte zu ihren Gerichten. Wer mag, taucht seine Teigtaschen oder Dolmas noch in Joghurt-Minz-Saucen und Auberginen-Chutneys.

Tradition und Kultur

Knapp 92 Prozent der Bürger bezeichnen sich als Aserbaidschaner. Weitere Volksgruppen sind unter anderem Lesgier, Russen, Talyschen, Awaren und Türken. Insgesamt leben 18 Minderheiten in Aserbaidschan. Dazu zählen auch die Armenier, aber seit der Eskalation um die Berg-Karabach-Region sind die meisten von ihnen vertrieben worden. Als schiitisch geprägtes Land feiert Aserbaidschan im großen Stil den Fastenmonat Ramadan, wenn auch viele Aserbaidschaner seit der sowjetischen Zeit im Alltag kaum noch ihren islamischen Glauben ausüben.

Sprachlich ist das Land eng mit der Türkei verbunden – auch Aserbaidschanisch gehört zu den sogenannten Turksprachen. Im Dezember 1992 hat die Regierung in Baku die lateinische Schrift eingeführt. Zuvor, unter dem Moskauer Einfluss, war das kyrillische Schriftsystem benutzt worden. Weitere 14 Sprachen werden von den ethnischen Minderheiten im Land gesprochen.

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