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Miteinander, nicht übereinander reden

Auftakt des Fokusthemas »Russland in Europa«

In den kommenden zwei Jahren wird sich die Körber-Stiftung schwerpunktmäßig dem neuen Fokusthema »Russland in Europa« widmen. Zu diesem Anlass lud die Stiftung am 27. April Politiker, Journalisten und Experten aus den Bereichen Bildung und Internationale Politik zu einer Auftaktveranstaltung in das Hauptstadtbüro.

Thomas Paulsen, Mitglied des Vorstandes der Körber-Stiftung, eröffnete die Auftaktveranstaltung mit einer thematischen Einführung des neuen Fokusthemas. Seit der Annexion der Krim und seit dem Beginn des Ukraine-Konflikts befänden sich die Beziehungen zwischen Russland und den meisten seiner europäischen Nachbarn in einer tiefen Krise. Die verhärteten Fronten und die verbale Aufrüstung zeigten, dass ein konstruktiver Dialog und Austausch für ein zukünftig friedliches Miteinander unabdingbar seien, betonte Thomas Paulsen in seiner Begrüßung.
Dem Leitbild der Körber-Stiftung »Miteinander, nicht übereinander reden« folgend, werde der Dialog mit Russland dieses und nächstes Jahr daher ganz besonders intensiv geführt.

Der Trailer zur Umfrage »Russland in Europa« fing deutsche und russische Stimmen zum Thema ein: »Demokratie [in Russland] ist wieder verloren gegangen; Gorbatschow hat sie reingebracht und Putin hat sie wieder vertrieben« äußert sich eine deutsche Befragte, wohingegen eine Stimme aus Russland betont, es gäbe unterschiedliche Vorstellungen darüber, was Demokratie bedeute.

Anschließend stellte Gabriele Woidelko, Leiterin des Fokusthemas »Russland in Europa«, eine von TNS Infratest im Auftrag der Körber-Stiftung durchgeführte Umfrage vor, die ein Meinungsbild der Menschen in Russland und Deutschland über Themen wie Demokratie, Geschichte, Wirtschaft und Werte, zeichnet. In der Frage der Zugehörigkeit Russlands zu Europa befand die Umfrage eine Spaltung der Bevölkerungen beider Länder. Jeweils die Hälfte der Deutschen und der Russen sehen Russland nicht mehr als Teil Europas. Besonders niedrig fällt in beiden Ländern die Zustimmung unter den 30- bis 44-Jährigen aus. Eine gemeinsame Wertebasis zwischen Russland und den übrigen Ländern Europas besteht zudem nur in Teilen. Mit Blick auf Streiks und Demonstrationen, Homosexualität oder die Rolle der Medien unterscheiden sich die Mehrheitsmeinungen in Russland und Deutschland erheblich. Auch hinsichtlich der prägenden historischen Erfahrungen Russlands und Deutschlands zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab: Während für die meisten Russen das aktuelle Verhältnis zum übrigen Europa am stärksten vom Ende der Sowjetunion geprägt wird, stehen für die Deutschen die Wiedervereinigung und der Fall des Eisernen Vorhangs im Vordergrund. Der Zweite Weltkrieg folgt in beiden Ländern erst mit großem Abstand. Wenn es darum geht, mit welchem Land in Zukunft eine stärkere Zusammenarbeit gewünscht wird, nennen die Deutschen Russland dennoch an zweiter Stelle direkt nach Frankreich. In Russland belegt Deutschland sogar den ersten Platz, dicht gefolgt von China.

Gemeinsam mit Andrey Kortunov, Generaldirektor des Russian International Affairs Council in Moskau, Katja Gloger, Journalistin und Autorin, und Janusz Reiter, Gründer und Direktor des Zentrums für Internationale Beziehungen in Warschau, diskutierte die Leiterin des Bereichs Internationale Politik, Nora Müller, im Anschluss über Erkenntnisse aus der Umfrage. Auch hier stand die Frage im Raum, ob Russland nun zu Europa gehöre oder nicht. Die Russen seien europäischer als die Europäer selbst, verhieß Andrey Kortunov und argumentierte weiter, Russland sei der Hüter der europäischen Werte, die sich auf Traditionen, enge Familienzusammenhalte und Patriotismus begründeten. Janusz Reiter hingegen betonte, es gebe verschiedene europäische Traditionen, an die angeknüpft werden könnte. Welche Wahl Russland träfe, sei dem Land selbst überlassen.

Die Diskussion warf darüber hinaus die Frage auf, welcher Umgang mit Russland der richtige sei: Sollte die Europäische Union (EU) auf eine Politik der Stärke setzen, oder ist eine Kooperation mit Russland der richtige Weg zur Überwindung der Krise? Katja Gloger wies auf die Wichtigkeit der Modernisierungspartnerschaft zwischen Deutschland und Russland hin. Priorität der deutschen außenpolitischen Agenda sollten jedoch die ökonomische Partnerschaft und die Wertepartnerschaft darstellen.

Zum Abschluss ergänzten alle Diskutanten die zweite Hälfte des Satzes »Russland bedeutet für mich….«. Janusz Reiter antwortete »(…) eine Herausforderung für lange Zeit.«, Katja Gloger erwiderte »(…) hoffentlich bald wieder mit russischen Freunden an einem Tisch zu sitzen und nicht zu streiten, sondern eine gemeinsame Sprache zu finden«. Andrey Kortunov schloss die Diskussion mit den Worten »Ich hoffe, dass wir nicht noch in zehn Jahren über diese Probleme diskutieren müssen«.

 

Trailer »Russland in Europa« (Video)
Umfrageergebnisse (PDF)
Publikation (PDF)

Kontakt

Gabriele Woidelko
Leitung Bereich Geschichte und Politik
Leitung Fokusthema »Russland in Europa«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 160
E-Mail woidelko@koerber-stiftung.de
Twitter Woidelko

Russland in Europa auf Twitter

Nora Müller
Leitung Bereich Internationale Politik
Leitung Hauptstadtbüro Berlin

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Presse

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Pressereferentin

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 175
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