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Ein besonderer Ort in Europa

Die russische Politikwissenschaftlerin Natalia Burlinova ist Präsidentin der Public Initiative Creative Diplomacy in Moskau, die sich mit Russlands Soft Power-Strategie und Staatsdiplomatie beschäftigt. Am Rande des Körber History Forums sprach sie mit der Journalistin Gemma Pörzgen über Russlands aktuelle Rolle in Europa.

In Russland wird in letzter Zeit über Europa gesprochen als wäre es woanders und als gehöre Russland nicht mehr dazu. Woher kommt diese veränderte Sichtweise?

Vielleicht kommt es daher, dass Russland immer schon einen besonderen Platz in Europa einnahm. Natürlich sind wir in unserer Erziehung und Bildung Europäer und die russische Kultur ist Teil der europäischen Kultur. Aber weil Russland so groß ist und sowohl in Europa wie auch in Asien liegt, haben wir das Gefühl ein besonderer Ort zu sein. Einerseits sind wir ein Teil Europas und andererseits eben doch eine besondere Zivilisation mit unseren eigenen Normen, Regeln und einem eigenen Blick auf die Welt. Wenn wir also über Russland und Europa sprechen, bedeutet das nicht, dass beides Gegensätze sind. Vielmehr ist es eine wichtige Symbiose. Gleichzeitig betonen wir, dass es in Russland eine gewisse Besonderheit gibt.

Wie würden Sie dann das Verhältnis Russlands zu Europa beschreiben?

Russland hat ein sehr gutes Verhältnis zu Europa. Wenn man mich fragt, wie ich mich fühle, sage ich natürlich als Russin, aber auch als Europäerin. Die Russen lieben Europa, das ist wie zu Hause. Wahrscheinlich hat man sich inzwischen daran gewöhnt, Europa als Europäische Union wahrzunehmen, wie eine politische Vereinigung, die ihre eigene politische Position vertritt. Aber im Alltag nehmen wir Europa immer noch als ein Europa verschiedener Länder wahr. Die Leute reisen in diese Länder und erleben Europa dabei nicht als politische Veranstaltung.

Und wie ist dann das Verhältnis zur Europäischen Union?

Das ist eher etwas für Politiker und Experten. Einfache russische Bürger, die nach Europa reisen, haben nur ein sehr abstraktes Verständnis davon, was die Europäische Union ist. Allerdings bekommt man ein Gefühl davon, wenn man einmal über die Grenze in die EU kommt und im Schengenraum reist. Diese Möglichkeit, ohne Grenzen zu reisen, ist natürlich ein Vorteil, den Russen in der EU deutlich erkennen können.

Rührt diese Distanz gegenüber der EU auch daher, dass man in der Sowjetunion und nach deren Zerfall eigene Erfahrungen mit solchen Staatengebilden gesammelt hat?

Natürlich ist das Verhältnis zur Europäischen Union vor allem dadurch geprägt, dass es sich um eine politische und eine bürokratische Struktur handelt. Manchmal möchte man bestimmte Fragen deshalb lieber bilateral mit einzelnen Ländern lösen. Aus meiner Sicht war es für die russische Diplomatie in den 1990er Jahren zunächst schwer, sich an dieses Verständnis von Europa als einer EU zu gewöhnen. Während es früher mehrere verschiedene Staaten gab, sollte man plötzlich nur noch mit dem Zentrum reden. Das war schwierig. Hinzu kommen die komplizierten Entscheidungsprozesse innerhalb der EU, bei denen es oft sehr lange dauert, bis eine Einigung da ist. Russland war da oft ungeduldig, ganz nach dem Motto: Lasst uns lieber schnell bilateral eine Lösung finden. Das ist jetzt überwunden. Es gibt jetzt in Moskau mehr Erfahrung im Umgang mit der EU.

Liegen hier aus Ihrer Sicht auch einige der Gründe für den Konflikt zwischen EU und Russland um die Ukraine?

Ja, wenn wir über Konflikte sprechen, war das natürlich das Problem. Russland wollte von Europa und von der EU, dass russische Interessen stärker berücksichtigt werden. Dabei ging es vor allem um Wirtschaftsinteressen. Die offizielle russische Position besagt, dass man dem ganzen Ukraine-Konflikt entkommen wäre, wenn Europa rechtzeitig auf die russischen Vorschläge reagiert hätte, eine gemeinsame Freihandelszone aller drei Seiten zu schaffen. Der berühmte Gipfel in Vilnius im Sommer 2013 hätte ganz anders ausgehen können, wenn die europäische Seite auf Russland gehört hätte. Die russische Kränkung besteht darin, dass man uns in dieses System nicht einbeziehen wollte. Dabei hätten aus unserer Sicht alle drei Seiten davon profitiert, die Ukraine, Russland und die EU. Stattdessen hat man die Ukraine in zwei verschiedene Richtungen gezogen. Warum hat man die ökonomische Sicht Russland nicht mit ins Kalkül gezogen? Weil es in der EU Länder gibt, die ganz klar anti-russische Positionen vertreten, selbst dann, wenn das wirtschaftlich keine Vorteile bringt. Darin sieht Russland die Schwäche der EU, in dieser Unfähigkeit, eigene wirtschaftliche Interesse klar von politischen Problemen abzugrenzen.

Und heute?

Heute gibt es im Umgang mit Russland eine große Angst. Ich weiß nicht, was passieren müsste, damit die EU in anderer Weise auf Russland blickt, nicht wie auf einen Feind oder einen Gegner, sondern als Partner. Aber ich sehe dafür derzeit keine positive Perspektive. Die Einführung der Sanktionen zeigt, dass Europa erneut seine Wirtschaftsinteressen nicht an erste Stelle setzt. Die Politik dominiert die Wirtschaft. In Russland gibt es da einen anderen Ansatz. Wenn es wirtschaftliche Vorteile bringt, können wir bestimmte politische Meinungsunterschiede vergessen. Aber Europa fängt dann an, über politische Werte zu reden. Dieser unterschiedliche Ansatzpunkt funktioniert einfach nicht.

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