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Eine Reise in den Tod

Das Tagebuch des Russlanddeutschen Dmitrij Dmitreewitsch Bergmann von 
1941-1942

»Abends erzählt M., dass Gede über der Straße die Nachricht gebracht, alle Deutsche würden ausgesiedelt. Seine Frau zeterte schon im Hofe. Ich riet, kein Wort weiter darüber zu verlieren: daran könne kein Körnchen Wahrheit sein, eine infame Lüge oder eine kolossale Provokation.«
So beginnt das Tagebuch des Lehrers Dmitrij Dmitreewitsch Bergmann am 30. August 1941. Er war einer von Hunderttausenden Russlanddeutschen, die im August 1941 nach Sibirien, Kasachstan und Zentralasien deportiert wurden. Während der gesamten Zeit seiner Deportation führte er ein Tagebuch, das dank seiner Witwe und seines Sohnes für die Nachwelt erhalten geblieben ist. Das Tagebuch umfasst insgesamt 114 Tage: es beginnt am 30. August 1941, dem Tag, an dem Bergmann von der bevorstehenden Deportation erfuhr; der letzte Eintrag ist vom 2. Januar 1942. Er starb am 6. Februar in dem Dorf im Kreis Nowosibirsk, in das man ihn zusammen mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern aus seinem Heimatdorf Kukkus in der Autonomen Republik der Wolgadeutschen deportiert hatte. 
Russlanddeutsche unter Generalverdacht
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 waren die Russlanddeutschen bei Stalin und dem Rest der politischen Führung der UdSSR schnell in den Verdacht geraten, »Deutschlands fünfte Kolonne« zu sein. Daher veröffentlichte der Oberste Sowjet am 26. August 1941 einen Erlass, der die Deportation der Russlanddeutschen zunächst aus der Autonomen Republik der Wolgadeutschen, aus Saratow und aus dem Gebiet um Stalingrad anordnete. Zwei Tage später, am 28. August 1941, folgte ein zweiter Erlass, der die Deportation der Russlanddeutschen aus dem gesamten europäischen Teil der Sowjetunion verfügte. 

Ein Tagebuch als Gesprächspartner während der Deportation 
Dmitrij Dmitreevitsch Bergmann war – wie viele der Russlanddeutschen – ein Anhänger der Russischen Revolution. In den 30er Jahren hatte Bergmann zur sogenannten »sowjetischen ländlichen Intelligenzija« gehört, er verdiente seinen Unterhalt als Dorflehrer. Zum Zeitpunkt der Deportation konnte er aufgrund eines Lungenleidens bereits nicht mehr arbeiten. Das Tagebuch, das er während der Deportation in deutscher Sprache verfasste, wurde zu seinem wichtigsten »Gesprächspartner«.
Zum 40. Jahrestag der Deportation seines Vaters übersetzte der Sohn Bergmanns den Text 1981 erstmals ins Russische. Das Original des Tagebuchs liegt im Archiv der Internationalen Gesellschaft MEMORIAL in Moskau. Zum 75. Jahrestag des Beginns der Deportation der Russlanddeutschen erscheint es derzeit in Russland einer aktualisierten und überarbeiteten zweisprachigen Ausgabe.  (Individuum-Verlag, Moskau 2016, ©Internationale Gesellschaft MEMORIAL).
Die Veröffentlichung von Textauszügen und Fotos aus dem Tagebuch erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Internationalen Gesellschaft MEMORIAL.

»Unser Weg« – Auszüge aus dem Tagebuch

1941
August. 31. 
Schrecklich, aber wahr. E. Glock kam vom Bazar u. brachte die Zeitung mit dem Erlaß. Schwarz auf weiß. Unbegreiflich! Aber ungerecht die Anschuldigung. Zu allumfassend. Scheinbar schon am Tage vorher eine Beratung im Kantonkomitee gewesen. Einzelheiten besprochen.

September. 6.
Eine Tonne kann die Familie mitnehmen. Was ist jetzt nötig, was überflüssig? Braucht man Beil u. Spaten, muss man sich Produkte mitnehmen – Fragen, die niemand beantwortet. Man tröstet: nach Möglichkeit, dieselbe Arbeit wie hier. Eine dunkle Zukunft! Dazu so weit, so weit! Nowo-Sibirsk […]“!!

September. 11. 
Es geht los! Fuhren, Fuhren u. immer mehr Fuhren: Pferde, Ochsen, Kamele, sogar einzelne Autos. Man ladet, packt u. – es geht in die Welt hinein. […] Wir bleiben wirklich zuletzt. Nachmittags ist alles außer 10 - 12 Familien weg. Uns ladet man auf Kamele u. fährt vor die Schule, auf den Platz. Da liegen wir mit Hack u. Pack. […] Man munkelt, 8 Uhr müsse der Zug abgehen. Es wird 6 – keine Maschine. Es wird 8 Uhr – noch immer keine. Die Militärs, von denen es eigentlich schon wimmelt, beruhigen – alle werden abgeschickt. Wir laufen von Militärs zu den Chauffeuren u. betteln, abtransportiert zu werden. Eigentlich zum Lachen! Wir bitten – ausgesiedelt zu werden! Eine Situation!! […] U. endlich fahren auch wir auf die zweitletzte Maschine! Auf Nimmerwiedersehen Kuckus!

September. 30. 
[…] Wir kommen an. Ein kleines Dörfchen, die Häuser sind meistens Rasenhütten. Ein drückender Eindruck! Man ladet uns bei der gewesenen Kanzlei ab. Ein Zimmer für alle. Schauer u. Schweizer schleppen ihre Sachen rein, so dass für Schlafstellen fast kein Platz. […]. Da wäre also unsere Reise abgeschlossen!

Oktober. 4. 
M. hat sich beim Brigadier gemeldet u. wird zur Arbeit bestellt. Sie muß schobern. […] Ob sie es aushält?! U. wir drei sitzen allein zuhause. Gut, daß es 2 - 3 Uhr Mittagspause gibt, u. wir wenigstens zusammen Mittagessen.

November. 10. 
Draußen ist‘s trübe, bewölkt, morgens still, dann leichter Wind. […] Gehe Kohl vom Sowchos bestellen, leider, ist da keiner mehr. Eine Speiseart weniger! M. geht dreschen u. bleibt ohne Mittag bis zum Abend. […] Das tägliche Brot muß hier doch sauer u. schwer verdient werden. U. alles liegt auf M.’s Schultern. Möchte sie sich nur nicht erkälten: sobald sie krank wird, sind wir verloren. […]

November. 20.
[…] Aber soviel scheint jetzt gewiß, daß M. in d. Kanzlei arbeiten wird: das freut mich ungeheuer. Braucht sie nicht zu frieren u. hat ständig Einheiten. […]
Und ich? Ich bin Stubenmädchen geworden! Ich heize den kleinen Ofen, eine Stunde jeden Tag, ich wasche Geschirr, mache die Betten morgens u. abends, kleide Igor an u. aus. Das ist jetzt der Inhalt meines hiesigen Lebens. Eine hastige Bewegung, etwas Anstrengung darf ich mir nicht erlauben. Da tobt das Herz, der Atem stockt. Wie schon gesagt: ein Wrack. Ob‘s noch mal etwas besser wird werden?

Dezember. 1. 
Wir sind also 2 Monate hier. Wieviel werden es noch werden?? Sollte es wirklich eine jahrelange „Verbannung” werden? Obzwar, was sorge ich mich darum? Bei mir hängt es ja von der Krankheit ab. […]

Dezember. 20. 
Dasselbe Einerlei: M. auf Arbeit, ich – Stubenarrest zusammen mit den Jungens. Mir ist nicht besser. Immer wieder steigen Zweifel auf, u. ich möchte doch so gerne wieder wie ein Mensch atmen! […]
Dezember. 22. 
Mir ist schlecht. Den ganzen Tag liege ich. Ob‘s der Anfang vom Ende ist? Gestern abend waren starke Schmerzen in der rechten Brust. Besonders ungemütlich beim husten: au, au.

1942 
Januar. 1. 
Also das neue Jahr hat den Einmarsch gehalten. Sang u. klanglos! Nur das M. etwas versuchte zu backen. Den Jungens hat sie je ein Stück Zucker gegeben. Kläglich Neujahr!! Den Tag über ist sie in der Kanzlei. Abends arbeiten wir etwas: ich vom Bett aus! Ich liege den ganzen Tag. U. so geht‘s wohl weiter bergab!

Januar. 2. 
Das Wetter ist gelind. Post ist keine. Auch meine Pension wartet: ob sie überhaupt kommt?! Ich liege den Tag über. Keine Lust zum Aufstehen. Abends arbeiten wir an der Jahresabrechnung.

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