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»Es ist das letzte Mal, dass ich darüber spreche«

Ein Mädchen als Zwangsarbeiterin in Deutschland (3/3)

Dann holten sie auch Klawdija. Mit dem Zug, dann in einem Auto wurde sie in ein weiteres Lager gebracht. Wieder Baracken, keine Männer, sondern wieder Arbeit. Irgendwann erfuhr sie, dass sie in Wilhelmsburg gelandet war, wieder im Süden Hamburgs. Die Frauen sortierten die Trümmer einer zerbombten Fabrik, schichteten zerbrochene Ziegel auf Lastwagen. Der Kreis schloss sich, wieder war Klawdija in Hamburg, dort, wo die Bomben gefallen waren. Und der Winter kam. Schnee fiel, Regen, die Kleidung war viel zu dünn.

Wenn jemand krank wurde, dann haben wir ihn nicht mehr gesehen. Wenn jemand nicht mehr aufstehen konnte, dann ging er ja nicht zur Arbeit. Er blieb in seinem Bett, und sie haben ihn abgeholt. Es gab nur Vermutungen, dass man sie verbrannte. Es stand so ein süßlicher Geruch in der Luft.

Das Gras war schon grüner, die Luft wärmer, als man auch sie abholte. Irgendwann im Frühjahr 1945. Immer mehr Bomben waren gefallen. Dann war es auf einmal ruhig. Kein Schuss zerschnitt die Stille, als die Amerikaner kamen.

Leise, ruhig marschierten sie ein, als müsste es so sein. Als würden sich Verwandte untereinander treffen, so kamen sie. Und damit endete das, was mich mit Deutschland verband.

Und wieder verschwinden die Erinnerungen im Nebel. Klawdija floh, erkannte ihre Umgebung, sie war ja nicht weit von der Wollkämmerei, sie kehrte dorthin zurück, in die Baracken, die ihr erstes Zuhause in Deutschland waren. Und dort traf sie und konnte es kaum glauben: Tanja. Tränen strömten den Mädchen übers Gesicht, die anderen Frauen umringten sie, »Unsere Tochter ist gekommen!«, rufen sie. Es war ein Nachhausekommen der Fremde. Zwei Tage später kamen die Amerikaner auch in die Wollkämmerei. Der Krieg war endgültig vorbei. Und damit auch die die Zeit der Zwangsarbeit und Sklaverei.

Tanzabende, Schokolade, »ein Meer an Kavalieren« – das war es, was folgte. Klawdija und viele der anderen Frauen wurden in eine amerikanische Kaserne gebracht. Als wollte man sie für das Unrecht entschädigen, das ihnen angetan worden war, wurde gefeiert und gelacht. Einen Monat lebten sie dort. Wie aber wieder nach Hause kommen?

Nach Hause wollte ich! In das kümmerliche, zerstörte Zuhause. Ungeachtet dessen, was ich mit eigenen Augen alles gesehen hatte, die Zerstörung.

Es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bis Klawdija Agafonova endlich, drei Jahre nach ihrer Deportation, von englischen Soldaten mit vielen anderen Zwangsarbeitern in einen Zug Richtung Krakau gesetzt wurde. In Krakau kamen sie wieder in ein Lager, wurden von Offizieren befragt und saßen noch am gleichen Tag im nächsten Zug – nach Kursk. Zuhause, in ihrem Heimatdorf, lebte die Großmutter noch. Die schloss ihre Enkelin lachend und weinend in die Arme. Aber die Tante hatte andere Sorgen, hatte selbst drei Kinder zu versorgen in dieser Hungerzeit. Sie schickte Klawdija weg, sie sei nun erwachsen, solle ein eigenes Leben führen. Der älteste Bruder war gefallen, die ältere Schwester verheiratet in der Tschechoslowakei, sie starb 1947 an der Tuberkulose, den jüngsten Bruder findet Kawdija erst 30 Jahre später lebend wieder.

Sie schlug sich allein durch. Durfte nicht studieren, fand selten Arbeit. Keiner traute dem Mädchen, das dem Feind gedient hatte. Gezwungen oder nicht, das fragte niemand.

Die einen waren grob, die anderen nicht. Nur an einem Ort sagten sie: »Die Huren der Deutschen wollen studieren.« Damals tat das weh. Sie trafen, wie man so sagt, den wundesten Punkt. Ich wollte nicht mehr leben.

Enttäuscht reiste sie schließlich nach Georgien. Plakate hatte Klawdija von jenem Teil der Sowjetunion gesehen, mit blühenden Bäumen und Trauben, die auf die Straßen hingen. Warm sollte es dort sein, niemand kannte sie dort, da wollte sie hin. In Georgien fand Klawdija Arbeit in einer Brückenbaubrigade, lernte dort ihren Mann kennen, ebenfalls einen Brückenbauer. Doch auch dort, nach Jahren noch, verfolgt sie die Zwangsarbeit in Deutschland. Nicht in Träumen oder Erinnerungen, sondern auf Dokumenten, in den Vorurteilen ihrer Vorgesetzten, als Absagen von Universitäten, im Misstrauen ihrer Mitmenschen. Zeit ihres Lebens kam sie nie wieder richtig in Russland an.

Mich hätte man, sagten sie, für einen Orden vorschlagen können. Ich war verdienstvoll. Aber das ging nicht. Weil ich kein vollwertiger Bürger der Sowjetunion war. Weil ich angeblich alles hätte machen können, um diese Fahrt nach Deutschen zu verhindern.

2005, 60 Jahre nach Kriegsende, reist Klawdija auf Einladung des Hamburger Senats nach Deutschland. Nach Hamburg, an den Ort, der alles veränderte. Und sie reiste zu der Fabrik im Süden Hamburgs, aus der sie einst floh.

Ich sah den gepflasterten Weg, der schon so abgenutzt war. Ja, das ist mein Weg! Das war eine Freude für mich. Dieses Gefühl der Freude, das ich hatte, als ich den Bunker sah, kann ich gar nicht wiedergeben. Ich fing nicht an zu weinen, sondern freute mich.

Ein unglaubliches, ein unverständliches Gefühl. Aber ein endgültiges. Endlich konnte sie abschließen, was mehr als 60 Jahre zuvor in ihre aufgerissen worden war.

Heute traf ich Vergangenheit und Gegenwart. Ich habe dort beschlossen, dass ich mich nie mehr daran erinnern werde. Das ist das letzte Mal, dass ich darüber spreche, was mit mir war. Das ist der letzte Tag, an dem ich darüber nachdenken werde. Ich habe Gutes, womit ich das bedecken kann. Heute habe ich mich von der Vergangenheit verabschiedet. Jetzt habe ich beschlossen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Und zu verzeihen, wo es nötig ist.

Anja Reumschüssel

Diese Geschichte ist aus einem Interview mit Klawdija Pantelejewna Agafonova rekonstruiert, das 2005 im Rahmen ihres Besuchs in Hamburg geführt worden war. Klawdija starb vermutlich 2007. Zitate stammen aus dem Interview, eventuelle Kürzungen sind nicht gekennzeichnet.
Rund 600 weitere Interviews mit Zwangsarbeitern in Deutschland sind in dem Online-Archiv »Zwangsarbeit 1939 – 1945« gespeichert.. Bei der Memorial International Society sind ebenfalls Interviews in Video- und Audio-Formaten einsehbar (in russischer Sprache).

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