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Das Schicksal der Kornkammer

Die Ukraine galt einst als Vorzeigeregion der Sowjetunion: landwirtschaftlich reich, vorbildlich im Bergbau. Doch seit ihrer Unabhängigkeit 1991 nähert sie sich mit Handel und Politik dem Westen an, sehr zum Ärger Moskaus. Denn die Geschichte der beiden ist kompliziert – trotz allem verbindet sie sehr viel.

Seit dem Beginn des Konflikts in der Ostukraine und der Annexion der Krim durch Russland, blickt die ganze Welt wieder auf das große Land am Rande Europas. Dabei war es nach der Unabhängigkeit fast ein wenig ruhig geworden um die Ukraine. Innenpolitisch gab es Bestrebungen, Korruption und sozialen Missständen Einhalt zu gebieten und die engen wirtschaftlichen Verflechtungen mit Russland zu lösen. Und außenpolitisch schien sich das Land Schritt für Schritt seinen Platz zu erkämpfen. Je nach Regierung schloss die Ukraine Verträge, die sie näher an Russland oder Europa banden. Vielleicht war klar, dass es sich zwischen beiden irgendwann würde entscheiden müssen. Vielleicht hätte man vorhersehen können, dass die Ukraine nicht von Jetzt auf Gleich wirklich unabhängig sein würde.

 

Das Land hat beeindruckende Maße: Es ist 603.700 Quadratkilometer groß, wovon knapp 27.000 auf die Halbinsel Krim und die Stadt Sewastopol entfallen. 45 Millionen Menschen leben in der Ukraine (einschließlich der Krim), 2,9 davon in der Hauptstadt Kiew. Das macht eine durchschnittliche Bevölkerungsdichte von nicht mehr als 71 Menschen pro Quadratkilometer aus. Viel Platz, den die Menschen bis heute größtenteils für die Landwirtschaft nutzen, zumal sie von der fruchtbaren Schwarzerde profitieren. So ist die Ukraine denn auch zu ihrem Beinamen gekommen: die Kornkammer, die Ukraine als Versorgerin der Sowjetunion. Nationalpflanze ist die Sonnenblume.

Umso tragischer, dass in diesem an Lebensmitteln reichen Land in den Jahren 1932 und 1933 Millionen Ukrainer vor Hunger ums Leben kamen. Die Hungerkatastrophe ging unter dem Namen »Holodomor« (Hungertod) in die Geschichte ein. Wie viele Menschen dabei starben, ist nicht endgültig belegt. Die Schätzungen variieren von 2,4 bis 14,5 Millionen, wobei letzteres die Folgen der Hungersnot (etwa Geburtenrückgänge) mit einrechnet. Bis heute wird über die Ursachen gestritten: Entstand die Katastrophe durch die unerbittlichen kommunistischen Zwangskollektivierungen und -abgaben, die auch bei schlechter Ernte sehr hoch waren? Oder waren Missernten dafür verantwortlich? Die Ukraine will seit einigen Jahren, dass der Holodomor als Völkermord bezeichnet wird. Dagegen wehrt sich Russland.

 

In Teilen des Landes, wie dem Donbass, haben sich zu Zeiten der Sowjetunion Zentren der Schwerindustrie entwickelt. Dort florierte auch der Bergbau, der noch vor den kommunistischen Zeiten einen besonderen Stellenwert erlangte und stolze Bergleute hervorbrachte, die später einen mutigen Streik anzetteln würden.

Zu trauriger Berühmtheit gelangte die Ukraine als Schauplatz des schlimmsten Einzelmassakers im Zweiten Weltkrieg, als in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew Ende September 1941 mehr als 33.000 Juden von der SS und der deutschen Wehrmacht erschossen wurden. Während die meisten der 220.000 jüdischen Bewohner Kiews geflüchtet waren oder sich der Roten Armee angeschlossen hatten, harrten 50.000 noch in der Stadt aus, darunter vor allem ältere Männer, Frauen und Kinder. Unter dem Vorwand, sie umsiedeln zu wollen, ließen die Nationalsozialisten sie zum Bahnhof kommen, mit warmer Kleidung, Papieren und Wertgegenständen. Viele folgten dem Aufruf. Gruppenweise wurden sie dann in die "Weiberschlucht" geführt, mussten sich ausziehen und wurden erschossen. Nur wenige Juden überlebten das Massaker, darunter Dina Pronitschewa, die später vor einem sowjetischen Militärtribunal aussagte.

Politisches System

An der Spitze der Ukraine steht der Präsident, und das ist seit dem 7. Juni 2014 Petro Poroschenko. Das Land hat sich republikanischen, rechtsstaatlichen und demokratischen Grundsätzen verschrieben, es gilt ein semipräsidentielles System. Die Regierung wird derzeit von Ministerpräsident Wolodymyr Hrojsman geleitet. Das Ein-Kammer-Parlament, die Werchowna Rada, hat 450 Sitze. Seine Abgeordneten werden für fünf Jahre gewählt. Auch die Amtszeit des Präsidenten beträgt fünf Jahre. Mehr als zweimal nacheinander darf er das Amt nicht bekleiden. Am 24. August 1991 hat sich die Ukraine von der Sowjetunion unabhängig erklärt, dieser Tag wurde zum Nationalfeiertag. Fünf Jahre später wurde eine eigene Verfassung verabschiedet, die bis heute gültig ist. Über Teile der Verfassung wie etwa die weitreichenden Befugnisse des Präsidenten ist seither immer wieder Streit ausgebrochen. Die Ukraine ist verwaltungstechnisch in 24 Oblaste (Bezirke), eine Autonome Republik (Krim) und zwei Städte mit Sonderstatus (Kiew und Sewastopol) unterteilt, wird aber zentralistisch aus der Hauptstadt regiert.

 

Außenpolitisch hat sich die Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit schrittweise an Europa angenähert. Sie ist verschiedenen westlichen Bündnissen wie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der Welthandelsorganisation (WTO) und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beigetreten. Die Europäische Union wiederum sucht die Nähe zu Kiew in Form der »Nachbarschaftspolitik«, die unter anderem Handelshemmnisse abbauen und Visa-Hürden reduzieren soll. Ein Beitritt zur EU steht angesichts der politisch heiklen Lage in der Ukraine derzeit nicht zur Debatte. Der Konflikt in der Ostukraine soll mithilfe der Verträge von Minsk unter Kontrolle gebracht werden, doch die zugesagten Zugeständnisse lassen auf beiden Seiten auf sich warten. (Mehr über die Entwicklung des Ukraine-Konfliktes erfahren Sie hier in unserer Timeline.

Wirtschaft

Die Hrywnja (gesprochen: Griwna) ist seit 1996 die offizielle Währung der Ukraine (1 Euro = 27,02 Hrywnja). Das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner beträgt knapp 4.000 US-Dollar. Dabei diversifiziert sich die Wirtschaft: Vor allem Banken und die IT-Branche sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Trotzdem steht die Ukraine vor einigen Herausforderungen. Zum einen ist es ihr nach dem Ende des Kommunismus wie vielen Staaten des früheren Ostblocks gegangen: Die Produktion brach zusammen, Hyperinflation folgte und das BIP ließ dramatisch nach. 1993 starteten die Bergarbeiter im Südosten einen unbefristeten Streik, um die Verbesserung ihrer Lebenssituation zu erzwingen. In den 1950ern hatten sie noch als die »Garde der Arbeiterschaft« gegolten. In ihrer Not fühlten sie sich nun von der Politik vergessen und gedemütigt.

Zum anderen stellte sich heraus, dass die Atomkatastrophe von Tschernobyl (26. April 1986) schwerere Auswirkungen hatte als zunächst angenommen. Anfang der Neunzigerjahre entfielen noch jedes Jahr über 20 Prozent des Staatshaushalts auf die Beseitigung der Schäden. Wegen der radioaktiv verseuchten Böden können mehrere Hunderttausend Hektar Wald und Land nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden. Hinzu kommt, dass Konsumenten im Ausland wegen der Nuklearkatastrophe Vorbehalte gegen Obst und Gemüse aus der Ukraine haben.

Ein weiteres Problem ist die Energiesucht der Ukraine. Kaum ein anderes europäisches Land hat einen derart hohen Bedarf an fossilen Brennstoffen. Kiew importiert einen großen Teil aus anderen Ländern, darunter Russland – und macht sich damit auch politisch abhängig. Dennoch ist ein Kurswechsel nicht absehbar; Erdgas und Kohle sowie der Ausbau der Atomenergie bleiben die wichtigsten Energielieferanten.

Tourismus

Von den sowjetischen Tagen des Massentourismus ist die Ukraine inzwischen weit entfernt. Die Krim, die mit ihrem warmen Klima eine besondere Anziehungskraft auf die Urlauber ausgeübt hat, ist seit der Annexion durch Russland kein touristisches Ziel mehr. Dabei gerät bei all den Debatten über die politische Zukunft des Landes und mögliche Lösungen des Konfliktes in Vergessenheit, wie schön die die Ukraine ist und was sie dem interessierten Besucher zu bieten hat.

Auf der Krim herrscht teilweise subtropisches Klima, kleine Affen trifft man dort genauso wie Kamele. Vor der Küste schwimmen Delfine und verschiedene Walarten. Wegen des Klimas wird die Krim auch als Weinanbaugebiet genutzt. Die Halbinsel ist bekannt für die Konferenz von Jalta, dem pittoresken Badeort, in dem sich die alliierten Staatschefs Churchill, Roosevelt und Stalin trafen, um über die Zukunft Europas zu sprechen.

 

Vielleicht fällt es schwer, sich nach der Wärme der Küste ins Landesinnere zu bewegen. Aber auch die Städte Kiew, Lwiw (Lemberg) und Charkiw imponieren mit ihrer langen Geschichte, ihren Museen, Kirchen und Klöstern. Lwiw im Westen des Landes strahlt noch immer die Einflüsse der Österreicher und Polen aus, die vor dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt gelebt haben.

Gut 30 Jahre sind mittlerweile seit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vergangen. Die Schrecken der Radioaktivität sind noch immer da, aber mit jedem Jahr scheinen sie ein bisschen mehr zu verblassen. Manche Bewohner von früher sind mittlerweile in ihre alten Häuser zurückgekehrt. Vor allem die älteren zieht es wieder »heim«. Für Touristen gibt es geführte Busreisen in das Sperrgebiet rund um den zerstörten Reaktor, den Geigerzähler immer am Körper. Es ist eine skurrile Form des Tourismus, der auch jene anzieht, die einmal in eine Gegend wollen, an der die Zeit faktisch stehen geblieben ist. Denn vieles von dem, was man in den Dörfern und Kleinstädten nahe dem Atomkraftwerk sieht, stammt noch aus der Sowjetunion – ob es der alte Toaster auf dem Tisch ist oder ein Auto, das jemand abgestellt und niemals wieder abgeholt hat.

 

Kulinarisches

Wie die Küche vieler slawischer Völker tischt auch die Ukraine gern deftig auf. Zum Beispiel »Schuba«, eine Mischung aus gekochten und geriebenen Kartoffeln, Fisch, Rote Bete und Karotten. »Schuba« heißt Pelz, und so gehört obendrauf unbedingt noch eine Schicht von geriebenem Käse. Auch Teigtaschen bekommt man in der Ukraine überall, hier heißen sie Wareniki. Es gibt sie mit süßer oder pikanter Füllung, sie werden eine halbe Stunde im heißen Wasser gegart und anschließend mit einer passenden Sauce, Schmand oder einfach mit zerlassener Butter serviert.

 

Die Ukrainer lieben ihre Teezeit, das Getränk ist noch weiter verbreitet als Kaffee. Eine Ausnahme sind die Kaffeehäuser im Westen des Landes. Sie stammen noch aus der österreichischen Tradition.

Tradition und Kultur

In Kiew soll die Wiege Russlands liegen. So besagt es die Legende, wonach der Großfürst Wladimir im Jahr 988 das Volk der Kiewer Rus in der späteren Hauptstadt taufen ließ. Damit soll er den Grundstein für die russisch-orthodoxe Kirche und für ein mittelalterliches Reich gelegt haben. Russische Geschichtsschreiber leiten aus diesem Ereignis eine besondere Bruderschaft der beiden Völker ab.

Die Verbindung prägt die Ukraine ebenso wie die Nachbarschaft zu Polen, Weißrussland, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Moldawien, die sich mitunter in der ukrainischen Sprache verewigt haben. Schließlich war die Ukraine lange Zeit von verschiedenen Mächten beherrscht, Ukrainisch war zeitweise gar verboten.

Bekannt ist die Ukraine auch für ihre Tanzkultur. Überall auf der Welt finden Tanzfestivals statt, auf denen die »Kalyna«, ein Paartanz, aufgeführt wird.

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Ukrainische Tanzgruppe beim Toronto Ukrainian Festival (Quelle: Youtube/UKRmedrin)

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