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Die anderen und wir

Was denken Russen über Deutsche? Und was halten Deutsche von Russen? Die Filmemacherin Sylvie Hohlbaum hat sich mit deutschen und russischen Vorurteilen auseinandergesetzt und zeigt: Manchmal trügt uns unsere Vorstellung vom anderen – so sehr, dass wir zweimal hinschauen müssen.

Die Hamburger Filmemacherin Sylvie Hohlbaum ist in die russische Stadt Orjol gereist, um einen Dokumentarfilm zum Thema »Freundschaft und Partnerschaft« zu drehen. Auf den ersten Blick war Orjol ein trostloser Ort aus Plattenbauten, einer Leninstatue und einem Heizkraftwerk. Doch dann begegnete Hohlbaum den Bewohnern der Stadt. Aus diesen Begegnungen entstand ein Booklet mit teils bedrückenden Bildern, mit Lebensgeschichten dieser fremden Menschen und immer mit dem Blick darauf, was Freundschaft in ihrer Welt bedeutet.

Wohnbunker, Schnee, blassgrüne Kacheln im Schwimmbad. Armeejacke, Fellmütze, Blumenkittel. So sehen echte Russen aus, das ist das echte Russland. Oder nicht? Haben wir genau hingeschaut? Oder trügt das Bild, das wir von Russland und seinen Menschen haben? Haben wir Fremdes erwartet und das Vertraute nicht sehen wollen?

Sylvie Hohlbaum hat bisher noch niemanden getroffen, der ihr Booklet über die Russen in Orjol durchblätterte und die Bilder und Geschichten hinterfragt hätte. Sie alle glaubten, was sie sahen und sehen wollten. Dabei ist keiner der Menschen auf den Bildern Russe. Sie wurden nicht in Orjol, sondern in Hamburg fotografiert. Ihre Geschichten sind nicht wahr. Und könnten es doch sein.

»Ich habe die Leute immer aufgeklärt, nachdem sie sich das Booklet angeschaut hatten«, sagt Sylvie Hohlbaum, »und sie waren begeistert, sehr amüsiert, fühlten sich aber auch ertappt, weil sie alles geglaubt hatten.« Schließlich bestätigen die Bilder, Texte und Lebensgeschichten das deutsche Klischee über den Russen. Und das war genau Hohlbaums Absicht: »Ich wollte die Menschen bei ihren Vorurteilen greifen.«

Der Weg zum Booklet war einfach: »Ich habe dann überlegt: Wie sind die Russen unserer Vorstellung nach? Wie kleiden sie sich und was arbeiten sie? Und wie denken sie über Freundschaft?« Hohlbaum sammelte ihre eigenen Vorurteile über Russland und bestückte damit die vermeintlichen Interviewtexte im Booklet. Dann rief sie ein paar Freunde zusammen, verkleidete sie »typisch russisch«, so wie man es aus dem deutschen Blickwinkel erwartet, und ließ sie vor trostlosem Hintergrund, vor Plattenbauten in Steilshoop oder in einem verschneiten Hinterhof in St. Pauli fotografieren, als Eiskunstläufer, Putzfrau, Türsteher, Tabledancerin – wie man sich Russen eben vorstellt. Die russische Übersetzung stammt aus einer Online-Übersetzungsmaschine und steckt natürlich voller Fehler.

Auf die Idee, so mit Stereotypen zu spielen, kam Hohlbaum allerdings tatsächlich auf ihrer Reise nach Orjol. Dort wollte sie ein besonderes Projekt begleiten. Die Stadt Offenbach plante, ihren deutschen Weihnachtsmarkt in die Partnerschaft Orjol zu exportieren. Doch die Russen ließen sich nicht so recht erwärmen für die Wattebärte falscher Weihnachtsmänner, für Glühwein und Marktstände im Schnee (»Was soll man denn da kaufen?«). Hohlbaums Film ist letztendlich eine Dokumentation des Scheiterns, den Offenbacher Weihnachtsmarkt in Orjol gibt es nicht. In Offenbach hatte man andere Erwartungen an die Russen, Vorstellungen, die sich, mit der Realität konfrontiert, einfach auflösten. Diese Erfahrung brachte Hohlbaum dazu, sich mit unseren Erwartungen und unserem Bild von den anderen – den Fremden – auseinanderzusetzen.

Im Interview mit der Körber-Stiftung erzählt sie von diesen bestätigten und widerlegten Vorurteilen und erklärt, warum Stereotype manchmal gar nicht so schlecht sind.

Was unterscheidet die Menschen in Russland und Deutschland voneinander, wenn man mal nur die Klischees betrachtet?

Hier ein paar Schlagworte, die mir spontan einfallen:

Den Stereotypen nach sind Russen:

  • Wodkatrinker (alles Alkoholiker)
  • schmeißen Gläser an die Wand
  • viele arme Mütterchen, die kaum Geld zum Leben haben
  • wenige sehr reiche Oligarchen
  • Industrie nicht sehr fortschrittlich
  • simulierte Demokratie-Autokratie durch Putin
  • kälteresistent, lustig und offen
  • viel Korruption
  • extrem gute Sportler (z.B. beim Eiskunstlauf)
  • Modern Talking Fans

Und die Deutschen hält man für:

  • Biertrinker
  • gewissenhaft und fleissig, zuverlässig
  • starke Industrie
  • politisch liberal, demokratisch regiert
  • eher unfreundliche Mentalität, geizig
  • fleißig und arbeitsam
  • regel-immanent
  • gut organisiert
  • im Wohlstand gebettet

Wenn Sie an die Menschen in Orjol denken und dann an die Menschen in Hamburg, Ihrer Heimatstadt, welche Klischees treffen dann zu?

Klischees muss man suchen. Selbstverständlich findet man welche, wenn man sie unbedingt finden möchte. Erst beim genauen Hinsehen tauchen vereinzelt zutreffende Klischees auf, die man aber auf keinen Fall auf das ganze Volk ausweiten kann: Die Russen trinken wirklich Wodka, aber nicht alle und überall. Frauen trinken überwiegend gar nicht. Wodka wird gern zusammen mit Tomatensaft gereicht. Wann nachgeschenkt wird, bestimmt alleine der Gastgeber. Natürlich gibt es besonders in ärmlichen Verhältnissen Missbrauch von Wodka, meist durch Männer. Sie wollen sich betäuben, und nicht selten erfrieren sie dann im Winter. Es gibt viele Arme und ganz wenige sehr, sehr Reiche. Diese trifft man aber nicht einfach so, diese Leute bewegen sich in eigenen Kreisen. Russen werfen keine Gläser an die Wand, und ja sie werden von einem autokratischen Oligarchen regiert. Die Industrie ist tatsächlich rückständig, die Menschen sind wirklich herzlich und wahnsinnig gastfreundlich. Hier trifft zu, dass Menschen, die wenig haben, mit anderen teilen, während wohlhabende Menschen eher geizig sind. Klar – wohlhabend kommt von haben und nicht von verschenken!

In Deutschland muss man echte Gastfreundschaft suchen, das habe ich so erlebt. Auf der anderen Seite erlebe ich heute ein ganz sozial denkendes Deutschland, tolerant, politisch interessiert und mit einem funktionierendem Sozialsystem. Man trinkt wirklich gerne Bier hier und ist auch fleißig und diszipliniert, und nur deswegen funktioniert hier auch alles so gut: öffentlicher Nahverkehr, Bildung, Polizei und Kultur. Regel-immanent sind eher die Älteren, die regen sich zum Beispiel auf, wenn man auf der falschen Seite des Radweges fährt und schimpfen einem hinterher. Aber, im Großen und Ganzen kann man sagen: In Deutschland herrscht wirklich Ordnung!

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Menschen in Orjol gemacht?

Aufgefallen ist mir zum Bespiel, dass viele Jobs, die das öffentliche Leben aufrecht erhalten von Frauen ausgeübt wurden. Ob Ticketverkauf am Schalter des Bahnhofes, Steuern der Straßenbahn oder Straßenbau – überall Frauen, keine Männer! Im Vergleich zu Deutschen haben die Menschen außerdem einen völlig anderen Sinn für Humor. Selbstironie gibt es nicht, denn dazu geht es den Russen viel zu schlecht. Sie sind stolz und mögen nicht auf die Schippe genommen werden. Darüber hinaus herrscht ein ganz ausgeprägter Wunsch nach Ordnung und Gerechtigkeit. Leute, die sich leichtsinnig oder asozial verhalten und dadurch der Gesellschaft schaden, werden geächtet – das gilt beispielsweise auch für Eisfischer, die auf einer abgebrochenen Scholle im Meer treiben und aufwendig von Hubschraubern gerettet werden müssen. Darüber regt man sich in Russland auf. Meiner Meinung nach trifft diese Aufregung die kleinen Fische, weil sie greifbar sind, doch die eigentliche Wut gilt den Oligarchen, die sich am Zerfall der Sowjetunion bereichert haben, während das restliche Volk ärmlich leben muss.

Das klingt zunächst einmal nach einem harten Leben in Orjol. Haben Sie auch positive Erfahrungen gemacht?

Toll war die Lebenseinstellung der Orjoler, die von positivem Denken, Flexibilität und Improvisationstalent geprägt ist. Man muss mit den Gegebenheiten mitgehen. Alle lachen gerne, dafür ist ihnen kein Scherz zu albern – sie sind lebensfroh! Man ist für alles dankbar – jeden Tag. Das können wir von den Menschen dort lernen: dankbar zu sein, für das was wir haben und wie gut es uns geht und nicht ständig meckern!
Die Orjoler haben auch eine besondere Art von Höflichkeit: Ich brachte zum Beispiel Gastgeschenke mit, und freute mich schon auf die Gesichter nach dem Auspacken der Geschenke. Als meine Orioler Gastgeber aber die Geschenke nicht auspackten, sondern wegschafften, war ich fast schon beleidigt. Später klärte mich jemand auf: die Russen wollen vermeiden, dass der Schenkende gekränkt ist, wenn er merkt, dass das Geschenk nicht gefällt. Anders herum möchte auch keiner in die unangenehme Lagen kommen, Begeisterung für etwas, was gar nicht gefällt, vorspielen zu müssen.
Also ist Schenken in Russland wie wichteln bei uns – man erfährt nicht, ob es gefallen hat! Eigentlich gar nicht so schlecht denke ich, man schenkt also völlig selbstlos.
Interessant war auch die aus unserer Sicht fast schon übertriebene Gastfreundschaft: meinen GastgeberInnen war so sehr an meinem Wohl gelegen, dass ich mit Speisen überhäuft wurde, diese aber immer unter den Augen meiner Gastgeber alleine vertilgen musste. Niemand aß mit! Wenn ich einen Teller aufgegessen hatte, war er blitzartig wieder genau so voll gehäuft wie der zuvor, und ich musste mich erneut einer ordentlichen Portion stellen. Obwohl ich lautstark bekundete, satt zu sein. Kein Bissen entging ihnen.
Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass es keinen Sinn macht aufzuessen, wenn man satt ist. Man muss mitten drin stoppen, sonst geht das immer so weiter... (Mein persönlicher Tipp für Russlandreisende!)

Ihre persönlichen Erfahrungen decken sich zum Teil mit den Stereotypen und Vorurteilen, die wir von Russen haben. Bringt es denn etwas, sich mit Stereotypen auseinandersetzen? Man rutscht dann ja schnell in Vorurteile und eine negative Sicht auf die jeweils anderen?

Ich denke Stereotypen oder auch Vorurteile entstehen ganz von alleine, sie sind nicht zu vermeiden. Das passiert beispielsweise durch Filme oder Erzählungen Dritter. Und es ist nicht schlimm! In dem Moment, in dem man sich persönlich mit Stereotypen konfrontiert, wird man aufgeklärt, denn entweder bewahrheitet sich etwas oder man bildet sich eine eigene Meinung, und trägt diese mit nach Hause. Man macht sich ja im Vorfeld immer eine Vorstellung von etwas, oder jemanden, hinterher weiß man gar nicht mehr so genau, wie man sich zum Bespiel einen Urlaubsort vorgestellt hatte, denn die neuen authentischen Eindrücke verdrängen die »Vorstellung« die man bisher hatte.

Können Stereotype auch helfen, »die anderen« besser zu verstehen?

Stereotypen sind Anhaltspunkte, die helfen, sich auf das Andere oder den Anderen vorzubereiten, neugierig zu sein auf das, was da kommt. Schlimm ist nur, wenn jemand die neuen Eindrücke nicht annehmen möchte und an den fest eingeschliffenen Vorurteilen festhält, und dabei standhaft ignoriert, wie die Menschen wirklich sind. Das ist ein dann hochgradig ignorantes, bisweilen sogar fremdenfeindliches Verhalten, das meist durch irgendeine Angst geleitet ist. Neben dem Verlust einer neuen, positiven Begegnung für den Betreffenden selbst ist es bisweilen ein gefährliches, Gräben ziehendes Verhalten, das viel Schaden anrichten kann.

Kontakt

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