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»Es ist das letzte Mal, dass ich darüber spreche«

Ein Mädchen als Zwangsarbeiterin in Deutschland (2/3)

Doch in der Wollkämmerei wurde nicht nur Wolle verarbeitet. Eines Tages bemerkten Klawdija und andere Frauen, dass eine Werkshalle geschlossen wurde. Nur noch Deutsche durften dort arbeiten. Die Frauen waren neugierig. Es dauerte nicht lang, dann fanden sie heraus, was dort verarbeitet wurde: Große Ballen menschlicher Haare. Frauenhaare. In ihnen findet man manchmal Gold, erzählten sich die Arbeiterinnen. Für Klawdija klang das spannend, wie eine Geschichte von versteckten Schätzen. Das Grauen an jenen Orten, von denen die Haare kamen, kannte sie nicht. Sie wurde zur Arbeit in einem fremden Land gezwungen, ein Konzentrationslager musste sie nicht kennenlernen. Dafür kam der Krieg immer näher. Flugzeuge zogen über den Himmel Richtung Stadtzentrum.

Wir fanden das alles interessant. Wenn sie Alarm sagten. Sofort kam die Wache zu uns gerannt und wir liefen durch den Durchgang, alle, alle, alle, egal was man anhatte, hinein in den Bunker. Alle waren wir dort, Deutsche, Polen, Russen, Italiener, Franzosen, wir waren alle gleich. Wir waren so dreckig.

Es waren Zeiten voller Leid, in Unfreiheit und Ungewissheit der Willkür der Deutschen ausgeliefert. Aber die Zwangsarbeiter richteten sich ein in einer bizarren Normalität. Davon zeugen diese Bilder.

Schließlich, als die Innenstadt schon längst brannte, warfen die Flieger auch im Süden der Stadt Bomben ab. Auch eine Baracke der Arbeiterinnen wird getroffen, zwei Mädchen sterben.

Die eine, ihr hat es den ganzen Bauch nach außen gestülpt. Sie kroch und krallte sich mit den Händen so in den Boden. Wir konnten nichts tun. Was konnte man da helfen, wenn sie schon den Tod in den Augen haben? Diesen Tod hatte ich in Kursk schon gesehen.

Es muss dieser Schrecken gewesen sein, der ihnen die Kraft gab. Vielleicht war es aber auch ihr kindlicher Leichtsinn, die Hoffnung auf Neues, auf ein Leben ohne Bomben, vielleicht auf ein Leben zurück in der Heimat. Jedenfalls beschlossen Klawdija und ihre Freundin Tanja das Chaos der Bombenangriffe zu nutzen und zu fliehen.

Wir gingen einfach zum Bahnhof und setzten uns in den Nahverkehrszug und fuhren los. Tanja sprach ja gut deutsch, sie kaufte die Fahrkarten. Ich war ganz entspannt mit ihr. Sie war so eine Schwarzhaarige mit so sympathischen Sommersprossen. Eine Kleine, Rundliche, so eine Gute war sie. Ich war blond, das war auch nicht schlecht. Wir erregten keine Aufmerksamkeit.

Ein neues, viel zu kurzes Abenteuer begann. Sie fuhren bis zur Endstation, drei oder vier Stunden nur. Stiegen aus, liefen über ein Feld, in ein Dorf, irgendwo im Umland von Hamburg. Es wurde schon dunkel.

Aber irgendwie beunruhigte uns das nicht. Das war uns alles egal. Irgendwo werden wir schon Kartoffeln finden und übernachten können. Und dann hörten wir jemanden russisch sprechen. Und gingen zu ihm.

Auf dem Feld arbeiteten russische Zwangsarbeiter. Sie nahmen die Mädchen mit, gaben ihnen Essen und einen Schlafplatz in ihrem Lager bei einem deutschen Bauern. Doch noch in der gleichen Nacht, um vier Uhr morgens, riss Gebrüll sie aus dem Schlaf. »Los! Los! Los!« schrie ein Mann in der Uniform der Gestapo. Klawdija und ihre Freundin mussten in ein Auto einsteigen. Die Uniformierten lieferten sie in auf einem Hof ab.

Nu, weiter werde ich nicht mehr erzählen. Nicht nötig. Alles ist vorbei, und du kannst es nicht zurückdrehen.

An dieser Stelle verschwimmen Klawdijas Erinnerungen. Oder sie will sich nicht erinnern. Diese wenigen Tage vor vielen Jahrzehnten, wollte sie ihrem Gedächtnis entreißen. Doch sie sind noch da. Und in wenigen, atemlosen Sätzen spricht sie sie aus.

Mir stieß so ein Unglück zu, dass... Heute denke ich, dass ich wohl jemandem ins Auge gefallen bin. Seit 60 Jahren denke ich darüber nach. Was ist passiert? Woher? Warum so etwas und warum ausgerechnet mir? Warum haben sie mich nicht umgebracht? Meine Arme und Beine sind heil geblieben. Aber warum mussten sie mir das Gesicht verletzen?

Die Aufpasserin habe sie eines Tages geholt, aus dem Saal, in dem sie mit 100 anderen Frauen schlief, in dicht gestellten Betten, so dass man sich kaum dazwischen hindurchzwängen konnte. Klawdija folgte der Aufpasserin zu einem anderem Gebäude auf dem Hof, in einen Saal. Dort saßen Offiziere in Uniform, aßen wohl und tranken. Genau erinnert sie sich nicht. »Du wirst sie bedienen«, sagte die Aufpasserin, dreht sich um und geht. Einer der Offiziere steht auf und zieht Klawdija an sich.

Ich stoße ihn weg. Und dann senkt sich irgendwie etwas Schweres auf mich herab. Das war's. Ich habe nichts mehr gesehen. Ich weiß nicht, was weiter mit mir geschah. Als ich aufwachte, auf einem Bett, war alles wie im Nebel. Ich versuchte, die Augen zu öffnen. Ich verstand nicht, was mit mir passiert ist. Ich tastete mich ab. Mein rechtes Auge war, als sei Blut hineingelaufen. Meine linke Wange war alles Fleisch. Sie nähten mich. Drei Stiche oder fünf. Und als sie alles genäht hatten, da wurde ich aufgerufen und entlassen.

In dieser Nacht wurde aus dem fröhlichen Mädchen, dass auch an der Arbeit in der Fremde noch etwas Gutes sehen konnte, ein verängstigtes Wesen. Klawdija wird in ein neues Gefängnis gebracht, wieder in einen großen Raum, wo die Menschen dicht an dicht schliefen, auf dem Boden. Das war im Sommer 1944.

Nach dieser Verletzung hatte ich vor allem schreckliche Angst. Ich fürchtete, dass man mich umbringen wird. Ich versteckte mich. Aber wenn wir uns aufstellen mussten und gezählt wurden, bemerkten sie dich sowieso. Und ein Mädchen nach dem anderen verschwand. Vielleicht brachte man sie zum Arbeiten, in der Küche oder im Hof.

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