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Die Träume sind nicht wahr geworden

Sieben Jahre lang war Benjamin Bidder Korrespondent für Spiegel Online in Moskau. Alles begann mit einem Zivildienst in St. Petersburg vor 15 Jahren. Damals war er zum ersten Mal in Russland, sprach kein Russisch, und doch hat er sich in dem fremden Land gleich zuhause gefühlt. Seitdem hat ihn das Land nicht mehr losgelassen. Im Interview mit der Körber-Stiftung erzählt Bidder, wie sich Russland während seiner Zeit dort verändert hat, was die junge Generation anders macht und warum es so wichtig ist, Russland zu verstehen.

Herr Bidder, auf Ihrem Twitter- und Facebook-Profil nennen Sie sich selbst Russlandversteher. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine Trotzreaktion: Ein Teil der Leser beschimpft mich als »Russlandhasser«, ein anderer ärgert sich darüber, ich sei »zu Kreml-nah«. Wer »Russlandversteher« sagt, der meint es ja als Beleidigung. Für mich schließt sich das aber nicht aus: Russland verstehen wollen und russische Politik kritisieren. Man kann ja nur fundiert kritiseren, was man verstanden hat. Verstehen bedeutet für mich nicht, etwas gut heißen. Ich finde aber auch, dass wir zu wenig versuchen, Russland und die Motivation hinter der russischen Politik zu verstehen.

Wo wünschen Sie sich denn mehr Verständnis?

Zunächst muss man wissen, dass die Russen den Westen vor allen Dingen aus dem Fernsehen kennen. Nur wenige Russen sind bisher in die EU gereist.

Ich finde es fatal, dass wir immer noch so hohe Visabarrieren haben. Das wäre ein wichtiger Schritt gewesen, um die Menschen einander näher kommen zu lassen. Wer als Deutscher gesehen hat, wie Russland wirklich ist – und wer als Russe weiß, wie Europa tickt – ist nicht so anfällig für Klischees und Propaganda. Wir brauchen dringend mehr Kontakte, nicht weniger.

Gegen welche Klischees würde mehr Kontakt denn beispielsweise helfen?

Viele Russen glauben zum Beispiel, Deutschland sei von Ausländern überrannt worden. An jeder Ecke müssten deutsche Frauen fürchten, begrabscht und vergewaltigt zu werden. Um diese Bild zu verstärken, wurden im russischen Staatsfernsehen Videos vom Tahrir Platz gezeigt, in denen eine blonde Frau in der Menge bedrängt wird. Und sie taten so, als sei das in Köln. Kontakt zwischen den Menschen hilft, solche Fehlinformationen auszuräumen. Viele glauben auch, der Westen strebe danach, Russland auf die Knie zu zwingen, das Land zu zerteilen, um sich die Ressourcen zu schnappen. Diese russische Angst, eingekreist, bedroht zu sein, steckt sehr tief drin in der Gesellschaft und löst bei den Russen sofort eine Abwehrreaktion aus, einen defensiven Patriotismus.

Wo kommt das denn her? Warum fühlen sich die Russen derart bedroht?

Russland ist zwar groß, das macht es aber auch verwundbar. Im Osten sieht es sich den Chinesen gegenüber, im Kaukasus einem radikalen Islam. So paradox das klingt: Bei vielen Leuten erlebt man sowohl ein übersteigertes Nationalgefühl, zugleich aber auch einen gewissen Minderwertigkeitskomplex. Sie haben das Gefühl, Russland wird wirtschaftlich abgehängt und politisch nicht auf Augenhöhe behandelt. Dieser Minderwertigkeitskomplex wiederum befeuert den Patriotismus. Sie besinnen sich auf Errungenschaften, die unbestreitbar sind. Das ist vor allem der Sieg im Zweiten Weltkrieg. Man erinnert dabei nur noch an Heldentaten, die dunklen Seiten des Kriegs scheinen vergessen. Diese Idealisierung der Vergangenheit nimmt seit 2008 stark zu, seit die russische Wirtschaft nicht mehr so gut läuft. Die Führung Russlands sucht neue Quellen der Legitimation, um die Menschen hinter sich zu einen. Früher war das Putins Wirtschaftswunder. Und seit das nicht mehr läuft, sind es patriotische Themen, die Geschichte. Diese Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist überall präsent. Die Erinnerung wird aber selten vertieft. Und wo auch Schattenseiten thematisiert werden, gilt das als »Geschichtsfälschung zum Nachteil der russischen Föderation«. Dabei böte das eigentlich Chancen, wenn sich die Russen auch den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit stellen würden. Man kann daraus lernen.

Was hat sich sonst noch im Land verändert, seit Sie vor 15 Jahren zum ersten Mal nach Russland gezogen sind?

Russland hat innerhalb dieser 15 Jahre einen Sprung von vielleicht 30 Jahren gemacht. Als ich 2001 in Petersburg war, kam ich mir vor wie 1990, als ich mit meinen Eltern die DDR bereiste. Russland war natürlich schon kapitalistisch, aber die Autos, die Armut, die marode Infrastruktur – das wirkte alles wie aus einer anderen Epoche. Seitdem haben sie in vielen Bereichen einen unfassbar großen Sprung nach vorne gemacht. Aber der Wandel in den Köpfen hat mit diesem Tempo nicht mitgehalten, in manchen Bereichen scheint sich die Gesellschaft auch zurück zu entwickeln in Richtung Vergangenheit. In den 90er Jahren etwa wurde alles bejubelt, was aus dem Ausland kam. Dann folgte die große Enttäuschung. Die Träume – manche übersteigert – sind nicht wahr geworden. Das hat sich inzwischen zu einem regelrecht militanten Anti-West-Kurs ausgewachsen. Was aus Amerika oder Europa kommt, ist schrecklich. Und die Staatsmedien zeichnen fleißig das Zerrbild vom moralisch unrettbar verlorenen »Gayropa«, einem verkommenen, moralisch unrettbar verlorenen Europa, in dem nur noch Schwulenparaden abgehalten werden und Migranten Jagd auf weißhäutige Frauen machen. Gleichzeitig ist die russische Gesellschaft aber viel individualistischer geworden, geradezu westlicher.

Trotz der Abneigung gegen den Westen?

Ja, auf jeden Fall. Die jüngere Generation ist es gewohnt, selbst über das eigene Leben zu bestimmen: Wie sie sich anziehen, wo sie arbeiten, wie sie ihre Wohnung einrichten wollen. Das schlägt sich allerdings bislang kaum politisch nieder. Für sie bedeutet Freiheit, ihr Leben, ihren Alltag selbst zu gestalten. Es gibt Umfragen in Russland, die das belegen: Die älteren Generationen nennen »Stabilität« als mit Abstand wichtigsten Wert. Bei den unter 35-Jährigen rangiert dagegen »Freiheit« ganz oben, Stabilität folgt weiter hinten. Aber wie gesagt: Gemeint ist eher nicht politischer Einfluss, sondern die Freiheit im Kleinen: Ich bestimme mein Leben.

Fühlen sich die Russen denn europäisch?

Ja und nein. Die meisten Russen, die nach Deutschland fahren, sagen: Wir fahren nach Europa. Da fühlt man schon die Distanz. Andererseits hat mir auch noch kein Russe schlüssig erklären können, wozu sie sich sonst zugehörig fühlen, wenn nicht zu Europa. Selbst ganz im Osten Russlands, in Wladiwostok, ist die Gesellschaft total europäisch. Sehr schön hat das eine Protagonistin aus meinem neuen Buch formuliert: »Klar ist Russland ein Teil Europas, bis in den hintersten Winkel. Aber ein sehr spezieller Teil.«

Wie wird denn die EU-Politik in der Bevölkerung wahrgenommen?

Nachrichten aus der EU kommen in der russischen Bevölkerung extrem verkürzt an. Als Reaktionen auf die Sanktionen der EU gegen Russland hat die russische Regierung zum Beispiel die Einfuhr von EU-Lebensmitteln verboten. Anders als die EU-Sanktionen trifft dieses Einfuhrverbot die russische Bevölkerung ganz direkt: Lebensmittel werden teuerer, es fehlt an gutem Käse und anderen Produkten. In Umfragen hält eine Mehrheit das aber für eine Folge der EU-Sanktionen. Die Verkürzung betrifft auch andere Themen: Die Ukraine-Krise wurde einfach als faschistischer Putsch dargestellt, ohne zu erklären, dass es sich dabei auch um einen Volksaufstand handelte, bei dem mehrere hunderttausende Kiewer auf die Straßen gegangen sind.

In Ihrem neuen Buch lassen Sie die junge Generation der 90er Jahre zu Wort kommen, die »Kinder Putins«. Wie stehen die denn zum restlichen Europa?

Sie sind in ihren Ansichten ähnlich konservativ wie ihre Eltern. Unter ihnen findet ein ähnlich großer Prozentsatz wie bei den Älteren Putin super. Eine große Mehrheit lehnt gleichgeschlechtliche Beziehungen ab. Gleichzeitig teilen sie aber nicht die militante Ablehnung alles Westlichen wie ihre Eltern. Sie glauben nicht an die These vom neuen Kalten Krieg. Die sehen das eher pragmatisch: Jeder hat unterschiedliche Interessen, da knallen wir eben zusammen. Das gehe aber vorbei.

Nicht nur als Journalist, auch für Ihr Buch sind Sie viel durchs Land gereist, haben mit Menschen aus allen Schichten und unterschiedlicher Herkunft gesprochen. Wie reagieren die Russen auf Sie als Deutscher?

Als Deutscher ist man für die Russen der beste aller Ausländer. Sie haben eine große Hochachtung vor den Deutschen. Angesichts unserer Geschichte hat mich das gelegentlich sprachlos gemacht. Die Russen differenzieren allerdings zwischen den »Faschisten« damals und den Deutschen heute.
Gleichzeitig hängen sie einem etwas verklärten Bild von Deutschland nach: Ordnung, Pünktlichkeit, Schweinshaxe. Wenn sie dann tatsächlich mit Deutschland in Kontakt kommen, tun sie sich schwer mit der Realität. Deutschland ist ja viel bunter geworden. Es gibt Dönerbuden und der beste deutsche Innenverteidiger heißt Boateng.
Vielen Russen verstehen auch nicht, warum die Deutschen nicht einfach ein Bündnis mit Russland eingehen. Und sie sind irritiert, wenn Deutschland nicht nur von nationalen Interessen ausgehend agiert, sich mit den anderen EU-Ländern abstimmt. Sie finden, das bremst die Deutschen aus. Viele Russen sind enttäuscht, dass die Deutschen sich in der Ukraine-Krise nicht auf die Seite der Russen geschlagen haben. Das spürt man auch im Alltag, aber es ist zu keinem Zeitpunkt feindselig.
Auffällig ist nur, dass Angela Merkel aufgestiegen ist zu einem der größten Hassobjekte. Sie steht da jetzt auf Position zwei, gleich hinter Barack Obama. Sie sei »russophob« und Büttel der Amerikaner.

Was glauben Sie, wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen Russland und den restlichen europäischen Ländern weiter?

Kurz- bis mittelfristig wird es schwierig. Die Lage ist verfahren, das derzeitige russische System wird schwächer und deshalb aggressiver. Außenpolitik ist in Russland heute die beste Innenpolitik. Die Mehrheit der Russen hält den Kurs des Kreml da für richtig. Langfristig bin ich aber sehr optimistisch. Russen und Europäer verbindet viel, Zusammenarbeit bietet große Chancen. Und auf beiden Seiten wachsen Generationen heran, die mit den alten Feindbildern immer weniger anfangen können. Andererseits wird Russland immer russisch bleiben. Das macht es ja gerade so spannend.

Benjamin Bidder, Jahrgang 1981, war von 2009 bis 2016 Moskau-Korrespondent von Spiegel Online. Seit September 2016 arbeitet er im Wirtschaftsressort von Spiegel Online in Hamburg, berichtet von dort aber weiterhin über Osteuropa und Russland. Am 12. September 2016 erscheint sein Buch »Generation Putin: Das neue Russland verstehen«. Darin lässt er sechs junge Russen zu Wort kommen, die im Jahr 1991 geboren wurden. Sie sind die »Kinder Putins«, Kinder des derzeitigen Systems. Sie haben die Umbrüche nach dem Fall des Sowjetsreichs miterlebt und blicken nun mit großen Hoffnungen und manchen Ängsten in eine Zukunft zwischen Ost und West, zwischen der Sehnsucht nach einem starken Führer und der Suche auf mehr Freiheit.

Kontakt

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