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»In Russland streiten die Menschen über die Geschichte«

Im Sommer 2016 stellen ein paar leidenschaftliche Menschen in Tschechien die Website »Gulag Online« ins Netz, ein virtuelles Museum über das russische Gulag-System. Sie zeigen interaktive Karten, Biografien der Häftlinge und 360-Grad-Bilder aus den früheren Baracken. Im Interview mit Madeleine Janssen erklärt der Vorsitzende des Online-Museums, Štěpán Černoušek, wie sein Projekt in Russland ankommt und warum das Internet ein geeignetes Werkzeug ist, um Geschichte zu erschließen.

Wie ist die Idee zu dem virtuellen Museum entstanden?

Das ist eine lange Geschichte. Ich habe vor etwa zwanzig Jahren angefangen, Russland zu bereisen, und ich bin dabei viel in Sibirien unterwegs gewesen. Dort trifft man häufig auf die Geschichte der Unterdrückung. Vielleicht habe ich deswegen angefangen, mich für dieses Thema zu interessieren. Im Jahr 2009 suchte ich nach Überresten der Eisenbahnstrecke bei Salekhard im nördlichen Sibirien, die von Gulag-Gefangenen gebaut worden war. Dass es diese Überreste gab, wusste ich von Satellitenbildern, die ich online gesehen hatte. Entlang der Schienen lagen demnach alle fünf bis zehn Kilometer Häuserruinen. Mir wurde klar: Das müssen Gulag-Lager gewesen sein. Ich war sehr überrascht, dass es so viele tief in der Taiga und in Sibirien gab – und dass nicht ein einziges Museum über sie existiert. Auch im Internet findet man kaum Informationen darüber. Deshalb entschloss ich mich, dorthin zu fahren und eine Expedition zu organisieren. Mein Team und ich besuchten drei Lager, die in überraschend gutem Zustand waren. Wir fanden zahlreiche Gegenstände von der Arbeit der Gefangenen sowie persönliche Briefe und Betten in den Baracken. Das ist kein Museum, das ist die Realität! Ich dachte die ganze Zeit: Wie ist das nur möglich? Als ich zurückkam, überlegte ich: Was könnte ich damit machen? Klar, einen Zeitungsartikel in tschechischen Medien schreiben – aber das reicht nicht. Ich organisierte zwei weitere Expeditionen. Bei der zweiten, im August 2013, kartierten wir die Überreste dieses Lagers detailgetreu und erstellten 360-Grad-Bilder. Wir nahmen Maße und entwarfen später ein 3D-Modell. Das war der Anfang des virtuellen Museums.

Warum haben Sie sich für ein Online-Museum entschieden anstelle eines »echten« in Prag?

Das hatte finanzielle Gründe. Wir sind eine kleine Nichtregierungsorganisation (NGO). Die ersten Touren habe ich aus meiner eigenen Tasche bezahlt. Es ist sehr weit und kostspielig, dorthin zu fahren, und auch ein virtuelles Museum kostet viel Geld. 2015 starteten wir eine Crowdfunding-Kampagne für »Gulag Online«, die auch erfolgreich war. Wir bekommen keine Unterstützung von der Regierung oder von der EU. Die Finanzierung ist ein großes Problem. Das ist die eine Seite. Die andere: Meiner Meinung nach liegt die Zukunft, wie man Geschichte präsentiert, in Computertechnologien. Jeder Mensch auf der ganzen Welt kann unser Museum besuchen. In den kommenden Jahren würden wir gern mit ‚augmented reality’ und 3D-Brillen arbeiten. Vielleicht können wir am Ende durch eine virtuelle Expedition mit 3D-Technik die Welt bereisen.

Wen wollen Sie mit dem Projekt ansprechen?

Alle!

Ältere Menschen könnten Schwierigkeiten mit 3D-Technik oder ‚augmented reality’ haben.

Ich glaube, die meisten, die heute im Alltag das Internet nutzen und moderne Browser haben, können damit arbeiten. So schwer ist das nicht. Wir bekommen viel Feedback von den Leuten, die meisten von ihnen sind schon älter. Vielleicht waren ihre Angehörigen in Gulag-Lagern inhaftiert, und jetzt fragen sie uns nach mehr Informationen. Es ist sehr wichtig für uns zu sehen, dass unsere Arbeit einen Sinn hat. In der Taiga, im tiefen Sibirien hatte ich oft Zweifel, ob es irgendeinen Sinn hat, dort zu sein und all das zu kartieren. Aber die Reaktionen der Menschen sagen mir: Doch, den hat es.

Was weiß die Öffentlichkeit über das Gulag-System?

Wir hatten Zugang zu ein paar Archiven in der Ukraine, die nun geöffnet sind. Und wir fanden Unterlagen über tschechoslowakische Bürger, die in Gulag-Lagern gefangen waren. Diese alten Menschen, diese Überlebenden, sie wissen, was das Gulag war. Sie wissen, wie böse es war. Ich würde sagen, dass die jüngeren das nicht wissen. Jeder weiß etwas anzufangen mit den Nazis und deren Konzentrationslagern. Wie sie aussahen, was der Holocaust war und welche Menschen dort gefangen waren. In diese Lager kann man gehen wie in ein Museum. Diese Informationen sind überall zugänglich. Aber fast niemand weiß, was der Gulag war und wie viele inhaftiert waren. Viele Leute glauben, es war nur ein einziges großes Lager irgendwo in Sibirien. Niemand weiß, dass es in der Sowjetunion zwischen 1920 und 1960 30.000 kleine Arbeitslager gab, in denen insgesamt zwanzig Millionen Menschen gefangen waren, von denen wiederum zwei Millionen starben. Kaum jemand weiß, wie diese Lager aussahen, weil es nur ein einziges Museum gibt, das auf dem Gelände eines echten Arbeitslagers entstanden ist: Perm-36. Dieses Museum hat vor kurzem den Besitzer gewechselt. Die neue Regierung von Perm zeigt jetzt vermehrt Ausstellungen über die harte Arbeit der Wachleute in den Lagern. Ausstellungen über sowjetische Bürger werden gestrichen, und das ist schrecklich. Es ist sehr wichtig, dass wir den Menschen zeigen, was der Gulag war und worum es dabei ging. Und wenn wir nicht in frühere Lager wie in Museen gehen können, um die Informationen zu bekommen, dann lasst sie uns ins Netz stellen.

Wie viele Tschechoslowaken waren in Gulag-Lagern inhaftiert?

Meine Kollegen vom Institut zur Erforschung Totalitärer Regime schätzen die Zahl auf 25.000 Menschen, die in irgendeiner Form vom sowjetischen Unterdrückungsapparat betroffen waren. Manche von ihnen wurden hingerichtet oder ins Exil verbannt. Vielleicht die Hälfte musste in Gulag-Lager.

Wie viele von ihnen starben?

Dazu haben wir keine verlässlichen Zahlen. Vielleicht ein Viertel, vielleicht ein Drittel. Es handelt sich dabei nicht um historische Tatsachen, niemand weiß es.

War es schwierig, Zugang zu russischen Archiven zu bekommen?

Mir lag ein wenig Material vor, das nicht nur aus den russischen Staatsarchiven stammte, sondern auch von MEMORIAL, einer NGO, die sehr aufgeschlossen ist für die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie uns. Eine weitere Quelle ist das Staatsarchiv der Russischen Föderation, GARF, das öffentlich zugänglich ist. Dort bekommt man Informationen über das System, über den Aufbau des Gulag, Unterlagen darüber, wie teuer es war, und über die Zahl der Insassen. Aber es gibt keine persönlichen Daten dieser Gefangenen. Die Details, die ja für jeden Historiker und für die Angehörigen das spannendste sind, bleiben hinter verschlossenen Türen – im russischen Innenministerium oder in den Archiven des FSB-Geheimdienstes. Wir und die Kollegen vom Institut für die Erforschung Totalitärer Regime können allerdings auf die ukrainischen Archive zugreifen. Der ukrainische Geheimdienst SBU hat der Öffentlichkeit seine Unterlagen zugänglich gemacht. Jeder kann dorthin gehen, sie führen ihn herum. Es ist wie ein Wunder, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Haben Sie schon Reaktionen zu Ihrer Arbeit von offizieller Stelle aus Russland bekommen?

Nein. Wir bekommen gutes Feedback, aber fast ausschließlich von Menschen wie dem MEMORIAL-Team. Leider sind diese Organisationen zuletzt sehr unter Druck von den russischen Behörden geraten, weil es eine Kontroverse über diesen Teil der Geschichte gibt. Die Staatsführung sagt gern, dass man in der Sowjetunion sehr gut leben konnte. Sie sehen es nicht gern, dass unabhängige Organisationen sagen, das sowjetische System sei gegenüber seinen eigenen Bürgern feindselig gewesen. Das ist ein Problem. Manchmal bekomme ich Hassmails von Russen. Ich glaube aber, dass das normal ist unter solchen Artikeln im Internet.

Haben Sie den Eindruck, dass Russland sich mit diesem Teil seiner Geschichte auseinandersetzt?

Das ist das Problem mit dem heutigen Russland: Sie beschäftigen sich nicht wirklich mit ihrer eigenen Geschichte. Sie wissen gar nicht, wie das geht. Sie wissen nicht, wie man sich damit auseinandersetzt. Ich höre sehr oft von meinen MEMORIAL-Freunden: In Russland gab es keine Nürnberger Prozesse für den Kommunismus – und das ist problematisch. Heute streitet die russische Gesellschaft darüber, ob das sowjetische System und der Gulag als ein Teil davon böse waren. Viele Menschen wissen es, aber sie sind in der Minderheit. Die Russen sprechen über diese Zeiten, als wären sie eine Naturkatastrophe, die von irgendwoher über sie hereingebrochen ist. Als ob es keine direkte Verbindung zur sowjetischen Struktur und zur kommunistischen Ideologie gäbe. Die offiziellen Stellen wollen nicht darüber sprechen. Sie sprechen lieber über ihren Sieg im Zweiten Weltkrieg und über Stalin, der für den Sieg verantwortlich war. Platz für die Opfer gibt es in diesen Phrasen nicht. Natürlich gibt es einige Gulag-Museen in Russland, in Moskau zum Beispiel gibt es ein sehr gutes. Aber gleichzeitig eröffnen sie neue Stalin-Museen und richten Museen wie Perm-36 neu aus.

Das virtuelle Museum: www.gulag.online

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