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»In den Geschichtsbüchern wird Stalin kaum erwähnt«

Tamara Eidelman, Vorsitzende des Moskauer Geschichtslehrerverbands, erklärt, was russische Schüler brauchen, wenn sie mehr über Josef Stalin lernen wollen. Im Gespräch mit Madeleine Janssen verdeutlicht sie auch, warum Geschichtsunterricht in Russland sehr traditionell ist und wie sie die neue Bildungsministerin sieht.

Wie hat sich der Geschichtsunterricht in Russland in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren verändert?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob er sich wirklich verändert hat. Klar, heute haben wir mehr Computer, Software und Smartboards, aber der Unterricht selbst ist immer noch sehr traditionell an vielen Schulen. Damit meine ich einen sehr wissensorientierten Ansatz, wo vor allem Fakten vermittelt werden statt Fähigkeiten zu entwickeln.

Die Militärparaden in Moskau deuten an, dass die Gesellschaft sehr stolz ist auf die russischen Streitkräfte und sie stark unterstützt. Wie wird heute in den Schulen des Zweiten Weltkriegs gedacht?

Leider ist der Zweite Weltkrieg ein Teil der staatlichen Propaganda geworden, und der Staat missbraucht die Gefühle der Menschen immerzu. Der Krieg ist Gegenstand des Geschichtsunterrichts. Aber er steht gleichzeitig in Verbindung mit allen möglichen außerschulischen Aktivitäten wie Treffen mit Veteranen, Besuchen von historischen Orten und Monumenten, Beiträge vorbereiten und Stücke im Schultheater aufführen. Einerseits klingt es ja toll, dass die Menschen die Vergangenheit lebendig halten. Meiner Meinung nach nimmt der Krieg allerdings einen zu großen Platz in der Bildung ein. Geschichtsunterricht ist de facto ein Militärunterricht. Warum? Große Teile des Curriculums werden den verschiedensten Kriegen gewidmet, mit vielen Details zu einzelnen Schlachten.

Gibt es Diskussionen mit Schülern über die Kriegsverbrechen, die Soldaten während des Zweiten Weltkriegs begangen haben?

Nicht wirklich. Der Krieg wurde zum Teil der offiziellen Propaganda, deswegen geht es nicht um Verbrechen oder um das menschliche Leid, sondern um den Großen Sowjetischen Staat, der den Krieg gewonnen hat und auch alle weiteren gewinnen wird. Natürlich gibt es Lehrer, die solche Debatten mit ihren Schülern führen, aber sie sind nicht in der Mehrzahl.

Nehmen die Lehrer ihre Schüler mit auf Exkursionen zu Gedenkstätten?

Manchmal machen sie das, aber das hängt immer vom individuellen Einsatz des Lehrers ab und kann nicht als systematischer Teil des Curriculums betrachtet werden.

Welches Bild von Josef Stalin bekommen die Schüler heutzutage vermittelt?

Auch das ist stark vom Lehrer abhängig. In den Geschichtsbüchern wird Stalin kaum erwähnt. Und wenn er erwähnt wird, passiert das auf eine sehr neutrale Weise. Wenn die Lehrer dem etwas hinzufügen wollen, können sie das tun. Gleichzeitig haben die Massenmedien angefangen, Stalin in gutem Lichte zu zeigen. Und die alte, alberne Idee, Stalin habe »den Krieg gewonnen«, ist omnipräsent. Ich habe noch nie von einem Lehrer gehört, der dafür gerügt wurde, dass er Kriegsverbrechen oder Stalins Rolle kritisch bewertet hat. Aber ich habe von Lehrern gehört, die gefeuert wurden, weil sie sich weigerten, Wahlergebnisse zugunsten der Regierungspartei zu fälschen.

Was läuft Ihrer Meinung nach gut im russischen Geschichtsunterricht?

Meiner Meinung nach – obwohl da nicht alle Lehrer zustimmen dürften – ist die Einführung einer staatlichen, schriftlichen Abschlussprüfung am Ende der Schulzeit das Beste, was kürzlich passiert ist. Das hat Prüfungen für Schüler vereinfacht, und es verschafft ihnen mehr Möglichkeiten, auf die Universität zu gehen. Die staatliche Geschichtsprüfung fragt verschiedene Bereiche ab, basierend auf der Quellenanalyse und dem Vergleich verschiedener Gesichtspunkte. Das könnte auch den Unterricht verändern.

Was ist »neu« an den neuen Geschichtsbüchern, die vor kurzem in russischen Schulen eingeführt wurden?

Eigentlich nichts außer dem Erscheinungsdatum. Sie sind immer noch traditionell, wissensbasiert und langweilig.

Wie sehen Sie die neue Bildungsministerin Olga Vasilyeva? Was sind ihre Ziele mit Blick auf den Geschichtsunterricht?

Das ist im Moment schwer zu sagen, weil sie gerade erst ins Amt gekommen ist. Es scheint, dass sie religiös ist, was ich bei einer Bildungsministerin missbillige. Außerdem hält sie wohl recht große Stücke auf Stalin. Das gefällt mir nicht. Dennoch sagen manche Leute, denen ich vertraue, dass sie eine gute Fachfrau ist. Wir waren von einigen Zitaten aus ihren Reden schockiert. Zum Beispiel sagte sie, dass Stalin viele gute Dinge für das Land getan habe, indem er die Orthodoxe Kirche unterstützte.

Tamara Eidelman wurde 1958 in Moskau geboren. 1981 machte sie ihren Abschluss an der Moskauer Universität, seitdem unterrichtet sie Geschichte und Sozialkunde an den Schulen der Hauptstadt. Eidelman ist aktives Mitglied der Nichtregierungsorganisation EUROCLIO, des Europäischen Verbands der Geschichtslehrerverbände. Derzeit ist sie Vorsitzende des Moskauer Geschichtslehrerverbands.

Die russische Nichtregierungsorganisation MEMORIAL richtet seit 17 Jahren einen Geschichtswettbewerb für Schüler in Russland aus – nach dem Muster des deutschen Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Der russische Wettbewerb ist eines von 25 Mitgliedern im von der Körber-Stiftung initiierten Geschichtsnetzwerk EUSTORY. Im Mai trafen sich alle Netzwerkmitglieder in Moskau; dort wurden auch die Preisträger des russischen Wettbewerbs ausgezeichnet.

Womit der Preisträger Andrej Kosyrev die Moskauer Jury 2016 besonders überzeugt hat, erfahren Sie hier.

Kontakt

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